Das Hotel, wie es die Literatur einst beschrieben hat, existiert nicht mehr

Sind Sie dann hier fertig?

Vicky Baum, Siegfried Kracauer, Christian Kracht und Wes Anderson haben den ikonischen Ort erkundet: Das Hotel war einst das Glücks­versprechen der Massengesellschaft an das Bürgertum. Heute ist es nur ein Durchgangsraum für erfahrungslos Reisende.

In ihrem 1929 erschienenen Roman »Menschen im Hotel« beschreibt ­Vicki Baum die Ankunft eines typischen Vertreters der damals neuen Mittelschicht der Angestellten in einem Berliner Luxusetablissement: »Da stand er nun in der Halle des Grand Hôtel, der Buchhalter Otto Kringelein (…) Er hörte entfernte Musik, er roch Kaffee, Zigaretten, Parfüme, Spargelduft vom Speisesaal und Blumen, die an einem Tisch zum Verkauf aus Vasen strotzten. Er spürte den dicken, roten Teppich unter seinen gewichsten Stiefeln … . Ein Kellner flitzte vorbei, trug ein silbernes Tablett, darauf standen breite, flache Gläser, in jedem Glas war nur ein bißchen goldbrauner Kognak, in dem Kognak schwamm Eis – aber warum wurden im besten Hotel Berlins die Gläser nicht vollgefüllt?«

Motel-One-Hotels werden weiterbestehen, wenn noch das letzte kleinbürgerliche Familienhotel geschlossen ist.

»Menschen im Hotel«, im Untertitel »Kolportageroman mit Hintergründen« genannt, kennt weder Haupt- noch Nebenfiguren, sondern (ein bisschen wie später der Film »Short Cuts« von Robert Altman) nur Nebenfiguren, die zur Hauptsache werden und deren Leben das Buch für den Zeitraum weniger Tage im schnellen kontrapunktischen Wechsel begleitet, wie die Figur des Buchhalters Otto Kringelein, bei dem eine tödliche Magenkrankheit diagnostiziert wurde und der deshalb zum ersten und letzten Mal an einem Ort in der Hauptstadt Berlin wohnen möchte, den er sich sonst nicht leisten könnte. Vom Personal und den anderen Gästen wird er überheblich behandelt, durch seine mangelhaften Kenntnisse großbürgerlicher Umgangsformen wird er Opfer eines hochstaplerischen Barons, der ihm in der Absicht, ihn auszunehmen, immerhin die Theater und Nachtklubs der Hauptstadt zeigt. Ein im Hotel anwesender Arzt behandelt Kringelein, als dieser unter Magenschmerzen zusammenbricht, mit Morphium, und seine Krankheit scheint sich zu bessern. Er traut sich sogar, seine Angestelltenexistenz aufzugeben, und plant gegen Ende des Romans mit dem Ladenmädchen Flämmchen, der enttäuschten Mätresse seines Chefs, die sich in Kringelein verliebt hat, eine Urlaubsreise.

Vicki Baum, die den Nazis als »verjudete Asphaltliteratin« galt, emigrierte zwei Jahre nach Erscheinen von »Menschen im Hotel« in die Vereinigten Staaten und betrat bis zu ihrem Tod 1960 zwar manchmal europäischen, aber nicht wieder deutschen Boden. Das Land, das sie verachten gelernt hatte und in dessen Sprache sie seit 1933 kaum mehr schrieb, hat seit der Wiedervereinigung posthum ihre Mediokrität entdeckt und sie unter missbräuchlicher Verwendung einer ihrer ironischen Selbstbezeichnungen als »erstklassige Schriftstellerin zweiter Güte« abgeheftet. Zumal die Kolportageliteratur, als deren Vertreterin sie sich begriff, ohnehin nur vorhersehbare Handlungsverläufe kenne, die dem Pub­likum den Geist vernebelten: Wenn ein Kleinbürger dem Vorgesetzten die Geliebte ausspannt, ist das banal, weil nur ein kleines Glück, aber kein großer Aufstand dabei herausspringt.

Dabei bietet »Menschen im Hotel«, das von einem im Zerfall begriffenen Kosmopolitismus erzählt, präzisere Beobachtungen über den Zusammenhang von sozialer Er­fahrung, Habitus und Zivilität als sozialwissenschaftliche Erhebungen. Gerade weil Kringelein weder zum Proletariat noch zum Großbürgertum gehört und die Usancen im Grand Hôtel nicht versteht, begreift er sie, einmal wirklich mit ihnen in Berührung gekommen, besser als diejenigen, die sich darin wie Fische im Wasser bewegen. Und gerade, weil Flämmchen so naiv ist, an die große Liebe zu glauben, durchschaut sie, mit durch Enttäuschung geschärfter Erkenntnis, Lügner und Hochstapler besser als diese sich selbst.

Das Großstadthotel ist für solch soziale Physiognomik nicht nur eine Kulisse. Vielmehr ist es ihr topographischer Ursprung. In der Weimarer Republik wurde es zum Ort für die Darstellung des Glücksversprechens wie auch der Überwältigungserfahrung einer Massengesellschaft, die Freiheit und Gleichheit für alle versprach, aber nicht verwirklichte. Romane jener Zeit, wie Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz«, oder auch die Prosatexte Walter Serners, der fast nur in Hotels gewohnt hat, machten den Zusammenhang des Hotel­lebens mit Erfahrungen lust- und angstvoller Zerstreuung zum Gegenstand. Der Detektivroman entdeckte das Hotel als Tatort, dessen gegen die Außenwelt abgegrenzte und labyrinthische Form es erlaubte, einen geschlossenen Kreis einander Fremder zu versammeln.

Siegfried Kracauer widmete in seiner 1925 erschienenen Studie »Der Detektiv-Roman« der Hotelhalle als prädestiniertem Ort des Verbrechens ein Kapitel. Auch die Untersuchungen von Helmuth Plessner über die zivilisatorische Bedeutung des Rollenspiels, die lange vor Pierre Bourdieu den Konnex von Öffentlichkeit und Leiberfahrung des urbanen Bürgers beleuchteten, hatten Erfahrungen, die sich im Hotel kristallisierten, zur Voraussetzung. Seit dem frühen 20. Jahrhundert war Alltagssoziologie Soziologie des Hotels und ästhetische Erfahrung auch die Erfahrung von Hotelhallen, ­Hotelfluren, An- und Abreisen.

Es ist kein Zufall, dass das Grand Hotel in der Gegenwart mit Wes Andersons großteils in Görlitz gedrehtem Film »Grand Budapest Hotel« ein Revival erlebte, der ausgreifende Rückbezüge in die Zeit des frühen 20. Jahrhunderts enthält, in seiner Darstellung des Hotelalltags aber seltsam kryptisch bleibt. Das Leben im Grand Hotel, das lässt sich dem Film deutlich anmerken, kann zwar rekonstruiert, aber nicht gezeigt, nicht lebendig veranschaulicht werden. Deshalb bedient sich Anderson eines hermetischen Historismus, der sich on location nur in einer weit­gehend toten Stadt mit vielen unbenutzten alten Gebäuden filmen ließ: Die Epoche, die sein Film evoziert, ist so fremd geworden, dass sie sich nur als Rätsel darstellen lässt.

Jene Hotels der Gegenwart, die im Konkurrenzkampf mit Angeboten wie Airbnb bestehen können, sind weder Grand Hotels noch Norman-­Bates-Hotels, sondern Nicht-Orte. Als Nicht-Orte (»non-lieux«) hat der ­Anthropologe Marc Augé in seinen 1994 auf Deutsch erschienenen »Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit« Orte bezeichnet, die reine Infrastruktur, Relais- und Transferzonen zwecks Aufrechterhaltung des Menschenverkehrs sind. Als Beispiele nennt er Autobahnen, Supermärkte und Wartezonen in Flughäfen.

Die Transformation des Großstadthotels, das über seine Funktion der Beherbergung hinaus spezifische Erfahrungen ermöglichte und neue Verkehrsformen hervorbrachte, in einen Nicht-Ort lässt sich an der vor 21 Jahren gegründeten und seither international expandierenden Kette Motel One ablesen. Anders als die gesichtslosen Luxushotels, die in den Büchern von Christian Kracht eine Schlüsselrolle spielen, sind Motel-One-Hotels für den Mittelstand bezahlbar. Obwohl die ­Kette damit wirbt, dass ihre Inneneinrichtungen von »lokalen Künstlern« gestaltet werden und einen »individuellen« Charakter haben, besteht der Vorteil dieser Hotels darin, dass man sie wegen ihrer konkurrenzlosen Monotonie und des ekelhaften Türkis ihrer Interieurs selbst dann erkennt, wenn man volltrunken von der Lounge-Bar kommt. Darum findet sich in diesen Hotels meist eine Mischung aus Party-Jugendlichen, Konferenz-Akademikern und Mittelklasse-Freiberuflern ein, die immer unter sich bleiben, sich im Hotel nur zum Arbeiten und Schlafen aufhalten und es sofort verlassen, wenn sie getan haben, wofür sie dort waren.

In Motel-One-Hotels gibt es keine Hotelhalle, nur einen großen Vorraum, der je nach Tagesbedarf zum Frühstücksaal, zum Co-Working-Space oder zur Bar werden kann. Frühstücken bedeutet hier, Bio-Müsli und Brötchen mit Käse- und Wurstbelägen, die es meistens nur in zwei Varianten gibt, auf so unbequemen wie hässlichen Designersesseln hockend herunterzuschlingen, eine Tasse Kaffee mit laktosefreier Milch hinterherzukippen und nie länger als eine Minute zu brauchen, um sich Orangensaft zu holen, weil sonst der Tisch neu besetzt ist. Spätestens nach 15 Minuten werden die Essensreste mit einem kollegialen »Sind Sie fertig, kann ich abräumen?« weggezogen. Die Zimmer sind so geschnitten, dass man in ihnen auf dem Bett liegen und fernsehen, am Laptop arbeiten und duschen, mehr aber auch nicht tun kann. Weil alles an diesen Hotels darauf ausgerichtet ist, die Gäste so schnell wie möglich loszuwerden, um sie durch andere zu ersetzen, dabei aber allen ein Gefühl geschmeidiger Geschäftigkeit zu vermitteln, handelt es sich auch um die perfekten Corona-Hotels: Das Selbstdementi der Gastlichkeit, die Verwandlung freundlicher Gesten in solche autoritärer Fürsorge, die seit eineinhalb Jahren von Vertretern der Dienstleistungsberufe verlangt wird, war hier Standard, lange bevor der Gesundheitsnotstand ausgerufen wurde.

Motel-One-Hotels werden weiterbestehen, wenn noch das letzte kleinbürgerliche Familienhotel geschlossen ist. Doch da es sich bei ihnen um Nicht-Orte handelt, um Orte also, an denen man sich ausschließlich aufhält, um darauf zu warten, sie wieder zu verlassen, an denen sich weder Beobachtungen noch Erfahrungen machen lassen, an denen man Menschen trifft, ohne je einen kennenzulernen, wird es auch keine Vicki Baum mehr geben, die in ihnen über sie schreibt. Dafür müsste man zweckfreie Zeit an diesen Orten verbringen, und das ist in Hotels des neuen Typs weder möglich noch erstrebenswert. Stattdessen kann der Gast auf die »Sind Sie dann hier fertig, kann ich ab­räumen?« guten Gewissens antworten: Ja, das kann wirklich alles weg.