Eine Reportage aus Lyon, Hochburg der Identitären Bewegung

Die Hauptstadt der Identitären

Erwarten die Rechtsextremen in Frankreich einen Sieg von Marine Le Pen? In Lyon, einer Hochburg der Identitären Bewegung, will sich die rechtsextreme Szene nicht so richtig festlegen. Eine Reportage.

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»Salut Fascho!«, sagt Jérôme, »zwei Shots für jeden.« Mit vier Kameraden tritt er in die Bar »Par Saint Georges« ein. »Was habt ihr vor?« fragt Eliot hinter der Theke. »Türken verprügeln nach dem Fußballspiel«, antwortet Jérôme. Er trägt ein T-Shirt, Jogginghose und Laufschuhe. Ausgestattet ist er außerdem mit Lederhandschuhen, Baseballschläger und Sturmhaube. In zwei Stunden beginnt das Rückspiel des Viertelfinales der Europa League, Beşik­taş Istanbul gegen Olympique Lyon. In den Irish Pubs im Stadtviertel wollen Jérôme und seine Freunde ein paar Beşiktaş-Fans finden und aufmischen.

Die Jungs machen es sich zur Mutprobe, den Arm zum Hitlergruß zu heben. Wer sich am längsten traut, ist cool.

Die Bar ist das inoffizielle Stammlokal des Parti Nationaliste Français (PNF) in Lyon. Der PNF lehnt die Demokratie ab und bezieht sich positiv auf das Erbe von Maréchal Philippe Pétain, dem Staatschef zu Zeiten der Vichy-Regierung während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis. Wie der Maréchal Pétain will der PNF heute ein Frankreich, in dem nicht »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«, sondern »Arbeit, Familie, Vaterland« herrschen. Der PNF ist international sehr gut vernetzt. 2015 kamen Vertreter der ungarischen Partei Jobbik zur Neugründung des Parti. Kontakte bestehen auch zur griechischen Chrysi Avgi, und kürzlich nahmen einige Würdenträger des PNF an einem Aufmarsch in Sofia teil.

»Jérôme, hast du den Artikel auf rue89 gesehen, wo sie darüber berichten, wie ihnen aus der rechtsextremen Szene gedroht wird?« fragt der Wirt, während er die Schnapsgläser füllt. Der Hauseingang eines Mitarbeiters des Online-Mediums rue89lyon wurde vor kurzem mit einem Fadenkreuz und der Notiz »wir wissen, wo du wohnst« beschmiert. Jérôme und Eliot lachen. Auf Nachfrage, ob sie dahinter stecken, dementiert Eliot mit einem vergnügt ironischen Unterton. »Du trinkst auch mit, Eliot«, sagt Jérôme zu ihm. Eliot ziert sich erst, er arbeite ja gerade. »Das ist ein Befehl!« sagt Jérôme. Da gibt Eliot nach. Nachdem alle ihre zwei Gläser ausgetrunken haben, beginnt Jérôme, »Sieg heil« und andere Sprüche über die SS und Rudolf Hess zu grölen und darüber, dass »die Öfen wieder angemacht« werden müssten. Ein paar Jungs machen mit. »Warum denn die Öfen wieder anzünden? Es gab doch nie welche!« witzelt einer. Häufig gehen sie geschlossen nach draußen zum Rauchen. Sie sind überwiegend Teenager, maximal Anfang zwanzig. Die Bar liegt in einer engen Gasse. Menschen mit dunkler Haut, Homosexuelle oder etwa Punks haben hier keine Möglichkeit auszuweichen. Zu den Öffnungszeiten der Bar, donnerstags bis samstags zwischen 18 und ein Uhr, sollte, wer nicht »konform« aussieht, besser nicht durch diese Straße gehen. Die Jungs machen es sich zur Mutprobe, den Arm zum Hitlergruß zu heben. Wer sich am längsten traut, ist cool. »Ich habe eine Behinderung. Ich muss den Hitlergruß machen. Diskriminieren Sie mich nicht!« brüllt einer. Die anderen lachen.

Nach außen soll die Bar unscheinbar wirken. Vor der Tür werden die Biercocktails und die »Happy Hour« angepriesen. Die Inneneinrichtung erinnert an einen charakterlosen Partykeller. Direkt an der Eingangstür steht ein kaputter Flipper. An der Glasvitrine hinter der Theke hängen Fanschals von ausschließlich englischen Fußballvereinen. Vor der Toilette hängt ein Plakat, auf dem etliche Biersorten abgebildet sind. Untertitelt ist das Bild mit: »Life is full of difficult decisions«.

Entscheidungen haben hier in Lyon auch junge Faschisten zu treffen. Denn es gibt zahlreiche Gruppierungen mit ähnlicher ideologischer Ausrichtung, zwischen denen sie wählen können.

Circa einen Kilometer von der Bar entfernt hat die rechtsextreme Gruppe Génération Identitaire ihr Stammlokal, in Räumlichkeiten von insgesamt 180 Quadratmetern. Die Stammkneipe der royalistischen Gruppe Action Française liegt nicht weit davon entfernt. Die Groupe Union Défense (GUD) trifft sich auch in einer Bar im Viertel. Wo diese genau liegt, ist bislang außerhalb der rechtsextremen Szene nicht bekannt. Öffentlich ist sie nicht zugänglich.

Dafür kann man Logan Djian, den ehemaligen Anführer der Pariser Sektion des GUD, fast täglich in der Altstadt von Lyon sehen. Er betreibt hier ein Modegeschäft und ein Tattoo-Studio. Auf seinen Wegen durch die Stadt wird er häufig von einem deutschen Schäferhund begleitet. Nachdem die Internet­zeitung Mediapart Videos veröffentlicht hatte, die zeigen, wie er mit anderen einen ehemaligen Kameraden brutal demütigte und misshandelte, wurde er aus Paris ausgewiesen. Daher lebt er heute in Lyon. All diese Organisationen haben auch Verbindungen zum Front National (FN). Philippe Vardon, einer der Gründer der Identitären Bewegung, ist seit 2015 FN-Abgeordneter in einem Regionalparlament. Frédéric Chatillon und Axel Loustau waren in den neunziger Jahren führende Aktivisten im GUD. Mittlerweile sind sie Unternehmer mit zahlreichen geschäftlichen Verbindungen zum FN und einflussreiche Hintermänner von Marine Le Pen.

Nach außen betonen all diese Organisationen stets, unabhängig voneinander zu agieren; eine Zusammenarbeit zwischen den Vereinen existiere nicht. Der örtlichen Antifa zufolge gibt es jedoch immer wieder Anlässe, zu denen sich die gewalttätigen Mitglieder dieser Gruppen zusammenrotten. Das sind in Lyon circa 300 Personen. Sie zerlegen dann indische oder türkische Restaurants in der Altstadt oder verprügeln Fußballfans. In der Bar wird schnell klar, dass es viele Verbindungen zwischen den Gruppen gibt. Als sie über eine Schlägerei sprechen, sagt einer: »Wir hätten die Jungs vom GUD motivieren müssen, auch zu kommen.« Einer, der zu den Identitären gehört, kommt später in die Bar. Er feiert hier seinen Geburtstag und dass er am Vortag einen Platz in einer Journalistenschule bekommen hat. Um mit ihm zu feiern, kommen auch Anhänger der Action Française. »Ich bin für die Einheit der extremen Rechten. Schreib aber bitte nicht, dass du hier einen Identitären getroffen hast und auch nicht meinen Namen«, sagt er. Denn es gebe Leute bei den Identitären, »die gerne einen Krieg zwischen den verschiedenen Bewegungen anzetteln wollen, und die sehen nicht so gerne, wenn wir Identitäre hierher kommen«.

Eliot hat sich die eher kurzen Haare mit Seitenscheitel streng nach hinten gekämmt und das Ganze mit viel Gel stabilisiert. Der 19jährige geht auf ein Lycée professionnel. Sein Job in der Bar »Par Saint Georges« sei so schlecht bezahlt, dass er an der Grenze zum Ehrenamt sei, beklagt er sich leise. Die ideologischen Unterschiede in der Szene erklärt er so: »Die Identitären sind unmittelbar gegen Migration und gegen die Islamisierung. Wir vom PNF sind dagegen eher gegen das System, das die Migration hervorruft. Wir denken, dass wir erst das System ändern müssen, bevor wir etwas gegen Migration tun. Nur so können wir ein Frankreich schaffen, das den Franzosen gehört und, sagen wir, einen Senegal, der den Senegalesen gehört.«

Eliot ist belesen, man kann mit ihm lange über das weite Feld rechtsextremer Ideologien sinnieren, das sich als Gegenreaktion auf den Mai 1968 in Frankreich entwickelte. Mit Fakten kennt er sich hingegen nicht so gut aus. Als er über islamistischen Terror spricht, bringt er viele der jüngeren Ereignisse in Europa durcheinander. Auch über die Situation in den Banlieues weiß er nichts Stichhaltiges. Politisch aktiv ist er seit Ende 2014. Seine Haltung scheint vor allem von einem Ereignis geprägt worden zu sein: Nachdem in Frankreich 2013 die Ehe für Homosexuelle eingeführt worden war, beging der rechtsextreme Intellektuelle Dominique Venner Suizid, angeblich um dagegen zu protestieren. Es erschoss sich vor dem Altar der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Eliot war damals 15 Jahre alt. Auch von den vorangehenden Großdemonstrationen gegen die Homoehe spricht er anerkennend. 2012 und 2013 nahmen an Demonstrationen gegen das entsprechende Gesetz mehrere Hunderttausend Menschen teil. Darunter war die Spitze der konservativen Partei UMP (heute Les Républicains), einige Politikerinnen des Front National und die gesamte rechtsextreme Szene, die für die Eskalation der Gewalt sorgte.

Seinen englischen Vornamen habe ihm seine »linksextreme« Familie gegeben, bei der Eliot noch wohnt. Die Beziehung zu ihr sei trotz politischer Differenzen gut, sagt er. Wie könnte er auch mit seiner Familie brechen, wenn »Familie« eine Säule der Gesellschaftsordnung ist, die er anstrebt? Eliot wird nicht wählen gehen. Jean-Marie Le Pen bewundere er zwar, Marine Le Pen habe jedoch den heutigen Vorsitzenden des PNF, Yvan Benedetti, 2011 aus dem FN rauswerfen lassen. Die Linie des FN heute ist ihm zu populistisch. »In der Partei«, sagt er in Hinblick auf den PNF, »kann aber jeder wählen, wie er will. Es gab keine Anordnung von der Parteiführung.« Das heißt auch nicht, dass der PNF Marine Le Pen strikt ablehnt. Die Identitären hingegen wollen mit der Presse darüber einfach nicht reden. Ein wenig wirkt es, als befürchteten sie, dass es Marine Le Pen schadet, wenn die Identitären sie offiziell unterstützen. Fest steht nur, dass ein Wahlsieg Le Pens die militanten Rechtsextremen stärken würde.