Linke Eltern haben es in der Pandemie nicht immer leicht

Kinder, Küche und Corona

Ob allein, zu zweit, im Wechsel mit dem Ex-Partner oder mit mehreren Leuten: Nachwuchs großzuziehen, ist eine Herausforderung, erst recht in der Pandemie.

Auszeit im Sumpf
Endlich nicht mehr zur Arbeit fahren müssen, ausgedehnte Spaziergänge machen, Kaffeetrinken am Vormittag, gemütliche Abende zu Hause und mehr Zeit mit der Familie verbringen – so hatte ich mir die Elternzeit vorgestellt. Und jetzt das: Man braucht gar kein Kind zur Welt bringen, um das alles genießen zu dürfen! Einige Menschen bekommen das derzeit einfach so, ohne Schwangerschaftsbeschwerden, Geburtsschmerz und Kackewindeln – ich fühle mich betrogen.

So romantisch wie ich mir den Babyurlaub mit ­Elterngeld, die Auszeit von der Lohnarbeit ohne Gängelung durch das Jobcenter, die kostbaren Monate, in denen ich nur liebende Milchmaschine sein darf, vorgestellt hatte, ist es natürlich auch nicht. Die Reproduktionsarbeit, von der man in der Elternzeit nicht ebenso freigestellt wird wie von der Lohnarbeit, ist ein Sumpf, in dem man jeden Tag aufs Neue ­versinkt.

Die Pandemie, die fiese Sau, drückt die Versorgenden tiefer in den Schlamm. Denn größere Kinder müssen nun auch zu Hause bespaßt, bekocht, von Youtube weggezerrt und zum Homeschooling animiert werden. Dabei ist Abstand doch so wichtig für die Gesundheit, der zwischen Eltern und Kindern vor allem, wenigstens ein paar Stündchen am Tag. Ungeimpfte Großeltern eignen sich wegen der Todesgefahr durch ­Enkelviren eher nicht als kostenlose Babysitter. Die Highlights der Elternzeit – Babyschwimmen, Krabbelgruppen, Kurzbesuche bei Fernfreundschaften und längere Reisen – fallen pandemiebedingt aus.

Ohne Frage gibt es weitaus Schlimmeres als mit niedlichem Baby, Fernweh und ohne Sozialleben im Sumpf festzustecken, doch so eine kleine Auszeit vom Geldverdienenmüssen kommt leider nicht so schnell wieder. Dafür kann die Pandemie jedoch nichts. Kinderkriegen ist manchmal aber einfacher, als den Kapitalismus abzuschaffen. 

Nicole Tomasek

 

Wir praktizieren kein Co-Parenting, wir teilen uns keine Betreuungszeiten, wir sind echt keine Hippies. Aber wenn das Kind vor Langeweile nicht mehr weiß, wohin, stehen die Chancen gut, dass es mindestens einem Erwachsenen in der Wohnung ebenso geht.

 

Auszeit im Sumpf
Es ist unnötig, den Wecker zu stellen. Schon vor sechs Uhr vertreibt die Angst den Schlaf. Denn bald werden sie er­wachen: die Kinder. Und sobald sie wach sind, wollen sie etwas: trinken, essen, spielen, basteln, malen, Playstation zocken, Film gucken, andere Eltern. Stets wollen sie auch irgendetwas nicht: aufstehen, anziehen, Zähne putzen, Haare kämmen, diese Eltern. Und egal, ob sie etwas wollen oder auch nicht: Es muss sofort sein.

So verhielt es sich vor der Pandemie. Das war gut, denn es gab Unterbrechungen: Die Eltern gingen ihrer Arbeit nach, die Kinder in die Schule, wo sie das eigene Wollen und Nichtwollen mit dem Wollen und Nichtwollen von Mitschülern, Lehrerinnen und Erziehern arrangieren mussten. Seit einem Jahr herrschen allerdings Homeoffice, Homeschooling, Kurzarbeit und somit: auf die eigenen vier Wände be- und gerade deshalb entgrenzter Wahnsinn.

Etabliert hat sich ein geradezu feudales Verhältnis zwischen Herren (Kinder) und Dienern (Eltern). Das schlichte und bisweilen sogar freundlich formulierte Wollen ist einem Beharren auf unbedingtem Gehorsam gewichen, vorgebracht in einem unnachgiebigen Befehlston. Das kindliche Schmollen bei elterlicher Verweigerung ist Vergangenheit, stattdessen herrscht ein Sanktionsregime, dessen drakonische, per­fide Strafandrohungen (»Ich höre jetzt ganz laut Crazy Frog!«, »Na, mal sehen, was das Jugendamt sagt, wenn ich da gleich anrufe«) eine paranoide Stimmung erzeugen. Als weitere Bürde der Knechtschaft überhäufen Lehrerinnen und Lehrer die Eltern mit pädagogischer Fronarbeit, die abzuleisten den ohnehin nur noch zitternden Wracks den letzten Rest an Leben entzieht.

Häufig war im vergangenen Jahr von Kindeswohlgefährdung die Rede – ein Hohn! Für das Elternwohl ist mittlerweile alles zu spät. Damit muss ich nun schließen, denn ich werde gerufen. In unnachgiebigem Befehlston. 

Markus Ströhlein

 

Von Dorf zu Dorf

Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Na, dann sind wir ja ganz gut aufgestellt, dachte ich im Juni 2019 noch, als wir das Wochenbett im Haus­projekt des Vaters verbrachten, weil in meinem neue Fenster eingebaut wurden. Ärgerlicher Zufall, dass errechneter Geburtstermin und Fenstereinbau auf den gleichen Tag fielen. Aber so ist nun mal das Leben, und das Leben in und zwischen zwei Hausprojekten ist sowieso kaum planbar, insbesondere seit März vorigen Jahres nicht. Als der Nachwuchs anfing, in der Gegend herumzuspringen und sich für die Außenwelt zu interessieren, galt diese als potentiell infektiös.

Bereits im vergangenen Sommer habe ich fast täglich davon gesprochen, dass der Sprössling später ein völlig verzerrtes Bild von Berlin-Neukölln weitergeben wird – von einer Kindheit im Garten, von Bienen, Schaukeln, viel Grün und Ruhe –, weil er die meiste Zeit in den idyllischen Innenhöfen der beiden Hausprojekte verbrachte. Aber seit dem Herbst ist so viel Ruhe eingekehrt, dass wir, hier wie dort, nur noch Einzelne in geschlossenen Räumen treffen. Fast alle potentiellen Mitgroßziehenden bleiben irgendwie auf Abstand oder sind mit dem Homeoffice, ihrem Leben oder was auch immer total beschäftigt. Oder sie haben einfach vergessen, dass ein Abend ohne Kind für Eltern im Pandemiemodus ein Riesengeschenk wäre. Aber selbst, wenn diesen Wunsch jemand erfüllen wollte, was soll ich denn tun an meinem freien Abend? Die letzten Konzerte habe ich mit Kind im Bauch besucht. Ja, richtig, mein Kind hat meine letzten Konzerte mit mir verbracht. Wann die konzertfreie Zeit und das isolierte Leben in zwei Hausprojekten enden, ist nicht abzusehen. Dabei schienen die beiden Dörfer doch der beste Schutz vor der Kleinfamilie zu sein. Corona, verpiss dich! 

Chris Bischoff

Etabliert hat sich ein geradezu feudales Verhältnis zwischen Herren (Kinder) und Dienern (Eltern). Das schlichte und bisweilen sogar freundlich formulierte Wollen ist einem Beharren auf unbedingtem Gehorsam gewichen, vorgebracht in einem unnachgiebigen Befehlston.

Licht und Liebe

Manche Menschen halten sich für den Mittelpunkt ihres positiven Universums, das Licht und Liebe gleichermaßen durchströmen. Ich dagegen bin Mittelpunkt eines digitalisierten Informationsflusses, der unser im Wechselmodell organisiertes Eltern­leben inmitten einer globalen Pandemie beherrscht. Ich sorge dafür, dass jedes Kind zu jedem Zeitpunkt und vor allem an jedem Ort Schuhe, ein Kuscheltier und eine Brotdose hat. Dazu vernetze ich den Schul-Messenger und die Eltern-Whatsapp-Gruppe, zwei mit digitalen Endgeräten ausgestattete, un­geimpfte Großmütter sowie ein zweites Elternteil, das aus Prinzip nur analog kommuniziert.

Neben der Arbeit natürlich, die seit Beginn der Pandemie digital entgrenzt ist. Freizeit ist Arbeitszeit ist Pause ist Kinderbetreuung ist Trost-Onlineshopping ist Hintergrundauswahl bei der Videokonferenz. Ich will nicht meckern, daran sterbe ich immerhin nicht, und waschen muss ich mich auch nur selten. Aber die Aufforderung, im Homeoffice zu arbeiten, war ja nicht mehr als eine Empfehlung, U-Bahnen, Supermärkte und Fabrikhallen blieben voll.

Um die Kinder früh an das Prinzip heranzuführen, dass Wertschöpfung vor Gesundheitsschutz kommt, beschloss Berlin, die Grundschulen wieder zu öffnen – für drei Stunden am Tag. Natürlich muss man danach immer noch mit dem Nachwuchs Arbeitsblätter ausfüllen, weil die Zeit in der Schule für Frontalunterricht draufgeht. Dass sie ihre Kinder wieder in die Schule schicken können, während sich die dritte Welle der Pandemie aufbaut, ist für viele, offenbar sozialdarwinistisch eingestellte Erziehungsberechtigte aus unserer mehrheitlich weißen Friedrichshainer Elternschaft ein Zeichen kommender Freiheit. »Also WIR freuen uns total, dass endlich wieder Sportunterricht ohne Maske stattfindet. Genießt die Sonne!« schreibt Nutzerin loveandlight in der Whatsapp-Gruppe.

»Hast du den Elternbrief gelesen?« frage ich den Vater meiner Kinder am Telefon. »Nee, hattest du mir einen geschickt?« Ist auch egal, ich bestelle noch ein paar Schnelltests. Licht und Liebe werden uns überdauern. 

Viola Nordsieck

 

In der Lockdown-WG

Als in den fünfziger Jahren die Klein­familie in Deutschland zur Norm wurde, war das für viele befreiend. Man hockte nicht mehr so eng aufeinander und musste als junge Familie nicht unter den strengen Augen der Eltern oder Schwiegereltern leben. Besonders für Frauen war das ein Fortschritt. Doch in der Pandemie könnte man sich manchmal ein wenig von der Großfamilie zurückwünschen. Zumindest den Teil von ihr, der mal mitdenkt.

Wenn Eltern zu zweit ihre Kinder im Lockdown bespaßen und beim Homeschooling unterstützen sollen, wird es nämlich eng. Deswegen lebe ich gerne mit meinem Kind in einer WG. Wir praktizieren kein Co-Parenting, wir teilen uns keine Betreuungszeiten, wir sind echt keine Hippies. Aber wenn das Kind vor Langeweile nicht mehr weiß, wohin, stehen die Chancen gut, dass es mindestens einem Erwachsenen in der Wohnung ebenso geht. Zu Hause wurde im vergangenen Jahr opulent gekocht, viel Wein ­getrunken, in der Küche wild getanzt, im Wohnzimmer gezeltet und laut Karaoke gesungen. Es wurde auch geheult und gestritten und geschmollt. Dieses Zusammenleben erleichtert viele Zumutungen des Alltags. Und es schafft auch neue. Denn perfekt ist die Elternschaft im Kapitalismus wohl nie.

Aber das selbstgewählte Netzwerk aus Freundinnen, Bekannten und Mitbewohnern sorgt solidarisch füreinander. Es ist keine starre Gruppe. Manchmal kommen neue Menschen dazu, andere gehen irgendwann, manche kommen vielleicht wieder. Es ist durchlässiger und verzeihender als das alte Modell der Großfamilie. Für mein Kind gehören alle Menschen in unserer Wohnung zur Familie, sie bezeichnet es auch so. Auch Oma und Opa gehören zur Familie, obwohl die weit weg wohnen. Nur weshalb deren WG so klein ist, kann das Kind nicht verstehen. 

Julia Hoffmann

 

Die linksradikalste aller Küchen

Die linksradikalste aller Küchen

Die Diskussion über Co-Parenting ähnelt der über polyamoröse Beziehungsformen. Beim sorgfältigen Abwägen der Vor- und Nachteile fragt man sich bereits: »Und wo sollen die Leute herkommen, mit denen man das macht?« Was das angeht, gestaltet sich auch in der Pandemie nichts schwieriger, was nicht auch sonst nahezu aussichtlos scheint. Eine vernünftige Assoziation von Individuen, die das ordinäre Elternpaar wenigstens auf pragmatisch-organisatorischer Ebene ergänzen könnte, sucht man als werdender Vater vergebens. Alle stecken fest in ihren Leben. Bei der Suche nach Gleichgesinnten trifft man zuerst auf andere Eltern. Sofern man sein Kind aber nicht um jeden Preis und völlig unironisch linksradikal erziehen möchte, gilt man Eltern, die in dieser Hinsicht dogmatisch sind, bereits als konservativ. Dabei täten insbesondere ihnen bürgerliche Umgangsformen wie Höflichkeit gut; sie würden es ihnen erlauben, in ­einer harmlosen Absage zu schreiben, dass man sich kein gemeinsames Zusammenleben vorstellen kann, nachdem man in einem mehrstündigen Vorstellungsgespräch in der vorgeblich linksradikalsten aller Küchen Persönliches von sich erzählt hat.

Auch die eigene WG lässt einen hängen. Gibt sie sich in Sachen Kinder zunächst locker und interessiert, verliert sie die Geduld, sobald ihr klar wird, dass diese kein Planspiel mehr für die Zeit irgendwann nach der Abschlussprüfung sind und daher nicht mehr als ein Tagesordnungspunkt unter vielen von einem Plenum zum nächsten geschoben werden können. Spätestens aber, wenn man wieder mal mit den eigenen Eltern telefoniert und ihre Hoffnung spürt, der in die sündige Großstadt gezogene Sohn werde durch das Balg, das bald geboren werden soll, zurück auf den bürgerlichen Pfad der Tugend finden, weiß man, dass alles ganz anders werden muss. 

Nathan Reuse