Dschungelbuch

Kunst weiß alles

Zwölf Jahre nach ihrem Erscheinen werden Ronald M. Schernikaus »Tage in L.« neu aufgelegt.

Es war in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch der DDR, als Michail Gorbatschow in Westdeutschland zum populärsten Politiker aufstieg und mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verbunden wurde. Seine Parolen »Glasnost« und »Perestrojka« lösten eine Euphorie aus, als liege Tschernobyl nicht in der Sowjetunion, sondern in Stade, als gälte es die Bundesrepublik zu öffnen und umzubauen, und nicht den bösen Bruder DDR. In dieser Zeit, als die Bevölkerung des Ostens mit aller Macht nach dem goldenen Westen drängte, ging jemand einen anderen Weg: Es war der Dichter Ronald M. Schernikau.

Am 6. Mai 1986 hatten die DDR und die Bundesrepublik nach über zwölf Jahren Verhandlungen ein Kulturabkommen abgeschlossen, in dem sie eine weitreichende Zusammenarbeit »im Rahmen ihrer Möglichkeiten« vereinbarten. Schernikau nahm als einziger Westdeutscher die Möglichkeit wahr, im Rahmen des Abkommens am Johannes R. Becher-Institut für Literatur in Leipzig zu studieren.

Er hatte sich schon 1980 - gerade mal 19jährig - einen Namen mit der »Kleinstadtnovelle« gemacht, die den Alltag und das Coming Out eines homosexuellen Jungen in der westdeutschen Provinz beschrieb. Danach ging er nach Westberlin und trat der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins bei. Das war für ihn naheliegend, denn: »ich staune jedes mal neu, wenn ich bemerke, dass jemand kein kommunist ist. der kommunismus liegt so auf der hand! aber vielleicht haben die anderen keine hand?«

Er schrieb Texte, u.a. für Marianne Rosenberg, veröffentlichte auch einige kleinere Sachen und wurde eine Diva der schwulen Szene. Er wollte ein Star werden: »die Milva der deutschen Literatur« - wie er 1982 sagte -, »mit ihrer Kommunismusnähe« auf »den Flügeln bunter Träume« schweben. Im September 1986 ging er in die DDR und erwarb 1989 die Staatsbürgerschaft des Landes, in dessen Hauptstadt er zwei Monate vor dem Mauerfall übersiedelte.

Bereits im Mai 1988 hatte er im Leipziger »Institut für Weltbeschreibung« - wie er es nannte - seine essayistische Abschlussarbeit eingereicht: »DIE SCHÖNHEIT VON UWE, DIE LOSUNG 43 UND DER SPASS DER IMPERIALISTEN. DARÜBER, DASS DIE DDR UND DIE BRD SICH NIEMALS VERSTÄNDIGEN KÖNNEN, GESCHWEIGE MITTELS IHRER LITERATUR«. Dieser Essay wurde im Frühjahr 1989 in überarbeiteter Form unter dem Titel »DIE TAGE IN L. darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur« im Konkret Literatur Verlag publiziert, der das Buch jetzt erneut aufgelegt hat.

Der Essay gliedert sich in acht Kapitel, von denen zwei aus so genannten »Einlagen« bestehen. Es sind Gespräche mit Westdeutschen über die DDR und Erfahrungen in Tagebuchform, die er im Rahmen seines Studiums beim Tagebau in der DDR im Spätsommer 1987 gesammelt hat. Vier Kapitel stellen jeweils die Sicht der Bundesrepublik und der DDR auf sich und auf das andere Land dar. Ein weiteres beschreibt DDR-Bürger, die in den Westen gegangen sind. Ein letztes ist der umgekehrten Bewegung gewidmet: »BRD GEHT IN DDR. DIE LETZTE BASTION«. Es besteht aber nur noch aus vier Zitaten und zwei eigenen Sätzen.

Denn in dem Moment, in dem die Bundesrepublik in die DDR gegangen ist, gibt es diese nicht mehr und damit auch nicht mehr den Gegenstand der Untersuchung. Der Text ist durchgängig ohne Großbuchstaben geschrieben, jedem Kapitel ist eine Vielzahl auf den ersten Blick zusammenhangloser Zitate vorangestellt. Die Kapitel sind meist in mehrere Abschnitte gegliedert, deren einzelne Absätze auch als selbständige Anekdoten, Aphorismen, Dialoge, Witze, Parodien, Trauerspiele, Kurzgeschichten oder Lehrsätze gelesen werden können. Gleichzeitig folgen jedoch alle diese Erzähleinheiten einer assoziativen Logik und arbeiten systematisch mehrfach aufeinander bezogene Bilder und Charakteristika der beiden antagonistischen Staaten heraus.

Die Materialien, die Schernikau für diese Montage benutzt, nimmt er vor allem aus Presseberichten, Radiosendungen, Theatervorführungen, Erzählungen von Freunden, aus eigenen Erlebnissen und Beobachtungen, kaum aus dem, was gemeinhin unter belletristischer Literatur verstanden wird - wie man es wegen des Untertitels des Werks erwarten könnte. Wobei »Literaten« aus Ost und West natürlich andauernd auftreten, aber nicht durch ihre Werke vermittelt, sondern in persona: Wenn sie bei öffentlichen Auftritten hüben und drüben zu verstehen geben, dass sie die andere Seite nicht verstehen.

Dieses Unverständnis rührt nach Schernikau daher, dass die DDR-Literatur für den Westen einzig als Dissidenz oder Systemkritik existent sei, ansonsten aber nicht wahrgenommen werde. Im Osten hingegen werde nur die sozial engagierte und betroffen machende BRD-Literatur verlegt, für die sich keiner interessiere. Literatur, die tatsächlich die schreckliche und eklige Wirklichkeit im Westen beschreibe, wolle die Zensur ihren Bürgern nicht zumuten. Um zu dieser immer wieder variierten, anhand verschiedener Themenbereiche konkretisierten These zu kommen, montiert Schernikau die von ihm dargestellte Welt so, wie er sie haben will; »- darf man das? darf man auswählen? darf man sich die welt aussuchen? ich mache es kurz. die antwort lautet ja.«

Dieser Eklektizismus Schernikaus veranlasste Manfred Dworschak 1989 in einer Rezension zu der Kritik: »Es leidet sehr an seiner Ungeduld. Es ist ungenau. Immer will Schernikau gleich Gültiges verlautbaren. (...) So wird das Lesen manchmal zur Knochenarbeit. Man müht und müht sich, und dann stellt sich heraus: um nichts. (...) Die bemerkenswertesten Kleinigkeiten scheinen ohne Belang, wenn sie in den Gußformen großartiger Sentenzen klappern. (...) Schernikau, scheint es, war mit dem Thema fertig, bevor er damit angefangen hat.«

Auch Peter Hacks hatte nach der ersten Lektüre der dem Leipziger Literaturinstitut vorliegenden Version des »naturalistischen Essais« den Eindruck: »Der Text läßt die Vermutung zu, er sei nicht bloß auf dem, sondern in den Komputer geschrieben. Komputer sind oberflächlicher und haben weniger Sinn für Zusammenhang als Hände (falls man, sagt Schernikau, Hände hat). Merke: Das Weglassen der Großbuchstaben ist Selbstbetrug. Man täuscht sich eine Eleganz vor, von der man fürchtet, dass man ihrer ermangele.« Doch schon einen Tag später fügte er in demselben Brief an Schernikau die Einschränkung hinzu: »Ihr Buch ist natürlich hochmarxistisch gedacht und glänzend geschrieben; die Verhältnisse der Massen sind schön kalkuliert.«

Heute liest sich das Buch anders, denn die DDR gibt es nicht mehr und auch keinen Ost-West-Konflikt, den man damals noch versuchte auf der »Grundlage beiderseitigen Interesses« durch ein Kulturabkommen zu überwinden. Auch von den Protagonisten des Buches sind die meisten längst und bald wohl fast alle in Vergessenheit geraten.

Was damals an tagespolitischen Bezügen noch als oberflächlicher Naturalismus ohne Belang gelesen werden konnte, ist heute durch über ein Jahrzehnt kritischer Aufarbeitung des DDR-Unrechts weitgehend unverständlich geworden. Dadurch wird der Text jedoch als Kunstwerk lesbar, worauf Schernikau schon im ersten Satz des Buches hingewiesen hat: »nur das offene geheimnis kann niemals entdeckt werden.« Denn: »das geheimnis ist: kunst weiß alles. über selbstverständliches redet man nicht.«

So wird die Lektüre heutzutage zu einer zwar weiterhin mühsamen, doch höchst amüsanten und erkenntnisreichen Reise in die geheimnisvollen Welten zweier Staaten, von denen der eine die zur Zeit vergangene »Zukunft« des Kommunismus repräsentiert, während der andere die immer noch gegenwärtige »Vergangenheit« des Kapitalismus zeigt. Die unwissenden Literaten in Ost und West sind zu literarischen Figuren geworden, die schonungslos die vertanen Chancen einer möglichen Zukunft durchspielen und detailliert aufzeigen, weswegen die kapitalistische Vergangenheit weiter gilt.

Heute liest Schernikau sich aber auch anders, weil man sein Meisterwerk kennt. Den Roman »legende«, deren erste Kapitel er ebenfalls am Literaturinstitut in Leipzig vorgelegt hat (als künstlerische Abschlussarbeit). 1991, kurz bevor er an den Folgen von Aids starb, hatte er ihn beendet, doch erst 1999 fand sich ein Verleger, der mit Hilfe von Subskribenten das monumentale Stück publizierte. Die Bestandteile der »legende« sind wie die Bücher, Kapitel und Verse der Bibel durchnummeriert. Die Nummern können aber auch Dokumentennummern eines Archivs sein, das Material für die Legende von einer besseren Zukunft enthält. Liest man die vielen kleinen Erzähleinheiten der »TAGE IN L.« ebenfalls als solche Zukunftsdokumente, dann steht L nicht nur für Leipzig oder für Literatur, sondern auch für Legende: Die Tage in Leipzig waren wie diejenigen der DDR gezählt, die Legende davon lebt weiter in Form von Literatur.

Auch wenn die »legende« in den Feuilletons so gut wie nicht beachtet worden ist - die wenigen, die sie gelesen haben, waren begeistert. Einige sahen in ihr den so lange von den Literaturkritikern geforderten Roman über die Wende. Nun schreibt Hermann L. Gremliza im Vorwort zur Neuauflage von den »TAGEN IN L.«, diese seien »das Buch über die Wende, über den Tod der DDR, nach dem das Feuilleton die Dichter des Landes seit zehn Jahren vergeblich fragt«.

Natürlich handelt es sich bei beiden nicht um den Essay oder den Roman, nach dem das Feuilleton fragt, das sagt schon der Untertitel des ersten: Dort, wo die Deutschen vor 1989 Annäherung und Dialog, nach 1989 Zusammenwachsen und Einheit suchten, fordert Schernikau Differenz und Trennung beider Seiten, behauptet die Unmöglichkeit einer Verständigung. Die Berliner Mauer war daher für ihn das schönste Bauwerk Europas, weil sie den Fortbestand der DDR sicherte - womit er gleichzeitig natürlich Andy Warhol zitierte, dass Moskau und Peking nichts Schönes haben, da es dort keinen McDonald's gebe.

Heute gibt es die Mauer nicht mehr. Gorbatschow hat McDonald's nach Moskau gebracht. Europa ist hässlich geworden. Wer das nicht versteht, muss »DIE TAGE IN L.« lesen. Schernikau: »die schönsten witze habe ich denen erzählt, die sie nicht verstehen.«

Ronald M. Schernikau: »Die Tage in L.« Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2001, 216 S., DM 30