»Missbrauch und Gewalt«

Immer mehr Kinder in Deutschland leiden unter psychischen Krankheiten. Ein Gespräch mit Joachim Hübner, dem Vorsitzenden der Bundesarbeitsgemeinschaft der Träger psychiatrischer Krankenhäuser. Small Talk von Stefan Wirner

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Wie ist die Lage genau?

Eine aktuelle Studie, in der 3 000 Eltern befragt wurden, zeigt, dass bei 22 Prozent der Kinder Hinweise auf psychische Auffälligkeiten bestehen. Andere Studien kommen zu vergleichbaren Ergebnissen, was die Behandlungsbedürftigkeit angeht. Man muss davon ausgehen, dass etwa zehn Prozent der Kinder schwere psychische Störungen haben.

Woher rührt das?

Diese Probleme existieren vor allem in Familien mit schwieriger Familienstruktur, also in den unteren Einkommensschichten. Das hat mit dem Problem der Armut zu tun. In den einkommensschwachen Familien kommt es zu Vernachlässigungen, zu Missbrauch und Gewalt. Und das führt zu Krankheiten bei den Kindern, die sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen können.

Was müsste die Bundesregierung tun?

Wir sind ja eine Arbeitsgemeinschaft von Klinikträgern und betreiben auch Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Wir haben das große Problem, dass wir die Qualitätsstandards, die für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen nötig sind, nicht mehr erfüllen können. Wir bekommen sie über unsere Pflegesätze nicht mehr finanziert. D.h. dass wir nur noch zu 80 Prozent das Fachpersonal beschäftigen können, das wir zur Behandlung brauchen: also Ergotherapeuten, Psychologen, Krankenschwestern. Deshalb appellieren wir an die Gesundheits- und Familienminister der Länder und des Bundes, dass uns durch eine Änderung der Bundespflegesatzordnung ermöglicht wird, die Qualitätsstandards einzuhalten.

Eine andere Forderung wäre, etwas gegen die Armut zu unternehmen.

Das ist eine politische Forderungen. Wir werden aber die Familienminister auf diese Zusammenhänge hinweisen.