Die Rede von Cem Özdemir gegen den Antrag der AfD zu Deniz Yücel

Die AfD mitten ins Deutsche treten

Viele Linke fanden die Rede von Cem Özdemir "zu patriotisch". Ein Kommentar.
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Wer jetzt, da die AfD die SPD in Umfragen bereits überholt hat, immer noch nicht begreift, wie ernst die Lage ist, ist entweder jemand, der Politik weder versteht noch gestalten will, oder ein Kader-Linksextremist, der sich angesichts der drohenden Zerstörung der bürgerlichen Demokratie die Hände reibt und davon träumt, auf dem Trümmerfeld, in das die neuen Nazis Europa sicherlich verwandeln würden, endlich seine Diktatur des Proletariats zu errichten. Oder er ist ein Nazi.

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Cem Özedmir ist nichts von all dem.

Der frühere Vorsitzende der Grünen nützte eine von der AfD angezettelte Bundestagsdebatte über Deniz Yücel dazu, die geistigen Nachfolger der NSDAP dorthin zu treten, wo es diese Leute wirklich schmerzt, nämlich mitten ins Deutsche. In einer emotionalen Rede sprach er den AfDlern rundweg ab, deutsche Patrioten zu sein, richtete ihnen aus, „aus dem selben verfaulten Holz wie Erdogan geschnitzt“ zu sein und sogar, horribile dictu in Germania, zur russischen Fußballnationalmannschaft zu halten statt zur deutschen.

Özdemir war aufrichtig empört über die ausgesuchte Niedertracht der  Deutschnationalen, einen Journalisten, der eben erst ein Jahr seines Lebens in einem türkischen Gefängnis verbringen hatte müssen, im deutschen Parlament vor ein Tribunal zu zerren, das die angeblich „antideutschen“ Schriftwerke dieses Journalisten verdammen sollte.

In den sozialen Netzwerken gab es viel Beifall für Özdemir, aber auch Kritik einiger Linker wegen seiner positiven Bezugnahme auf Deutschland und weil er der AfD, so twitterten manche, „ausgerechnet mangelnden Patriotismus“ vorwarf. Der Grüne zeichnete in seiner Brandrede ein idealisiertes Bild von diesem Land und sprach von einem Deutschland, das es in dieser Form gar nicht gibt.

 

Rechtsextremisten zapfen das in jeder Bevölkerung und insbesondere der deutschen vorhandene Reservoir pathischer Emotionen an. Dem kann man nicht mit Ratio allein begegnen, man muss schon auch mal selber zeigen, dass man Gefühle hat, dass man zur Empörung gegen die Inhumanität fähig ist.

 

Es ist aber das Deutschland, wie es sich Demokraten wünschen und wie es sich selbst gerne darstellt. Ein Deutschland, in dem eine wenigstens in Grundzügen an den Menschenrechten orientierte Rechtsstaatlichkeit gilt, wo Journalistinnen nicht verfolgt oder ermordet werden, wo man keine Minderheiten unterdrückt oder totschlägt und wo man aus der Geschichte gelernt hat, antidemokratische Regungen zu ächten.

Nein, das ist nicht die Realität in diesem Deutschland, wo die neuen Nazis zusammen mit Boulevardzeitungen und gut trainierten Social-Media-Kampftruppen die zivilisatorischen Errungenschaften wieder abschaffen möchten und „Bild“-Redakteure im Fernsehen fordern, die Justiz solle sich mehr am „gesunden Volksempfinden“ orientieren. Nein, in diesem Land, wo Gerichte ernsthaft Anfangsermittlungen gegen linke Zeitschriften wegen „Volksverhetzung“ beginnen und rassistische Netzwerke in Polizei und Geheimdiensten offenbar rechte Mörder schützten, ist nichts so harmlos, wie es zum Beispiel jenen Menschen, die aus Afghanistan oder Syrien hierher fliehen, von außen erscheint. Aber es gab in Deutschland, erzwungen durch die Siegermächte und vorangetrieben von gar nicht so wenigen Politikern und Politikerinnen, Gegenströmungen zur beklagenswerten Neigung vieler Deutscher zur Barbarei.

Das war und ist ein andauernder Kampf und diesen Kampf drohen nun die Barbaren zu gewinnen. Öffentliche Äußerungen, vor allem aber interne Mails und Chatverläufe in der AfD machen klar: Es ist ein Kampf, bei dem es um Leben und Tod geht. In so einem Kampf ist jedes Mittel recht, und sei es auch, die Neonazis mangelnder Liebe zu Deutschland zu überführen.

Rechtsextremisten zapfen das in jeder Bevölkerung und insbesondere der deutschen vorhandene Reservoir pathischer Emotionen an. Dem kann man nicht mit Ratio allein begegnen, man muss schon auch mal selber zeigen, dass man Gefühle hat, dass man zur Empörung gegen die Inhumanität fähig ist. Özdemirs Rede war ein Anfang.