In einem israelischen Altersheim leben deutsche Juden, die nach Palästina flüchteten

Die letzten Zeugen

Im israelischen Ramat Gan leben in einem Seniorenheim der Organisation für Einwanderer mitteleuropäischer Herkunft deutsche Juden, die in den dreißiger Jahren nach Palästina geflüchtet sind, und Überlebende des Holocaust.

Lillit Pavell gehört zu den letzten der rund 40 000 Juden deutscher Herkunft, die in den dreißiger Jahren vor den Nazis nach Palästina geflüchtet sind und zu Mitbegründern des Staates Israel wurden.
Ihren Lebensabend verbringt die 103jährige in einem Heim der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft in Ramat Gan. Lillit Pavell ist die älteste Bewohnerin des Heims. Ein großer Kraftakt ist für sie der tägliche Weg in den Speisesaal, den sie im Rollstuhl sitzend immer noch selbst bewältigt.
Lillit kommt aus Stettin, wo sie auf das Auguste-Victoria-Gymnasium ging und an der Universität Musik und Philosophie studierte. Nach der Machtübernahme der Nazis wanderte sie 1933 mit ihrem Mann Hanan nach Palästina aus. Ihr Mann hatte eine Anstellung als Architekt in Tel Aviv gefunden und wurde nach einigen Jahren Stadtplaner. Bis zu ihrer Ankunft im Yishuw, dem vorstaatlichen jüdischen Gemeinwesen in Palästina, hießen die beiden Heinz und Lotte.
In seinem Elternhaus sei Deutsch gesprochen und Mittagsruhe eingehalten worden, erzählt ihr Sohn Dan, der 1938 geboren ist. Erst als er in die Schule gegangen sei, hätten seine Eltern angefangen, sich mit ihm auf Hebräisch zu unterhalten.
Zu den bleibenden Erinnerungen von Lillit Pavell gehören die Kammermusikabende, die in ihrem Salon stattfanden. Musik galt als wichtiger Bestandteil der Kultur, auf deren Pflege die deutschen Einwanderer Wert legten. Mit merklicher Leidenschaft erzählt Lillit vom Zustandekommen und Ablauf solcher Abende und der Hingabe an die Musik. Alle deutschen Musiker in der Stadt hätten sich untereinander gekannt und zu Trios und Quartetten zusammengeschlossen. Ihr Salon habe dabei eine besondere Bedeutung gehabt, da sie ein Klavier besaß.
Bevor sie als Bewohnerin in das Heim ging, hielt sie dort musiktheoretische Vorträge, und als sie einzog, vermachte sie ihr Klavier der Station, auf der sie heute gepflegt wird.
Die musikalischen Abende, erinnert sich Dan, waren wie eine Brücke in die alte Welt. Dabei dachten Lillit und ihr Mann nie daran, tatsächlich nach Deutschland zurückzukehren. Ihre widersprüchlichen Gefühle gegenüber ihrer alten und der neuen Heimat hat Lillit in ihren Gedichten verarbeitet. Es sei ihr lange unmöglich gewesen, Gedichte auf Deutsch zu verfassen, erzählt sie. Ihr erstes deutsches Gedicht hatte den Titel »Vergessene Kindheit«. Zu den fernen Ländern, die sie in ihrem Gedicht erwähnt, gehört Äthiopien, wohin ihr Mann als Stadtplaner geschickt wurde und wo sie einige Jahre lebte. Sie hat die Zeit in dem afrikanischen Land in guter Erinnerung.
Ihr literarisches Werk findet sich in der gut sortierten deutschsprachigen Bibliothek des Heims neben den gesammelten Werken der kanonisierten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. In der Zeitschriftenauslage in der Eingangshalle finden sich viele deutsche Blätter. Viele Bewohner unterhalten sich untereinander oder ab und zu auch mit ihren Kindern auf Deutsch.
Der wöchentlich erscheinende Veranstaltungskalender im Heim ist zweisprachig verfasst und umfasst eine Vielzahl von Vorträgen sowie Musik- und Literaturangebote. Das Programm verweist auf den bürgerlichen Bildungshintergrund der Bewohner. Es gibt Vortragsreihen und Vorträge von Experten zu einzelnen Fachgebieten. Jede Woche beschäftigt sich im Kultursaal ein Vortrag über klassische Musik mit einem Komponisten und seinem Werk. Die Vorträge haben meist kunstgeschichtliche oder geschichtliche Themen, oft haben sie einen Bezug zum Judentum. Das Angebot umfasst Gymnastik, Literaturklassen, einen Bibelkreis, Singgruppen und Kunsthandwerkskurse.
Ab und zu finden Konzerte statt, meist samstagabends im Kultursaal oder im Sommergarten – vom Harfen- bis zum Klezmerkonzert. Zuletzt gab es eine Reihe mit Tango. Bei den Bewohnerinnen und Bewohnern des Heims ist jenes liberale Bildungsbürgertum aufgehoben, das in Mitteleuropa seit dem Zweiten Weltkrieg keine Entsprechung mehr hat. Die mitteleuropäischen Juden hatten ausgeprägte Sitten, Gebräuche und Umgangsformen. Auf der Pflegestation sind die kulturellen Spuren noch erkennbar, obwohl sie vom Alterungsprozess zum Teil verwischt werden. Bildungsanspruch, eine gewisse Förmlichkeit und ein ausgeprägter Ordungssinn lassen das Heim sehr »deutsch« wirken.

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Im Zimmer von Henni Rothschild, geborene Henni Luise Sturm, gibt es eine Kommode, die noch aus Deutschland stammt, auf der die Bilder ihrer Urenkel stehen. Als 17jährige erlebte Henni mit ihrer Familie die Reichspogromnacht in ihrer Wohnung in München in der Geyerstraße. Ängstlich hätten sie zu Hause gesessen, erinnert sich Henni, nicht wissend, was als Nächstes kommen würde. Der Lärm des Pogroms drang durch die Fenster in ihre Wohnung. Die nahegelegene Synagoge ging in Flammen auf. Die Fabrikantenfamilie fasste endgültig den Entschluss zur Flucht. Obwohl die Ausreise schon lange Thema war, zögerte die Familie bis 1938, Deutschland den Rücken zu kehren. Dabei waren sie von den meisten Nachbarn längst als Juden angefeindet worden. Aber ihr Vater hätte sich nur schwer von seiner Fabrik für Pappen nahe dem Isar-Ufer trennen können, erzählt Henni.
Ihren Kleidungsstil und die Art zu kochen änderte sie in der neuen Heimat nicht, in der Familie wurde auch weiter Deutsch gesprochen. Mit dem Festhalten an der Sprache, aber auch an der bürgerlichen Etikette verweigerten sich die deutschen Einwanderer den Forderungen der osteuropäischen Pioniere, die das jüdische Gemeinwesen in Palästina dominierten.
Henni Rothschild erinnert sich, dass sie mit ihren Eltern oft ins philharmonische Orchester gegangen sei, wo die deutschen Einwanderer stets an ihrer feinen Kleidung zu erkennen gewesen seien. Außerdem seien sie oft zu Konzerten in die von deutschen Juden gegründeten Mittelstandssiedlungen gefahren, in denen sich ein reiches Musikleben entwickelte.
Henni Rothschild heiratete einen Einwanderer aus Dinslaken. Ihr Beitrag zum israelischen Aufbauwerk war die Gründung eines Hilfsvereins für autistische Kinder. Wenn sie morgens auf 3 Sat ins Alpen-Panorama schaltet, wünscht sie sich, noch einmal Schnee zu sehen. Aber sie macht auch klar, dass sie Deutschland ablehnt. Sie sei nie wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt und habe nie geglaubt, dass sich die Deutschen geändert hätten.
Dass im Sommer auf israelfeindlichen Demonstrationen »Hamas, Hamas, Juden ins Gas« gerufen wurde und es aus den Demonstrationen heraus zu Übergriffen auf Juden und jüdische Einrichtungen kam, wundere sie nicht, sagt sie. Die Dämonisierung Israels in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung knüpft ihrer Meinung nach an die Verleumdung der Juden an, die sie selbst auf schmerzhafteste Weise erfahren hat.

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Ganz im Gegensatz zu Henni war Gertrud überzeugt davon, dass sich die Deutschen geändert hätten. Sie müsse den wiederaufkeimenden Antisemitismus in Deutschland »erst noch verdauen«, sagt sie. Gertrud kann sich noch an die große Villa ihrer Großeltern und Eltern in Bremerhaven erinnern. Der Großvater von Gertrud, ein Bruder des Verlegers und Zionisten Salman Schocken, besaß mit seiner Frau zwei Kaufhäuser. Wie Henni erlebte auch Gertrud die Reichspogromnacht mit. Danach flüchtete sie mit ihrem Vater nach Palästina. Ihre kranke Mutter blieb mit der Großmutter in Bremerhaven. Beide wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Eine Tante von ihr wurde vor den Augen ihrer kleinen Kinder von der Gestapo erschossen.
In Tel Aviv lebte Gertrud mit ihrem Vater in einer sehr bescheidenen Wohnung. Auch sie sprachen in der Familie – auch mit Onkel Salman – Deutsch. Sie habe sich die Judenfeindlichkeit immer als Reaktion der Zukurzgekommenen in der Gesellschaft vorgestellt. Ein Phänomen, das mit der eigenen Notlage zu tun habe. Als sie aber im Rahmen einer Dokumentation über die Bewohner des Heims und deren Blick auf Deutschland mit den Artikeln von Jakob Augstein konfrontiert wurde, urteilte sie, dass sie sich wohl geirrt habe. Wenn auch gut situierte Publizisten solche Meinungen vertreten, habe sie sich wohl Illusionen gemacht.

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Vor einem Jahr gelang es dem Heim, den Autor Tuvia Tenenbom zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion einzuladen. Er sprach vor den Bewohnern über sein Buch »Allein unter Deutschen« und seine Einschätzung, dass die meisten Deutschen verkappte Antisemiten seien und sich am Judenhass seit der NS-Zeit nicht viel geändert habe. Zu seiner Überraschung fühlten sich nicht wenige Bewohner des Heims, denen Deutschland vermeintlich für immer verleidet war, von seinen Darlegungen unangenehm berührt. Als populistisch hätten sie den Vortrag empfunden, gibt Gertrud zu. Besonders hart ging Yair vor einem Jahr mit Tuvia ins Gericht. Er warf dem Autor vor, sich für den Wandel in Deutschland blind zu zeigen und Randphänomene aufzubauschen. Yair war wenige Wochen vor dem Vortrag in Berlin, wo er nichts von dem gesehen habe, was Tuvia beschreibt. Unter Protest verließ er den Vortrag.
Inzwischen hat aber auch bei ihm ein Umdenken eingesetzt. Dass in der Süddeutschen Zeitung eine Karikatur abgedruckt wurde, die Israel als gefräßigen Moloch darstellte, empfindet er als beschämend. Wer sich über das Vorgehen der Israelis empöre, lege falsche moralische Maßstäbe an. Yair war wenige Tage vor der Reichspogromnacht nach Palästina gelangt. Seine Eltern sind Opfer des Holocaust. Der Anlass seiner Reise nach Berlin im vergangenen Jahr war die Einlassung von Stolpersteinen. Warum der Antisemitismus in Deutschland wieder aufkeime, könne er nicht beantworten. Die wahnsinnigen Vergleiche zwischen Israel und Nazi-Deutschland kann er sich nicht erklären. Dazu müsse man einen Psychologen befragen, sagt er.

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Für Arie Kindler war der Vortrag von Tuvia Tenenbom eine der letzten Veranstaltungen, denen er im Kultursaal beiwohnte. Arie Kindler verbrachte seinen Lebensabend mit seiner Frau Miriam in einer schönen Wohnung im dritten Stock des Elternheims, wo er vergangenen Sommer im Alter von 95 Jahren verstarb. Der Doktor der Archäologie war Präsident der israelischen numismatischen Gesellschaft und Dozent an der Bar-Ilan-Universität und hat viele Fachbücher verfasst. Als Leiter der Abteilung für Münzen im Eretz-Israel-Museum führte er den damaligen deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer bei dessen historischem Besuch in Israel durch das Museum. Als er Adenauer einen ausgestellten Geldschein vom deutschen Notgeld zeigte, habe dieser gesagt: »Das kenn’ ich.« Der Besuch folgte auf die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel vor 50 Jahren. Im Elternheim verlor er sich oft in Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Berlin. Nachdem sein Vater 1933 »Mein Kampf« gelesen hatte, stand der Entschluss fest, nach Palästina auszuwandern. Seine Eltern, erzählte Arie einmal, seien um Assimilation in Deutschland bemüht gewesen und als Reaktion auf ihre zurückgewiesene Anpassung Zionisten geworden. Trotzdem fiel seinen Eltern die Umstellung in der neuen Heimat schwer. Das Erlernen des Hebräischen machte ihnen große Mühe und so sprachen sie ihr Leben lang Deutsch.
Nach seiner Einwanderung hat Arie in Schlossereien und Handwerksbetrieben sein erstes Geld verdient und war beim Bau des Hafens von Tel Aviv beschäftigt. Später hat er für eine Verleihwäscherei gearbeitet, die dem Onkel seiner späteren Frau Miriam gehörte. Er sei als Mitglied einer zionistischen Jugendorganisation in Berlin auf das Leben im Yishuw vorbereitet gewesen, sagte er.
In Tel Aviv ließ sich Arie für die paramilitärische Hagana rekrutieren, die Keimzelle der israelischen Armee. Im Unabhängigkeitskrieg kämpfte er in einem Kommandobataillon unter dem Befehl von Moshe Dayan gegen die Belagerung Jerusalems. Eine Niederlage in diesem oder einem der vielen Kriege, die folgten, hätte die Vernichtung der Juden bedeutet, erklärte er mir oft. Als sein Enkel Major der Luftwaffe wurde, war er von Stolz erfüllt. Israel werde sich nie das Wohlgefallen der Welt erkaufen können, war er überzeugt. Das Schicksal des Staates hing an seinen Streitkräften.
Auf den Vortrag von Tuvia angesprochen, sagte er, dass gegen die Ressentiments der Deutschen offensichtlich keine Aufklärung ankäme. In seinen letzten Tagen musste er erfahren, dass auf deutschen Straßen »Jude, Jude, feiges Schwein. Komm heraus und kämpf allein« gerufen wurde. Es sei »eine Schande«, sagte er und war zu schwach, seinen Gedankengang weiter auszuformulieren.

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Professor Ernest Stock, der mit seiner Frau Bracha im Elternheim wohnt, gibt sich betont desinteressiert an den Entwicklungen in Deutschland. Nach der Reichspogromnacht entschloss sich seine Mutter, ihn und seine Schwester zu Freunden nach Frankreich zu schicken. Dort begann er ein Tagebuch, das zusammen mit Aufzeichnungen seiner Mutter und Briefen seines Vaters 2004 unter dem Titel »Jugend auf der Flucht« herausgegeben wurde. Heute, so sagt er, hätten die Juden einen eigenen Staat und eigene Streitkräfte. Weil es den Staat Israel gibt, müsse er sich vom Antisemitismus in Deutschland und sonstwo in Europa nicht mehr um den Schlaf bringen lassen.
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Neben deutschen Juden, die in den dreißiger Jahren vor den Nazis nach Palästina flüchteten, wohnen im Heim auch Überlebende des Holocaust. Einer von ihnen war der inzwischen verstorbene Moshe Givon, geborener Wertzberger. Als er nach Israel gekommen sei, habe er sich lange geschämt für die Häftlingsnummer auf seinem Arm. Bis zu seinem Tod wurde Moshe immer wieder von Bildern eingeholt, die ihn innerlich aufwühlten. Seine Tochter Tali erzählt, dass ihr Vater manches Mal versucht habe, über seine Erlebnisse zu reden. Doch sie sei sehr lange nicht bereit gewesen, die Geschichten zu hören.
Am Tag nach Pessach 1944 wurden die Juden aus Borsa aus ihren Häusern getrieben und in der Synagoge der Stadt eingepfercht. Die unerträgliche Enge, in der sie einige Tage auszuharren hatten, war eines jener traumatischen Erlebnisse, von denen er sich nie lösen konnte. Nach einigen Tagen wurden die Juden aus Borsa ins Ghetto Visho gebracht. Dort sah Moshe seinen Vater, einen stolzen Mann, der in der Armee Österreich-Ungarns gedient hatte, das erste Mal weinen. Als das Ghetto liquidiert wurde, gehörte Moshe mit seinen Eltern, zwei Schwestern und seiner sechsjährigen Cousine zur ersten Gruppe, die nach Auschwitz deportiert wurde.
Seinen Eltern fiel das Einsteigen in die Viehwaggons des Zuges schwer. Die Waggons waren überfüllt und der Zug stand zwei Tage. Als sie nach Auschwitz kamen, stand der Zug erneut für lange Zeit still. Als sie ausstiegen, nahm Moshe seine kleine Cousine an die Hand. Bei der Selektion sah er seinen Vater, seine Mutter und seine Schwestern das letzte Mal. Seine Eltern wurden mit der kleinen Cousine direkt ins Gas geschickt. Im Block 6A im KZ Auschwitz wurde er in einer der folgenden Nächte tätowiert und fortan nur noch mit der Nummer gerufen.
Es folgten mehr als zwei Monate harter Arbeit, voller Auszehrung und Schläge im Arbeitslager Lagisza. Die Zwangsarbeit, die er zu verrichten hatte, bestand im Aufbau einer Reifenfabrik. Das hieß Ausgrabungen, Eisen biegen und Zement schleppen. Das Essen bestand aus einem Stück Brot mit etwas Margarine am Morgen und wässriger Suppe am Abend. Als er selbst nur noch aus Haut und Knochen bestand, wurde er für die Gaskammern ausselektiert. Nackt hat er mit einer Gruppe Selektierter auf seine Deportation gewartet. Doch der Lastwagen, der sie holen sollte, kam nicht. Der nächste Tag war ein Sonntag. Er blieb am Leben. Dann wurde er in das Lager Jaworzno gebracht, wo er zum Bergbau in Kohleschächten gezwungen wurde. Er brach sich den Fuß. Am Tag, als er das zweite Mal für die Gaskammern vorgesehen war, wurde deren Betrieb eingestellt. Als der Todesmarsch begann, blieb er zurück.
Als die Russen kamen, küsste Moshe ihnen die Füße.
Nach dem Krieg gelangte er über Jugoslawien nach Palästina, wo er zu einem Mitbegründer des jüdischen Staates wurde. Mit der Häftlingsnummer auf dem Arm kämpfte er im Unabhängigkeitskrieg.
Die Geschichte ihres Vaters ist als vierstündiges Interview ins Filmarchiv von Steven Spielberg aufgenommen worden. Tali wünscht sich, dass möglichst viele Menschen die Geschichte hören. Als sie dem Vater vor einigen Jahren eröffnete, dass sie nach Berlin gehen wolle, sei er strikt dagegen gewesen, erzählt Tali. Um ihn zu überzeugen, sagte sie ihm, dass er es als seinen Sieg über die Nazis ansehen könne, wenn seine Tochter mit dem Davidstern um den Hals, durch Berlin laufe. Für jeden sichtbar.
Natürlich sei die nachfolgende Generation von der Frage der Mittäterschaft ausgenommen, sagt sie. Doch sehe sie Deutschland – als Nachfolgestaat des Dritten Reichs – in der besonderen Verantwortung, Antisemitismus nie wieder den Weg zu bereiten. Nach allem, was passiert sei, müsse Deutschland an der Seite Israels stehen. So wie ihr Vater gestorben sei, so merkt sie an, würden bald auch die letzten noch verbliebenen Zeugen sterben. Es liege in der Verantwortung der Deutschen, die Geschichte nicht zu verdrängen und die Lehren daraus nicht zu vergessen. Diesbezüglich ist sie aber äußerst pessimistisch. Als sie vor wenigen Monaten erneut in Berlin war, hielt sie die Kette mit dem Davidstern unter ihrer Bluse versteckt.

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Ein Überlebender des Holocaust ist Yehuda Maimon, mit dem sich Tuvia Tenenbom vor einem Jahr länger unterhielt und der einen bleibenden Eindruck auf den Autor machte.
Am Gedenktag für die Märtyrer und Helden des Holocaust 2010 hat Yehuda Maimon, geboren als Leopold Wassermann, in Yad Mordechai, dem nach dem Anführer des Aufstands im Warschauer Ghetto benannten Kibbuz, die Fackel entzündet.
Yehuda Maimon und seine Frau Aviva bewohnen im Heim eine Wohnung mit Blick auf die Skyline von Tel Aviv. Yehuda gehört zum Bewohnerrat des Hauses. Der 91jährige kommt jeden Mittag auf seinen Spazierstock gestützt in der Lobby des Heims mit anderen Bewohnern bei Kaffee und Kuchen zusammen.
Yehuda stammt aus Krakau. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war er ein 15jähriger Gymnasiast und überzeugter Zionist. Nach der Errichtung des Krakauer Ghettos musste die Familie von Yehuda dort ein Zimmer in einer Drei-Zimmer-Wohnung beziehen. Betätigungsmöglichkeiten und die Bewegungsfreiheit der Bewohner des Ghettos wurden mit der Zeit immer weiter eingeschränkt.
Die Bewohner der Ghettos konnten sich zunächst nicht vorstellen, wie weit die Grausamkeit der Nazis gehen würde. Dann erreichten sie erste Nachrichten vom Massenmord an den Juden. Die älteren Bewohner des Ghettos hätten die Berichte erst nicht geglaubt. Krakau, so sagt er, sei Teil des Österreichisch-Ungarischen Reiches gewesen, und wie seine Eltern auch hätten viele Juden der Stadt perfekt Deutsch gesprochen und die deutsche Kultur geliebt. Sie hätten schlicht nicht glauben können, dass die Deutschen, die Angehörigen dieser Kulturnation, die so viele Schriftsteller, Philosophen und Komponisten hervorgebracht hatte, fähig seien, einen Massenmord an den Juden zu begehen.
Yehuda und andere junge Zionisten erkannten dagegen, dass sie »wie Lämmer zur Schlachtbank« geführt würden, wenn sie nicht anfingen, sich zu wehren. Weil sie nicht sterben wollten, ohne sich widersetzt zu haben, gründeten sie die erste Widerstandsbewegung auf polnischem Boden. Die Gruppe nannte sich »Der Kämpfende Pionier«. Sein Antrieb zum Kampf sei gewesen, sich der Vernichtung durch die Nazis nicht wehrlos zu ergeben. Er habe für die jüdische Ehre zur Waffe gegriffen, sagt er.
Als 1942 die Deportationen in Krakau begannen, war den Menschen im Ghetto klar, dass die Deportierten in die Vernichtungslager kamen. Yehuda und andere Widerstandskämpfer griffen die deutsche Infrastruktur an. Bahnlinien.
Am 22. Dezember rüsteten sie sich für ihre größte Aktion: ein koordinierter Angriff auf Treffpunkte der deutschen Besatzer. Zwei Tage vor Weihnachten konnten die Widerstandskämpfer sicher sein, dass die Orte, die sie angriffen, gut besucht sein würden und sich viele SS-Generäle und Gestapo-Befehlshaber dort aufhalten würden. Ihre Waffen waren Molotowcocktails, bei deren Herstellung die Widerstandskämpfer von Yehudas früherem Physiklehrer unterwiesen wurden.
»Ich wusste, dass dies das Ende ist. Aber in einer kämpfenden Gruppe zu sein, hat mir ein gutes Gefühl gegeben. Wenigstens wusste ich, dass ich nicht einfach so sterbe.« Die meisten seiner Mitstreiter einschließlich der Befehlshaber wurden gefasst. Mit 30 Kameraden, die übrig blieben, nahm er den Partisanenkampf auf.
Im März 1943 fiel Yehuda den Nazis in die Hände und wurde in eines der berüchtigten Gefängnisse der SS gesteckt. Nach einer Woche Verhör kam er in den Todestrakt. Von dort wurde er nach Auschwitz deportiert. In Auschwitz, so erzählt er, sei es im Grunde nicht möglich gewesen, mehr als vier oder fünf Monate zu überleben. Die Zwangsarbeit hätte alle Kräfte aufgezehrt und ein Stück Brot, ein wenig Margarine und verwässerte Suppe hätten den Substanzverlust nicht ausgleichen können. Die nicht mehr Arbeitsfähigen seien regelmäßig ausselektiert und in die Gaskammern geschickt worden.
Yehuda kam nach einem Monat Gefängnis bereits geschwächt in Auschwitz an. Nach wenigen Wochen Zwangsarbeit wurde er krank. Auf der Krankenstation in Auschwitz durfte ein Patient nicht länger als 14 Tage verweilen. Wer nach zwei Wochen nicht arbeitsfähig war, wurde in die Gaskammern geschickt. Yehuda erkrankte schwer und hatte am 13. Tag seines Aufenthalts 40 Grad Fieber. Er sollte am nächsten Tag in den Tod geschickt werden. Vorher wollte er aber unbedingt noch die Geschichte vom jüdischen Widerstand in Krakau weitergeben. Er erzählte sie einem Pfleger, von dem er nicht wusste, aus welchem Grund er in Auschwitz war, da die Pfleger und Schwestern nicht gekennzeichnet waren. Es stellte sich heraus, dass es ein Jude war, zehn Jahre älter als Yehuda und Apotheker, weswegen er als Pfleger angestellt war. Er gehörte zum Untergrund in Auschwitz. Nachdem sich der Pfleger an seinen Vorgesetzten aus dem Untergrund gewendet hatte, wurde Yehuda verlegt und als Neuzugang ausgewiesen. Er wurde für den Untergrund rekrutiert.
Das Ziel des Untergrunds in Auschwitz sei es gewesen, bei der bereits zu erwartenden Auflösung des Lagers loszuschlagen. Die Annahme war, dass die Deutschen alle Insassen umbringen würden, wenn sie das Lager liquidieren. Yehuda überlebte 22 Monate in Auschwitz. Am 18. Januar 1945 wurden die Inhaftierten auf den Todesmarsch geschickt. Nach drei Tagen gelang Yehuda die Flucht.
Nach der Befreiung Polens kehrte Yehuda in seine Geburtsstadt Krakau zurück. Es seien die tragischsten Eindrücke seines Lebens gewesen, erzählt er, die geliebte Stadt seiner Kindheit in Trümmern zu sehen. Es sei der schlimmste Tag seines Lebens gewesen.
In Auschwitz, so sagt er, habe man nicht nachgedacht. Man sei zu schwach und geschunden gewesen, um zu denken. Man habe nur von Augenblick zu Augenblick denken können. Nicht ans Morgen. Weil sich das Leben in Auschwitz nur im gleichen Moment abgespielt habe. Niemand habe geglaubt, Auschwitz zu überleben.
»Zwei Jahre waren wir von der Welt abgeschnitten. Da weiß man nur, was in Auschwitz passiert. Und der allerschwerste Tag war, als ich nach Krakau kam. Das war am 2. Februar an meinem 21. Geburtstag. Ich kam nach Krakau und in Krakau gab es 65 000 Juden. Und sie waren alle verschwunden. Alle ihre Häuser waren leer, alles stand leer. Und da habe ich die Katastrophe begriffen, die dem jüdischen Volk widerfahren war.« Plötzlich sei ihm das Ausmaß der Judenvernichtung klar geworden. Seine Eltern und der größte Teil seiner Familie wurden von den Deutschen während der Shoah ermordet. Das Mädchen, das er über alles geliebt habe, war von Deutschen ermordet worden.
Für sich selbst, so erzählt Yehuda, habe er nur noch einen Sinn im Leben gesehen: nach Israel zu gehen und dort die Geschichte vom Widerstand in Krakau weiterzugeben, um sie vor dem Vergessen zu bewahren. Im April 1945 gelangte er auf seinem Weg Richtung Palästina nach Bukarest, wo er auf Aba Kovner traf, einen bekannten jüdischen Widerstandskämpfer. »Und dann sah ich erneut eine Berufung. Ich sah, dass ich überlebt habe, um etwas zu tun.« Er meldete sich für einen Rachetrupp unter der Führung von Aba Kovner, der aus 60 Leuten bestand, alles Widerstandskämpfer und Partisanen des Krieges.
Es sei für ihn die Fortsetzung des Krieges gewesen. Teil des Kampfes gegen die Deutschen. Auch nach dem offiziellen Kriegsende, das er selbst nicht als solches akzeptieren konnte. Die Deutschen, die Hunderte Juden in Synagogen gesteckt hatten, um sie lebendig zu verbrennen. Die Deutschen, die Müttern ihre Kinder entrissen hatten, um sie vor deren Augen zu töten. Yehuda erzählt, dass sterbende Juden überall mit ihrem Blut vor ihrem Tod »Nekama« geschrieben haben, »Rache«. Für ihn sei der Krieg nicht einfach zu Ende gewesen. Die Deutschen hätten mit dem Mord an sechs Millionen Juden nicht einfach ungestraft davonkommen dürfen.
Im April 1946 gelang der Gruppe ein Giftanschlag auf das Kriegsgefangenenlager Stalag 13 in Nürnberg-Langwasser, wo über 10 000 SS-Männer und Nazi-Funktionäre interniert waren.
Für ihn persönlich habe der Krieg nie aufgehört, sagt er. Auschwitz werde ihn unaufhörlich verfolgen. Wann immer er abends mit anderen Holocaust-Überlebenden zusammengesessen habe, wurde irgendwann über Auschwitz gesprochen.
Trotzdem hat er heute eine andere Einstellung als nach dem Krieg, als er auf Rache aus war.
Für ihn sei der Kampf gegen Deutschland vorbei gewesen, als es zur Aufnahme von Beziehungen zwischen Israel und Deutschland kam. Man könne nicht diplomatische Beziehungen mit Deutschland unterhalten, die Israel helfen, und gleichzeitig Deutschland hassen. Und in den Deutschen von heute sehe er keine Feinde. Sondern Verbündete. Allerdings dürfe auf keinen Fall vergessen werden, was passiert ist.

Unser Autor Oliver Vrankovic hat viele Jahren als Pflegehelfer im Altenheim der Organisation für Einwanderer mitteleuropäischer Herkunft in Ramat Gan gearbeitet und unzählige Gespräche mit den Bewohnern geführt. Das Verhältnis der Überlebenden und der Emigranten zu Deutschland war dabei immer wieder ein wichtiges Thema.