Mehr Blut ins Hirn

Sie riefen das Zeitalter des Homo ludens aus, bohrten sich Löcher in die Stirn und komponierten Raucherhustensongs. Eine Erinnerung an die Amsterdamer Provos. von jan-frederik bandel

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Im Jahr 1964 ist es wieder einmal vorbei mit der Kunst, mit jener Spätform, die das 20. Jahrhundert zuletzt noch hergegeben hat: der Avantgarde. So proklamiert es damals zumindest der niederländische ehemalige Situationist und Mitbegründer der Cobra-Gruppe, Constant, in einem Essay über den »Aufstieg und Untergang der Avantgarde«. Zugleich sieht er das Zeitalter des »kreativen Menschen« heraufziehen, der sein ganzes Potenzial im Kampf um die ihm gemäße Gesellschaft des Spiels entfalten werde: »Die über die ganze Welt hin zu beobachtende Erscheinung einer Jugend, die sich weigert, die bestehende ›Ordnung‹ zu akzeptieren – die Hippies, Teddyboys, Rocker, Mods, Halbstarken, Blousons noirs, Beatniks, Stiljagi, und wie sie sonst noch heißen mögen –, diese Erscheinung hat eine bisher unbeachtete revolutionierende Wirkung. (…) Der Aufstand des schöpferischen Menschen gegen die Moral und die Institutionen der utilitaristischen Gesellschaft wird kein Ende finden, ehe die kreativ-spielerische Gesellschaft nicht zur Tatsache geworden ist.«

Constants Prophezeiung eines heraufziehenden »Zeitalters des Homo ludens« gehört in den Niederlanden bald zu den meistzitierten, machen sich doch in Amsterdam einige Grüppchen kurzerhand an die Generalproben zu diesem »großen Happening, das wir«, wie Constant schreibt, »zu erwarten haben, wenn die kreative Potenz der ganzen Menschheit einmal entfesselt wird«.

Die Spiele der Mitspieler

Unter dem (kurzerhand aus einer kriminologischen Dissertation über die »Hintergründe des Halbstarkenverhaltens« entlehnten) Sammelnamen »Provo« treten dort allerlei mehr bis minder wild gewandete Spieler an zur Entfesselung. Der Künstler Robert Jasper Grootveld, der sich selbst zum Anti-Rauch-Magier erklärt, wird in Amsterdam bekannt, als er im Winter 1961 beginnt, flächendeckend Zigarettenwerbeplakate mit der Aufschrift »K« – »Krebs« zu beschriften (was ihm einige Wochen Gefängnis einbringt). Grootveld stiftet den Anti-Rauch- oder K-Tempel, Keimzelle des von ihm ausgerufenen Magischen Zentrums Amsterdam, wo man Abend um Abend zur Austreibung des Rauchergeistes den Ugge-Ugge-Raucherhustensong anstimmt, Liturgien und Prophetien jeder Art hört und so viel Rauch erzeugt, dass eines Tages der ganze Tempel (eine verfallene Garage beim Leidseplein, um genau zu sein) in Flammen aufgeht. Er ist auch der Erfinder des Marihuettenspiels, in dem alles zum Einsatz kommt, was raucht (außer eben Tabak), und dessen Regeln niemand zu verstehen vermag, schon gar nicht die Polizei, die – gerufen von den Marihuettenspielern selbst – immer wieder anrückt auf der Suche nach illegalen Substanzen.

Diese sind jedoch eher das Gebiet von Grootvelds Mitspieler Bart Huges, Semi-Arzt und Drogenexperte, der indes an einer vollständigen Aufhebung jenes menschlichen Entwicklungsschadens arbeitet, der Drogen überhaupt notwendig macht: Feierlich bohrt er sich vor versammelter Mannschaft mit einem Zahnarztbohrer ein Loch in die Stirn, sein »drittes Auge«, und erklärt sich sehr zufrieden mit dem Ergebnis: Die Blutmenge im Hirn werde durch diesen sehr einfachen Eingriff deutlich erhöht, und schon sei man permanent im eigentlich menschlichen Naturzustand, im High. (Aus der Psychiatrischen Anstalt freilich wird er erst wieder entlassen, als er glaubhaft versichert, keinem seiner Bekannten zu diesem Glück verhelfen zu wollen.)

Oder der Universalprophet und Restaurantbesitzer Nicolas Kroese, der die Kirchtürme von Amsterdam mit goldenen Ketten verbinden will, um Anti-Materie-Energie aus dem Weltall abzuwehren und in unzähligen rund um die Welt geschickten Telegrammmetern immer flächendeckendere Harmonielehren entwickelt; der Schriftsteller Johnny the Selfkicker, der sich durch rasend schnell vorgetragene Gedichte in Trance bringt; der Actionmaler Simon Posthuma und »the hippest chick in town«, Marijke Koger, die später gemeinsam Kostüme für die Beatles entwerfen.

Schließlich Roel van Duijn, Montessori-Schüler aus schwer theosophischem Elternhaus, Friedensbewegter und Philosophiestudent, der nach dem »Ban-de-Bom«-Aktivismus von einer Erneuerung des Anarchismus träumt, vorangetrieben von der Avantgarde des »Provotariats«, der »anonymen Menge subversiver Elemente«: Das vormalige Proletariat sei mit der alten Bourgeoisie unter ständiger Anbetung von Fernsehen und Autos längst zu einem einzigen grauen »Klootjesvolk« verschmolzen, heißt es in einem »Aufruf an das Internationale Provotariat«, es bleibe nur noch der Kampf von Provotariat und dumpfer Masse. Immerhin: Schon der Name »Provo«, von Kriminologen für eine in den proletarischen Milieus entstehende Subkultur geprägt, vom Philosophiestudenten adaptiert, zeugt von einer Romantisierung der (wie van Duijn es selbst nennt) Deklassierten nicht minder als vom Willen zum Verwirrspiel mit dem Image der »staatsgefährdenden Anarchisten«: »Die dumpfe Masse sollte auf der Hut sein: Provos sind wir. Gefährlich, rücksichtslos, grausam, Brandstifter, Messerstecher, Bombenwerfer. Ihr hört noch von uns.«

Klaus kommt

Der Versuch Roel van Duijns und seiner politischen Freunde, experimentierend mit neuen Formen der Provokation Bewegung in die Stadt zu bringen, scheint zunächst wenig erfolgreich: Ihr erster Vorstoß, die »Provokation Nr. 1«, ein Plädoyer für mehr Polizeigewalt, findet kaum Aufmerksamkeit. Dazu müssen sie sich erst mit den öffentlichkeitserprobten Happenern um Grootveld zusammenfinden, die inzwischen einen neuen Treffpunkt gefunden haben: das Lieverdje, eine Ende der Fünfziger auf dem Spui aufgestellte altbackene Bronzestatue eines Stadtjungen, die ausgerechnet ein Zigarettenfabrikant gestiftet hat und die vom Anti-Rauch-Magier zum Sinnbild des »versklavten Konsumenten« erklärt wird. Jeden Samstagabend hält Grootveld hier seine schamanistischen Sessions ab, mit Sprechchören wird der Gott der Images und Publicity beschworen, und natürlich wird – zur Freude der Schaulustigen – wieder viel mit dem Feuer gespielt, bis die Polizei anrollt und mit ihren Knüppelschlägen in die Menge immer neue Grootveld-Anhänger rekrutiert.

Als sich die Provos mit ihren abenteuerlichen anarchistischen Vorstellungen unter die Happener mischen, entsteht für einige Monate jene »alchemische Mischung«, die der Schriftsteller Harry Mulisch im Kern des Provo-Phänomens ausmacht und die sich programmatisch in dem niederschlägt, was die studentenbewegten Kritiker im »Kursbuch« indigniert als »Konfusion der zwischen Politik und Ästhetik, Reformismus und Radikalismus hin- und herschwankenden Anschauungen« der Provos bezeichnen: surrealistische Aktionen, schnell eskalierende Unruhen, Prügeleien, aber eben auch die weithin bekannten »weißen Pläne«, der »Weiße Fahrradplan« (gegen den »Asphaltterror der motorisierten Bourgeoisie«, gegen »Auto-Autorität« und für Gemeindefahrräder), der »Weiße Hennenplan« (für Polizisten, die statt Schlagstöcken Hähnchenkeulen, Kondome und Verbandszeug mit sich führen), der »Weiße Weiberplan«, der »Weiße Schornsteinplan« usw.

Für sich genommen, mögen das bloß spielerisch aufgepeppte Reformanstöße im Zuge einer sich ohnehin abzeichnenden Liberalisierung sein. Sie fügen sich als Ensemble aber in die stadtromantische Utopie des Homo ludens, wie sie zur selben Zeit auch Constant mit seinem Modell des »New Babylon« gestaltet: »Die moderne Stadt ist tot; sie ist der Utilitarität zum Opfer gefallen. New Babylon ist das Projekt einer Stadt, in der man leben kann. Und leben heißt kreativ sein. New Babylon ist das Objekt einer Massenkreativität, es rechnet mit der Aktivierung der riesigen kreativen Potenz, die, jetzt unbenutzt, in den Massen vorhanden ist. Es rechnet mit dem Verschwinden der nichtkreativen Arbeit als Folge der Automatisierung; es rechnet mit der Umwandlung der Moral und des Denkens; es rechnet mit einer neuen gesellschaftlichen Organisation.«

Die wirksamste Starthilfe für die Provos kommt allerdings von anderer Seite, nämlich aus dem innig gehassten Königshaus: Im Mai 1965 wird bekannt, dass Kronprinzessin Beatrix sich mit einem deutschen Diplomaten verloben will, Claus von Amsberg. 25 Jahre nach dem Einmarsch der Deutschen, 20 Jahre nach der Befreiung will die zukünftige Königin einen Deutschen in die königliche Familie holen? Die öffentliche Debatte kocht hoch, wenn sich auch nach kurzem nur noch einige linke und jüdische Kritiker der eiligst angestrengten öffentlichen Harmonisierung verweigern. Den Provos ist der künftige Prinz Claus letztlich reichlich egal – wäre er nicht das ideale Agitationsobjekt ihrer antiautoritären Rebellion: deutsch, ehemaliger Hitlerjunge und Wehrmachtssoldat, adlig und offenkundig monarchistisch, ein Inbegriff des Autoritarismus, wenn man nur will. Sie beschließen, ihn mit jenem mysteriös-weihnachtlichen »Klaas« gleichzusetzen, dessen Ankunft die Wandschriften Grootvelds seit längerem verheißen, und gehen zum Angriff über. Ein knappes Jahr lang – vom Bekanntwerden der Verlobungspläne bis zur Hochzeitsfeier – halten die Oranier die Provos beschäftigt.

Die Hochzeit selbst, die am 10. März 1966 ausgerechnet in Amsterdam stattfindet, einer Stadt, in der fast die gesamte jüdische Bevölkerung ermordet wurde, der Stadt auch des Februarstreiks (und damit Symbol des Widerstands gegen die Besatzer), stellt für die gesamte Linke eine Provokation zur Gegenmobilisierung dar. Am erfolgreichsten wissen jedoch die Provos den Gegenschlag vorzubereiten: Wochenlang zuvor schon streuen sie immer neue Gerüchte über geplante Aktionen und Anti-Hochzeitsgeschenke aus (die sogenannten »Weißen Gerüchte«) und verlocken somit zu immer neuen Beschlagnahmungen und Sicherheitsvorkehrungen. Der Regenmacher der Provos leistet tagelang ganze Arbeit, die Hochzeitsfahrt in der goldenen Kutsche gerät zur reichlich feuchten Angelegenheit – und eine Handvoll Rauchbomben tut ein Übriges. Die monumentale Live-Übertragung im Fernsehen (damals etwas durchaus Spektakuläres) wird somit zum großen Coup der Provos. Plötzlich schaut alle Welt auf sie. »Die Provos: Besessen von Sex und Tod stürzen sie sich in die Bajonette der Polizei«, will Mulisch in einer Pariser Zeitung gelesen haben. Die Stimmung ist jedenfalls danach.

Ende der Vorstellung

Im selben Zug aber geht den Provos ihr zentrales Agitationsthema aus. Und auch der Anti-Rauch-Magier (der eigentlich so genau nicht weiß, was die anderen gegen Beatrix haben, für ihn käme sie auch als Kaiserin Europas durchaus in Frage) verschwindet bis auf weiteres im sonnigen Süden. Bald schon zeigen sich Auflösungserscheinungen: Provo ist jetzt ein Pop-Phänomen, van Duijns monatliches subversives Blatt erreicht eine Auflage von 20 000; die Chefprovokateure werden von Groupies umschwärmt und auf rosa Briefpapier angehimmelt, geben täglich Interviews und reisen von Podiumsdiskussion zu Podiumsdiskussion. Einer von ihnen, Bernhard de Vries, zieht gar in weißer Kluft als Vertreter der Provoliste in den Stadtrat von Amsterdam ein – eine neue Form, Öffentlichkeit zu erlangen, gewiss, zugleich aber ein Symbol der sich abzeichnenden Reduktion der Provos auf die spielerische Verkörperung linker konsensfähiger Kritik. Sogar die Ultrarechten fragen mal an, ob man nicht, nach dem »Vorbild des Hitler-Stalin-Pakts«, gemeinsam was versuchen soll.

Es beginnt noch im selben Jahr die Musealisierung und Selbstmusealisierung der Bewegung: Unzählige Bücher, eilig aufgesetzt, werden auf den Markt gespült, von Journalisten, Schriftstellern, Provogegnern wie Provos selbst. Im Provokeller »Der Weiße Neger« wird eine Vitrine mit Provo-Devotionalien aufgestellt, die Band Tomorrow besingt »My white Bicycle«, und ein Tourismusunternehmen bietet die erste Provo-Event-Reise an, zu der ganze vier zahlende Gäste erscheinen. Zeit für die Auflösung, die Roel van Duijn am 13. Mai 1967 offiziell im Vondelpark erklärt, nachdem man eben auf einem Internationalen Provo-Konzil noch den Traum von »Provo Mondo« gefeiert hat, der internationalen Erhebung des Provotariats.

Auch zwischen Wuppertal, Frankfurt und Nürnberg haben sich – rund um Hans-Peter Ernst, der sich »Spieler« nennt und an einem Gammlerroman bastelt – immerhin ein paar Grüpplein gefunden und zur deutschen Provo-Fraktion vereinigt. Sie hektografieren einige Ausgaben einer Zeitschrift mit dem Titel Peng zusammen, voll des Lobes auf die Rocker und ihre Fahrradketten, auf dreiblättrige Joints und kollektive Kunstformen. Übersetzungen von Provotexten erscheinen in dem Westberliner Verlag Oberbaumpresse, in Hansjürgen Bulkowskis Zeitschrift pro (wo kurz zuvor auch Franz Müntefering sein literarisches Debüt gegeben hat) und bei Melzer, wo zu dieser Zeit noch Jörg Schröder regiert. Auch die Kommune I erinnert sich in ihren frühen Aktionen wohl der provolutionären Vorbilder – ebenso wie Hans Imhoff, der »Frankfurter Frosch«, der mit dramatischen Kunstwerken Jürgen Habermas aus seiner Vorlesung und Alexander Mitscherlich zum Wahnsinn treibt, im Theater Peter Handke überflüssig macht und auf einer Buchmessenveranstaltung 1968 so lange für Erhellung sorgt, bis ihn Martin Walser per Mehrheitsbescheid aus dem Saal treiben will: »Genossen, ihr seid Arschlöcher wie die anderen, ihr Täubchen!« ruft der Frosch und verschwindet. Denn da ist es offenbar längst vorbei mit dem Spiel. Oder, wie Imhoff 20 Jahre später einmal sagen wird: »Schon zur Zeit von ’68 gab es keine Spur mehr von ’68.«