Die Proteste gegen Rassismus in der US-amerikanischen NFL dauern an

Ein Protest, der weiter in die Knie geht

Das Interesse der Fans an der US-amerikanischen NFL hat wegen der Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt nicht nachgelassen. Und gekniet wird immer noch.

Eric Reid ist zurück im Spiel, und er hat sich wieder hingekniet. Beides ist nicht selbstverständlich. Reid war der erste Footballer, der es 2016 dem damaligen Quarterback Colin Kaepernick gleichtat und während der obligatorisch vor NFL-Spielen abgesungenen Nationalhymne als Geste gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Knie ging. Sowohl Reid als auch Kaepernick wurden von ihren Vereinen entlassen. Beide verklagen derzeit die NFL-Clubs wegen möglicher Absprachen. Es sind wenig aussichtsreiche Verfahren, weil es kaum möglich ist, derartige Absprachen zu ­beweisen.

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Aber das ist nicht entscheidend – Reid und Kaepernick sind längst mehr als nur Spieler. Kaepernick bekommt durch seine Nichtanstellung das, was die Bosse fürchten: mehr Aufmerksamkeit, als er sich auf dem Rasen je hätte erträumen können. Reid wiederum hat jüngst einen Einjahresvertrag bei den Carolina Panthers erhalten, die bei den Verhandlungen nicht nachfragten, ob er knien würde.

Ein kleiner Teil der Clubs ist also zum Anstand zurückgekehrt. Die NFL und ein Großteil ihrer Angestellten lavieren derzeit weiter etwas plump zwischen den politischen Fronten, in dem Versuch, möglichst Kon­troversen und Skandale zu vermeiden. »Es ist uns egal«, sagte sein neuer Teamkollege und Spielergewerkschafter Torrey Smith über Reids Protest. Eine interessante Äußerung: Er äußert keine Kritik an Reid, aber Solidarität lässt sich auch nicht erkennen. Smith stellt jeden zufrieden und niemanden. Alle Mitspieler von Reid standen während der Hymne.

Seit der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre ist der US-Sport nicht mehr so politisch gewesen. Reid, Kaepernick und der Basketballstar LeBron James werden fast genauso sehr als Aktivisten und Regierungskritiker wahrgenommen wie als Sportler. Sie sind die Prominentesten ­einer kleinen Gruppe von Sportlern, die den Protest in die Zivilgesellschaft getragen haben. Malcolm Jenkins, Safety der Philadelphia Eagles und Mitbegründer der Spielergewerkschaft, setzt sich derzeit mit seinem Teamkollegen Chris Long gegen das System der Entlassung aus der Untersuchungshaft nur gegen Kaution ein, das mittellose Menschen, darunter viele Schwarze, vor ihren Gerichtsprozessen in den Gefängnissen festhält. Die Spielergewerkschaft brachte im vergangenen Herbst den NFL-Leiter Roger Goodell dazu, sich mit seiner Organisation an einer Initi­ative für soziale Gerechtigkeit zu beteiligen, die 90 Millionen Dollar aufbrachte. Seitdem begleitet Goodell mehr oder minder freiwillig die ­Gewerkschafter in die Communities. Ohne die Kniefallproteste wäre all das undenkbar gewesen.

Die Bewegung, die vor zwei Jahren mit Kaepernicks Geste begann, hat alle Obstruktionsversuche überstanden. Üblicherweise sind Sportler ­spätestens ab dem Punkt vorsichtig, an dem ihre Karriere in Gefahr zu geraten droht. Aber vielleicht bringen ungewöhnliche Zeiten ungewöhn­liche Sportler hervor. Nie hat ein US-Präsident derart in eine Sportart ­interveniert wie Donald Trump in den Football, und dennoch ist er mit seinen Drohungen, Wuttiraden und Einschüchterungsversuchen überraschend erfolglos geblieben.
Eine aktuelle Recherche der Zeitung USA Today legt nahe, dass die NFL-Zuschauerzahlen nicht so signifikant gesunken sind, wie der Präsident ­behauptet. Und der geringe Rückgang der offiziell gemessenen Quoten weist lediglich aus, wie viele Menschen die Spiele im Fernsehen anschauen, die Zahl derjenigen, die mit dem kostenpflichtigen digitalen »NFL Game Pass« die Matches auf Computern, Tablets und Handys ­verfolgen, wird nicht gemessen. Aber auch im Fernsehen läuft es für den American Football trotz Trump nicht schlecht: Sechs der zehn meist­gesehenen Sendungen im Jahr 2017 waren NFL-Spiele, und die Live-Übertragungen des »Sunday Night Football« waren die erfolgreichste Serie. Trumps bizarre Aufforderung, aus Protest gegen antirassistische Proteste den Fernseher auszuschalten, war offenbar nicht mehrheitsfähig.

Ironischerweise hat vor allem der konstante Widerstand konservativer Kreise die eigentlich schon versandete Protestbewegung am Leben gehalten. Im Mai versuchten sich die NFL-Bosse an einem Verbot des Kniefalls, das nach großem Aufschrei ­jedoch scheiterte. Im Sommer wollte der Besitzer der Dallas Cowboys Spieler aus der Mannschaft werfen, die sich an den Kniefallprotesten beteiligten, und bekam kurz darauf von der NFL den Mund verboten.

Kaepernick, Reid und ihre Mitstreiter haben sich auf eines verstanden: Aufmerksamkeit zu binden. Ihre Proteste teilen Trumps Logik der Aufmerksamkeitsökonomie durch immer neue Aufreger. Ein Kniefall lässt sich leicht filmen, teilen und liken. Die Stellungnahmen und Statements dazu gibt es direkt auf Twitter. Das weckt viele Emotionen, wird oft kommentiert und erhält neue Aufmerksamkeit. Das hat auch Nach­teile: Zu inhaltlichen oder gar persönlichen Diskussionen kommt es nur selten.
Gegen den Twitter-Präsidenten kämpfen Twitter-Revolutionäre, und ein einprägsames Gesicht ist ihr Markenzeichen. Kaepernick mit seiner voluminösen Afrofrisur wurde zum Aushängeschild einer Werbekampagne von Nike. Der Sport­artikelhersteller ist einer der wichtigsten Sponsoren der NFL, aber das ist kein Widerspruch. Das Football-Business ist wie die meisten Branchen inhaltlich flexibel – solange das Geld stimmt.

Zudem gibt es die Spielergewerkschaft, die derzeit mit den zumeist ­republikanisch gesinnten Franchise-Bossen verhandelt. Die sind keineswegs von vornherein so deutlich gegen die Proteste gewesen, wie sie es zurzeit zu verkaufen versuchen. Viele Clubbesitzer knieten irgendwann mit ihren Spielern oder hakten sich bei ihnen ein.

Und viele kritisierten Trump für seine Kommentare. »Es gibt nichts, was dieses Land so sehr eint wie Sport, und leider nichts, was es so sehr spaltet wie Politik«, sagte Robert Kraft, der Besitzer der New England Patriots, seinerzeit – in der Hoffnung, beides auseinanderhalten zu können. Als freilich die Proteste das Geschäft zu bedrohen schienen, knickten die Clubbesitzer ein. Einen Dauerkonflikt mit dem Präsidenten wollte sich niemand leisten, einen Dauerkonflikt mit Sportlern allerdings auch die ­wenigsten. In dieser Klemme stecken sie noch immer.

Trumps bizarre Aufforderung, aus Protest gegen antirassistische Proteste den Fernseher auszuschalten, war offenbar nicht mehrheitsfähig.

Nicht jeder Club ist dabei zurückgewichen. Kaepernick hätte, so ist im Sommer durchgesickert, im Jahr 2016 bei den Denver Broncos anfangen können. Offenbar lehnte er ab, weil er dort weniger Geld verdient hätte. Das wird nicht oft erzählt, weil es nicht zur Geschichte des selbstlosen Revoluzzers passt, den niemand mehr haben will. Von den übrigen NFL-Stars haben am ersten Spieltag der laufenden Saison nur drei Sportler gekniet. Das klingt nach wenig, aber es ist doch ein Zeichen von Konstanz. Die kommt nicht von ungefähr: Rund 70 Prozent der NFL-Spieler sind schwarz, viele aus der Unterschicht. Wie so oft sind es die Unterprivilegierten, die auch in dieser körperbetonten, risikoreichen Sportart ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, ihren Körper als Kapital nutzen für ein kurzfristiges Ziel und dabei für das Geld Gehirnerschütterungen, Demenz und gravierende Verletzungen in Kauf nehmen.

Das taucht in der Debatte kaum auf. Für Antidiskriminierungskampagnen lassen sich Nike und Teile des Bildungsbürgertums gern ins Boot holen. An die Grundsätze des ausbeutenden Systems aber rührt die ­Debatte nicht, auch die Protestierenden tun es nicht. Im Unterschied zu den sechziger Jahren fehlt dem Protest der Athleten die grundsätzliche Gesellschaftskritik.

Eines haben die Knieproteste trotzdem geschafft: Aus Gesten ist eine gesellschaftliche Bewegung ­geworden. Und um die Bewegung in Gang zu halten, wird es weiter Gesten brauchen. »Es wird sich nichts ändern, solange man nicht darüber redet«, sagte Eric Reid kürzlich. »Also werden wir weiter darüber reden. Wir werden die USA weiterhin an den Rechten messen, die geschrieben stehen, nämlich dass wir alle gleich sind. Denn derzeit entspricht das nicht der Wahrheit. Aber wir werden weiter darauf drängen.«