Wahre Geschichten über das Rauchen und das Nichtrauchen

In den Mund stecken

Andreas Sinakowski (Raucher) und Heiko Werning (Nichtraucher) erzählen wahre Geschichten, die sie beim Rauchen bzw. Nichtrauchen erlebt haben, und davon, was sie dabei gerochen haben.

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Schlag nur, Unglück, mit den Flügeln

von andreas sinakowski

Wir hatten bereits einige Stunden nebeneinander gesessen, als Faye, die an diesem Abend schwarz trug, mich fragte: »Und was machst du nächstes Jahr?«
Ich starrte in ihre Augen und entdeckte in deren blassem Grau nur den Ausdruck amüsierter Gier.
»Ich meine das Rauchverbot«, sagte sie, hob ihr Glas an die Lippen und murmelte über dessen Rand: »Was einer wie du so macht, wenn er nirgends mehr rauchen darf.«
Ich blickte auf die weiß gedeckte Tafel hinab, da ich plötzlich begriff, dass der Geruch von kran­kem Stuhl, der mir den ganzen Abend schon in die Nase gestiegen war, von einem kleinen Teller alter Oliven ausging, deren karamelisiert wirkende Schalen im flackernden Licht der Kerzen wie die Haut von Moorleichen aussahen.
»Also was?« sagte sie, senkte das Glas zum Tisch hinab und riss es so heftig an ihre Lippen zurück, dass der Wein über ihren rechten Handrücken floss.
»Was willst du hören?« sagte ich.
»Was du machen wirst«, sagte sie, nahm das Glas in die Linke und leckte sich den Wein von der Rechten.
Ich drückte meine Zigarette in einem Aschenbecher aus, stellte ihn auf die Oliven und sagte: »Erstens gilt das Gesetz erst ab dem Sommer, und zweitens wird man danach Ausnahmen machen.«
»Das Verbot ist kategorisch«, sagte sie, als habe sie selbst es erlassen, um nun auf seiner strikten Einhaltung zu bestehen, oder als würde sie einem Kind, ihrem Kind, Schokolade am Abend verbieten.
Ich war also froh, als die Gastgeberin mit einer neuen Flasche erschien, mir nachschenkte, sich ächzend auf einen Stuhl fallen ließ und gleich darauf suchend auf dem Tisch umherblickte.
»Eben standen hier noch Oliven?« murmelte sie.
»Entschuldige«, sagte ich und stellte den Aschen­becher zurück auf den Tisch.
»Stinken die etwa so?« sagte sie und flüsterte nach meinem beklommenen Nicken: »Nein, nein, das ist gut. Ich dachte schon, ich wäre es.«
Während in den Zimmern Gläser aneinanderstießen, Besteck auf den Tellern klapperte und das Gespräch der Gäste zu einer sanften Brandung anschwoll, aus der jäh die Tropfen ei­nes Lachens sprühten und einige Sekunden lang silbern über ihr schwebten, drehte ich mir eine Zigarette. Ich mochte das Geräusch der sich öffnenden Packung, mochte deren Farbe, den Anblick des zu einem rechteckigen Block gepressten Tabaks und das Papier und die Filter in den Heftchen und Kartons, deren überkommene Formen für mich ein Zeichen der Beständigkeit waren. Und selbstverständlich mochte ich es zu rauchen. Was ich indes ganz und gar nicht mochte, waren all die Gespräche über das Rauchen und die Raucher oder die Theorien, die es seit Freud über sie gab, der das Rauchen als Symptom für eine ungestillte Oralität bezeichnete, so als gäbe es eine stillbare überhaupt. Solange Menschen durch die immer wieder vor ihnen aufsteigenden Dornenhecken des Kummers hindurch wissend einem unabwendbaren Tod entgegenschritten und den wehesten Schmerz gerade in den Momenten der tiefsten Freude empfanden, weil diese ihnen vor Augen führte, was alles sie eines Tages verlassen muss­ten, würden sie trinken und sich alles Mögliche in den Mund stecken. Zigaretten, Finger, Bleistifte, Lutscher, die Geschlechtsorgane ihrer Artgenossen, Brillenbügel und manche so­gar anderer Leute Zehen. Und konnte man all diese harmlosen Vergnügen auch als Perversion oder Sucht bezeichnen, zog ich es vor, mein Rauchen ein Laster zu nennen, für das ich wie für jedes Laster die Verantwortung trug, so dass man darauf von mir aus sogar mit Hass reagieren konnte, nie aber mit der andere vielleicht demütigendsten Haltung, der des Mitleids mit Kranken. Nein, ich hatte keinen Ödipus­komplex und war auch nicht süchtig, ich war kein Ding, sondern tat, was ich tat, aus freien Stücken, so dass es mir lieber war, dass man mich bestrafte, als dass man mich heilen wollte oder erzog.
Ich schaute meiner Gastgeberin in die Augen, hob mein Glas und wollte mit ihr auf das nahende Weihnachtsfest trinken, als Faye sich zu meiner Rechten eine Zigarette anzündete und diese offenbar so sehr genoss, dass sie zum ersten Zug den Kopf in den Nacken legte und die Augen schloss.
Ich spürte, wie eine Woge heller Empörung in mir aufstieg, und sagte: »Du fragst mich, wo ich ab nächstem Jahr rauche, und rauchst selbst?«
»Ich rauche nicht«, sagte sie mit unverändert geschlossenen Augen.
Ich lachte einmal laut auf. »Und was ist das da in deiner Hand? Eine Schokoladenzigarette?«
»Gott«, sagte sie, riss den Kopf aus dem Nacken empor und klopfte die Zigarettenasche auf den Rand eines Tellers. »Ich rauche eine im Monat.«
»Das sind auch zwölf im Jahr«, sagte ich und wollte hinzufügen, eine halbe Schachtel zu viel, um sich als Jungfrau aufzuspielen, als meine Gastgeberin mich mit einem Tritt unter dem Tisch daran erinnerte, dass wir unsere Gläser einander seit Sekunden in der eingefrorenen Ge­ste einer Bildstörung entgegenhielten.
»Du hast noch gar nicht getrunken«, sagte sie.
»Das tue ich jetzt«, keuchte ich, trank mit großen, durstigen Schlucken und sah, wie Faye mit einer Serviette in ausholenden, horizontalen Schlägen einen Flecken Wein vom Glas ihrer Armbanduhr schlug.
»Ich war diesen Sommer jedenfalls in Ita­lien«, sagte sie, »und selbst die Italiener gingen anstandslos raus. Und meinst du, man hört in Spanien einen klagen? Nur wir Deutschen disku­tieren wieder.«
Während die im kalten Feuer der Ichsucht hart gebrannte Glasur ihrer Blicke mir zeigte, dass es sinnlos wäre, weiter zu reden, forderte der Al­kohol offenbar das Gegenteil, denn plötzlich hörte ich mich in einem erschreckend gehässigen Tonfall sagen: »Wieder? So viel ich weiß, hat es uns die Welt schon einmal übel genommen, dass wir zwölf Jahre lang nicht diskutierten.«
»Hier? Hier wird doch alles immer kaputtgeredet«, keuchte sie, warf die Serviette auf den Tisch und legte sie mit wenigen gekonnten Grif­fen zu einem exakten Viereck zusammen. »Es ist so typisch. Typisch deutsch.«
»Auf welcher Seite stehst du eigentlich?« sagte ich und zündete mir meine Zigarette an, während sie ihre auf dem Teller in einem Saucen­rest löschte. »Und was ist eigentlich deutsch? Meinst du Bach oder Beethoven? Meinst du die deutschen Freiheitsbewegungen oder Nietzsche?«
Um mich vor der von mir selbst so gefürchteten Sünde des Zorns zu bewahren, kniff mir der Mann, der in fünfzehn gemeinsamen Jahren erfahren hatte, dass sie meine Lieblingssünde war, in den Schenkel. Er wusste, dass ich Superbia, dem Hochmut, widerstehen konnte, Avaritia, der Geiz, mir unbekannt war und ich Invidia, den Neid, abgelegt hatte, seit ich begriff, wie unglücklich einen das immerwährende Ver­gleichen mit allen anderen machte, unter denen es natürlich immer einen gab, der schöner, jünger und talentierter war. Und mit Luxuria, der Wollust, war es bei mir auch nicht weit her. Nur Ira, der Zorn, nahm unverändert Besitz von mir, so wie jetzt, als ich meinem Mann lieber die Hand abgebissen hätte, als zu schweigen, aufzustehen oder in irgendeiner anderen Form nachzugeben. Zumal der Zorn, der einen immer mit guten Gründen verführte, auch an diesem Abend einen in Gestalt einer schönen und noch immer jungen Frau fand, die offenbar nichts anderes vorhatte, als sich einem geistlosen Mainstream anzupassen und andere davon zu überzeugen, ihr widerspruchslos darin zu folgen.
»Weißt du«, sagte ich und wendete mich ihr so heftig zu, dass der Stuhl meiner Bewegung auf dem Parkett knarrend folgte, »das Problem der Provinz ist nicht, dass sie in der großen Stadt den Weg nicht findet, sondern, dass sie ihn in- und auswendig kennt, ohne je dagewesen zu sein.«
»Was?« sagte sie.
»Ja«, sagte ich. »Zu glauben, jeder wäre so wie man selbst, und immer schön in der Mitte des Bürgersteigs zu gehen und die anderen ausweichen zu lassen. Wenn dir nach sauberer Luft unter deinesgleichen ist, zieh’ in den Prenzlauer Berg und mach auf Bionadebiedermeier.«
Faye starrte mich an oder vielmehr durch mich hindurch, denn tatsächlich sagte sie übergangslos: »Und die Schotten und Iren, die nun wirklich gern rauchen, gehen auch alle raus.« Sie wendete ihren Kopf nach rechts, dem kleineren Spinnenmännchen zu, das den ganzen Abend schon nägelkauend ihre Peripherie behaus­te, und sagte: »Wo war es, wo sie draußen vor dem Pub im Regen standen?«
»Oston Loch Alton, Gortahork, Letterkenny?« sagte er.
»Nein«, sagte sie, »da schien die Sonne, und was ich meine, da hat es geregnet. Loch, Loch, Loch … Wie hieß es denn nur, es liegt mir auf der Zunge.«
Ich drückte meine Zigarette in den Aschenbecher, sah, dass ich kaum geraucht hatte, und wollte mir eine neue drehen, als meine plötzlich bebenden Hände die Schachtel mit den Filtern auf den Boden fallen ließ, wo sie in die Fugen zwischen den Parkettstäben rollten.
»Lass sie liegen«, murmelte die Gastgeberin, zog mit spitzen Fingern einen Olivenkern aus ihrem angewiderten Gesicht und warf ihn auf den Tisch.
»Ich brauch’ sie aber, mir ist heute nach Rauch«, keuchte ich, kniete mich auf den Boden und pflückte jeden einzelnen Filter aus den Fugen in die Schachtel zurück, während Faye über mir mit einem weiteren »Loch, Loch … Na sag’ … « die lange Liste der Löcher auf der Suche nach dem einen durchging, das ihr auf der Zunge lag.
Sie sagte: »Kilmarnock?«
»Nein«, sagte er.
»Glangildigh?«
Es klang wie gleichgültig.
»Nein.«
»Earn? War es Earn?«
Ich erhob mich mit meiner Ernte, setzte mich an den Tisch und sagte: »Egal.«
»Nein, ist es nicht, ich muss doch wissen, wo ich im Urlaub war«, sagte sie.
»Ich meine auch nicht, dass es dir egal sein sollte, wo du im Urlaub warst, sondern mir egal ist.«
Für Faye war offenbar der nächste Monat gekommen, denn sie zündete sich eine weitere Zigarette an, blickte kurz ins Leere und rief schließlich: »Gallagher. Es war ganz eindeutig Gallagher, Loch Gallagher, wo selbst die gestandensten Schotten vor der Tür standen, und es regnete so. Fischer und Miner. Und keiner beschwert sich.«
»Was willst du mir um Himmelswillen eigent­lich sagen?« rief ich.
»Dass Rauchen schädlich ist?« sagte sie. »Hier, es steht auf der Packung: Rauchen verändert Ihren Blutdruck und schädigt Ihre Spermatozoen.«
»Das tut Tauchen auch«, sagte ich. »Nämlich wenn es dir ab hundert Metern die Eier zerquetscht. Also, was willst du sagen?«
Faye legte die linke Hand auf meinen Arm und ihre lackierten Nägel leuchteten auf dem weißen Hemd wie Hagebutten im Schnee. »Einfach: Gesetz ist Gesetz. Aber du wirst auch noch lernen, vor die Tür zu gehen.«
Ich blickte in die niedergebrannten Kerzen und sah, wie ein Docht in das Wachs kippte und erlosch. Dann zog ich meinen Arm unter ­Fayes Hand hervor, beugte mich über den Tisch und sagte nach rechts gewandt in das Gesicht ihres Mannes: »Ich hoffe, dass sie mit ihrem hübschen Mund noch etwas anderes kann als bloß reden.«
Im Zimmer wurde es still und das Schweigen schwang einmal über meinen Kopf wie eine Sense.
»Verzeih«, stammelte ich, »bitte verzeih.« Faye aber stand auf, warf ihre Zigarette auf den Teller und verließ mit weiten Schritten den Raum.
Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder öffnete, waren meine Lider schwer wie ein Theatervorhang.
»Verzeih«, sagte ich erneut, diesmal an meine Gastgeberin gewandt, auf deren Gesicht die Maske olympischer Ruhe einem Lächeln wich.
»Wieso?« sagte sie. »Ich kann sie doch auch nicht leiden.«
»Aber sie ist deine Tochter«, sagte ich.
»Na und?« sagte meine Gastgeberin, und dann noch einmal: »Na und?«

Nachruf auf das Raucherabteil

von heiko werning

Ich mag Raucher. Rauchen hat so etwas angenehm Unvernünftiges, es ist so schön gegen den Zeitgeist, es hat etwas sympathisch Fatalistisches. Rauchen erinnert mich an heimelige Winterabende in meiner Kindheit, an denen mein Vater mit mir vor dem Fernseher saß und das Wohnzimmer in Qualm einhüllte, bevor er schließlich an Lungenkrebs starb. Rauchen er­innert mich an die erste Zeit in Berlin, wie aufregend es war, die Nächte durchzuzechen und sich die Köpfe heiß zu reden, während mein Mitbewohner Bernhard problemlos ein bis zwei Schachteln am Stück in sich hineinsaugte und überfüllte Aschenbecher zwischen leeren Bierflaschen zurückblieben. Rauchen und Raucher sind für mich einfach positiv assoziiert. Und glau­be doch keiner den Schmu von den volkswirtschaftlichen Schäden. Jeder Raucher entlastet die überstrapazierten Rentenkassen, und auch die Krankenkasse dürfte sich freuen, wenn der Raucher mit verengten Herzkranzgefäßen oh­ne großes Gejammer kurz und bündig infarktbe­dingt abtritt, statt dass sie jahrzehntelanges Kränkeln, Siechtum und Demenz einfach nicht sterben wollender Gesundheitsgreise bezahlen muss.
Dementsprechend habe ich mich im Zug auch immer sehr gern in das Raucherabteil gesetzt, obwohl ich selbst nie geraucht habe. Dennoch waren die Raucher immer sehr tolerant mir gegenüber. Die Stimmung war angenehm entspannt, zufrieden pafften sie vor sich hin und machten wenig Krach. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft, und wir fanden immer einen Platz, ganz ohne dass sich jemand zum »Bahn-Comfort«-Deppen hätte machen müssen.
Natürlich, nicht jeder Nikotinsüchtige ist auch gleich ein besserer Mensch. Eine Sorte von Rauchern habe ich aufrichtig gehasst: Was sind das für Menschen, die selbst rauchen, darauf nicht einmal während einer dreistündigen Zugfahrt verzichten konnten, sich aber dennoch in ein Nichtraucherabteil setzten? Alle halbe Stunde kamen sie angehastet, strichen durch das Raucherabteil, fragten mich, ob neben mir noch ein Platz frei sei, dann schmauchten sie ihre Zichte weg, klagten über die schlech­te Luft und flüchteten wieder auf ihren Platz im Nichtraucherabteil. Manchmal produzierten diese Gestalten ein einziges Hin- und Hergerenne. Im Abteil war es dann so geschäftig wie in der Bahnhofshalle. Während wir einfach unsere Ruhe haben wollten, quetschten sie sich durch die Gänge, kamen im schlimmsten Fall gar noch in aufgeregt schnabbelnden Grüppchen an, die sich wie Heuschrecken auf die leeren Sitze verteilten, und dann grölten sie sich irgendwas über ihren Wochenendtrip zu. Schlimm! Wer raucht, soll Rauch auch ertragen können, sonst möge er bitte damit aufhören. Was ist denn das für eine Art, andere Leute einzuqualmen, um sich dann selbst umgehend als Frischluftfanatiker zu gerieren? Überall Unruhe verbreiten, das Tischchen neben mir herunterklappen, sich eine drehen, nur um es dann geräuschvoll wieder hochdonnern zu lassen, sobald sie hektisch aufgeraucht hatten und panikartig das Abteil verlassen mussten, damit nur ja ihre schönen Designerklamotten nicht zu riechen begannen. Wer raucht, der soll auch riechen! So hat die Natur das nun mal eingerichtet.
Es ist dasselbe Elend wie mit Leuten, die in ver­rauchte Kneipen gehen, sich dann darüber beschweren, dass es dort verraucht sei, und anschließend irgendwelche wahnsinnigen Nichtraucherschutzgesetze zusammenklöppeln, die es ihnen am Ende ermöglichen, in Läden zu gehen, in die die, die die Läden erst zu interessanten Läden gemacht haben, nun nicht mehr gehen, weil sie dort nicht mehr rauchen können. Dann sitzen sie da, beklagen, dass hier ja auch nichts mehr los sei, und gehen dorthin, wo Leu­te gemütlich zusammensitzen, um zu trinken, nur um dann vermutlich bald darauf für Gesetze zu kämpfen, dass nicht mehr dort getrunken werden darf, wo jeder hingehen kann.
Hört mir gut zu: Wenn ihr keine verrauchten Kneipen mögt, dann geht dort einfach nicht hinein! Das merkt man doch! Und zwar nicht erst am Raucherbein. Fahrt halt ins Grüne! Da ist gute Luft. Geht spazieren! Den ganzen Tag. Aber terrorisiert nicht andere damit!
Es war so schön im Raucherabteil. Da ist doch niemand hineingezwungen worden! Warum also hat man uns diese Oase des Friedens genommen? Ja, ja, die Schaffner. Erstens rauchen die doch eh selbst alle, und zweitens: Dürfen Bergleute demnächst eigentlich auch einen staub­freien Arbeitsplatz einklagen? Dienen Soldaten nur noch, wenn sie vor gesundheitsgefährdenden Stoffen wie Patronenhülsen gesetzlich geschützt werden? Dürfen Feuerwehrleute nicht mehr losziehen, wenn an ihrem Einsatzort nicht garantiert werden kann, dass es dort rauch­frei zugeht? Und können die eigentlich alle nicht lesen und in ihre Arbeitsverträge oder ih­re Stellenbeschreibung gucken?
Und jetzt sagt mal, ihr Sauerstofffetischisten: Riecht das eigentlich besser, diese nun nicht mehr gnädig übertünchte Mischung aus überreichlich aufgetragenen Duftwässern, aus hartgekochten Eiern und Angstschweiß, Angstschweiß von der Angst vor einem nicht bis ins Letzte sicher zu planenden Leben? Was guckt ihr denn jetzt so verständnislos?
Heute also muss ich mir einen Wagen mit Nicht­rauchern teilen. Schön ist das nicht. Schon lange, bevor der Zug ankommt, raffen sie umständlich und geräuschvoll ihre Sachen zusammen. Der Zug rollt noch gemütlich durch Brandenburg, es sind noch fast 15 Minuten bis Berlin, im Raucherabteil hätten die Mitreisenden sich noch gemütlich ein letztes Zigarettchen angezündet. Jetzt fangen alle synchron an, herumzurauscheln und -zurascheln, ihre grauenhaften Rollkoffer in den Gang zu donnern, und dann wollen sie sich schon mal vor die Tür stellen. Dort stehen aber schon die anderen Ausgangsidioten mit ihren Rollkoffern und machen alles voll. Da ist kein Platz für noch mehr Idioten. Deshalb stehen sie dann im Gang meines Wagens. Ich hätte noch 15 angenehme Zugfahrminuten vor mir, ich könnte noch entspannt einen ganzen Absatz lesen, aber neben mir stehen sie, gucken mir von oben ins Buch und griffeln ständig auf meine Kopflehne, weil sie sich kaum auf den Beinen halten können, wenn der Zug mal etwas schwankt. Was soll das? Wovor haben die Angst? Dass sie den Weg nicht rechtzeitig finden? Dass sie sich verlaufen könnten in den Weiten des Zuges? Dass sie 30 Sekunden später als andere auf den Bahnsteig treten könnten, weil sie sich nicht rechtzei­tig in die Deppenschlange eingereiht haben? Ich sag’ denen mal was: Ich fahre seit Jahren Zug. Viel Zug. Verdammt viel Zug. Ich stehe immer genau dann auf, wenn der Zug in den Bahnhof rollt. Das ist keine Magie. Das sieht man, wenn man nach draußen guckt. Und man kann meiner Erfahrung ruhig glauben: Egal, wo man sitzt – es ist nie weiter als 15 Meter bis zum nächs­ten Ausgang. Das schafft man ohne weiteres. Das findet man auch. Ganz gemütlich. Ich bin noch nie nicht rechtzeitig ausgestiegen. Ich habe Züge verpasst, ich habe sogar mal vergessen, in einen einzusteigen, weil ich gedankenverloren am Bahnsteig träumte, aber ich bin im­mer rechtzeitig aus dem Waggon rausgekommen, das ist ganz unkompliziert. Die sollen gefälligst sitzen bleiben, bis der Zug angekommen ist! Und nicht andere mit ihrer Paranoia nerven!
Aber damit nicht genug. Früher hatten meine Mitreisenden eine Kippe im Mund und hielten daher selbigen hübsch geschlossen. Heute muss ich mir das anhören, was Menschen mit ihrem Mund anstellen, wenn sie gerade mal nichts zum Reinstecken haben. Wer schützt einen eigentlich vor solcherlei psychischen Beeinträchtigungen? Sind 3 000 Opfer von Passivrauch nicht letztlich ein vertretbarer Kollateralschaden im Vergleich zu dem, was man durchstehen muss, wenn man ungewollt zum Zuhörer einer sinnlos plappernden Meute wird? Wer handelt gegen Passivplappern? Wer unternimmt beispielsweise endlich etwas gegen Leute, die in der Bahn über die Bahn nörgeln? Würdelose Kreaturen, die sich aufregen, wenn sie nach einem Personalwechsel ein zweites Mal ihren Fahrschein zeigen müssen. Was für eine Zumutung! Sie müssen noch einmal in ihre Tasche greifen! Ein Skandal! Sie können es kaum fassen, dass man das Personal nicht einfach von München bis Hamburg im Zug festtackert. Statt dass sie ehrfürchtig bestaunen, wie es den Zugbegleitern, diesen Gedächtnisvirtuosen des 21. Jahrhunderts, gelingt, sich über Stunden die Gesichter hunderter stets wechselnder Passagiere mit atemberaubender Trefferquote zu mer­ken. Statt dass sie demütig und dankbar zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht nach jedem Halt wieder ihren Fahrschein zeigen müssen, wie es zweifellos der Fall wäre, würden geistige Zwer­ge wie sie selbst die Kontrollen vornehmen und schon nach dem Durchschreiten eines halben Wagens alles wieder vergessen haben.
Und wie sie sich dann erst ereifern, wenn der Zug mal ein paar Minuten später ankommt. Wie sie die Augen verdrehen, wenn die höfliche Verspätungsdurchsage aus dem Lautsprecher ertönt, wie sie den Schaffner mit spitzen Bemer­kungen traktieren, wie sie Sätze sagen wie: »Na­türlich, die Bahn mal wieder!« Haben die alle so dermaßen wichtige Termine, dass die paar Minuten über ihre Zukunft entscheiden? Wenn die wirklich etwas Wichtiges zu tun hätten, wenn irgendwer sie wirklich erwarten würde, dann wäre es auch kein Problem, wenn sie zehn Minuten später einträfen. Dann wäre es nicht mal ein Problem, wenn sie eine Stunde später einträfen. Ja, selbst wenn sie ihren Anschluss ver­passen! Na und? Das passiert halt gelegentlich. Warum setzen sie sich nicht die Dreiviertelstun­de in ein Café, halten den Mund und warten? Genießen die unverhoffte Zeit für sich selbst, die eine höhere Macht ihnen plötzlich geschenkt hat? Lesen was Feines? Oder rauchen eben eine und lassen die Gedanken dabei schweifen? Ja, aber mit Denken ist natürlich nichts, wenn man stets mit den Augen kullern und herumbrüllen muss: »Hach, die Bahn mal wieder!« Die sollen sich mal zu den anderen Irren auf die Autobahn gesellen. Und dann mal eine Prognose für ihre Ankunftszeit auch nur auf eine halbe Stunde genau wagen, wenn sie mehr als 300 km fah­ren. Mal sehen, wer dann die Augen verdreht. Ich fahre regelmäßig 500 km und mehr. Und es ist fast wie ein Wunder: Fast immer komme ich auf die Minute so genau an, dass ich mich be­denkenlos am Bahnhof abholen lassen kann. Und das trotz eines komplett durchgeknallten Bahnchefs, dessen ehrgeizigstes Ziel es ist, das Unternehmen kundenfrei zu granteln, damit er endlich in seine schöne Luftfahrtbranche darf. Sie sollten ehrfürchtig sein, dass die Bahn es trotzdem so gut schafft!
Liebe Bahn, wenn man in deinen Zügen schon nicht mehr rauchen darf – könntest du nicht trotzdem einfach wieder die Raucherabteile ein­führen? Wo dann nur Raucher sitzen dürfen? Dafür, versprochen, würde ich sogar doch noch mit dem Rauchen anfangen.