Nie wieder nach Hause

Über das Schreckensregime des Türstehers, Rave und Religion, die steigende Euphoriekurve, das Drinnen und das Draußen und das ewige Halbdunkel des Morgengrauens. Ein Samstag im Tempel des Techno,
dem Berghain.

Anzeige

Wann genau ist eigentlich Samstag? Fast alle Clubs machen um Mitternacht auf, am Ausgehsamstag ist also immer schon Sonntag. Die Zeit vorher muss man herum­bringen, in Bars, auf der Straße, wenn es gar nicht anders geht, auch zu Hause. Wer in einer Samstagnacht vor ein Uhr in einen Club geht, landet unweigerlich auf einer leeren Tanzfläche, die von einem DJ bespielt wird, der genau weiß, dass niemand um diese Zeit tanzen will, und der deshalb Musik spielt, zu der auch niemand tanzen würde, wenn denn jemand da wäre. Ist aber nicht. Die Leute stehen vor der Tür. In der Schlange.
Das ist überall so, vor allem aber vor dem Berg­hain. Lang und diszipliniert zieht sie sich durch den märkischen Sand. Ganz hinten eingegrenzt von Baustellengittern, in der Nähe der Tür dann s-förmig von Stahlsperren in eine raumsparende Form gebracht, als wollten die Leute in ein anderes Land einreisen. Wollen sie auch, gewissermaßen. Gemeinhin geht man ja davon aus, das Warten vor einer Clubtür habe etwas mit dem Anspruch auf Exklusivität zu tun, den der jeweilige Laden geltend mache. Ein Glaube, der wahrscheinlich noch immer fernes Echo des gequälten Stöhnens all derjenigen ist, die in den späten Siebzigern einmal darauf warteten, in das New Yorker Studio 54 hereingelassen zu werden, die berühmteste Discothek des 20. Jahr­­hunderts. Dort stellte das Schreckensregime des Türstehers jene Mischung aus Celebrity, Geld, Schönheit und Jugend her, um die sich auch heute noch einige Sehnsüchte ranken. Man wurde herangewunken, um hineingelassen zu werden – oder eben nicht, dann musste man da­­bei zuschauen. Was sich den Rest der Nacht hinziehen konnte, es zwang einen ja niemand, dort auszuharren, außer die schiere Attraktivität aufmerksamkeitsökonomischer Macht, die das Nachtleben von Städten regiert, in denen Berühmtheit, Reichtum und Geschmack zusam­mengehören. Was in Berlin nicht der Fall ist.
Tatsächlich endeten ausnahmslos alle Versuche von Clubbetreibern in den Neunzigern, ei­ne Discothek aufzumachen, die nach diesem Prinzip funktioniert, im Fiasko. Geschmack und Geld gehören in Berlin eben nicht zusammen, sieht man einmal von der Kunstszene ab. Diese jedoch hat ihre einstmals enge Allianz mit den Techno- und Houseclubs gemeinsam mit der Idee, jede Vernissage bräuchte unbedingt einen DJ, seit den Neunzigern fast völlig aufgegeben. Heute treffen sich Künstler, Galeristen, Sammler und Kritiker lieber in einigen Restaurants und Bars in Berlin-Mitte. Dort ist dann auch der einzige Laden, dessen Tür entfernt an das Studio-54-Prinzip erinnert: das Cookies Unter den Linden.
All diese Gedanken kann man sich machen, wenn man in der berühmten Schlange vor dem Berghain steht. Erster und wichtigster Unterschied zu allen anderen Schlangen: Sie ist für alle da. Es gibt zwar auch hier eine Gästeliste, aber die ist vergleichsweise kurz und hat keinerlei sym­­bolische Bedeutung. Wer draufsteht, muss trotzdem warten, er bezahlt nur nichts. Allein die DJs der Nacht und ihre Entourage können an der Schlange vorbeispazieren, dazu noch einige Leute, die dem Berghain besonders verbunden sind. Was aber nicht sehr stark ins Gewicht fällt. Vielleicht drei oder vier kleine Grüppchen pro Stunde ziehen an einem vorbei, mehr nicht. Die beobachtet man, während man wartet. Was immer eine Weile dauert, egal, ob um ein Uhr, um drei Uhr oder um sechs Uhr morgens. Manch­mal gibt es einen extra Türsteher, der auf Höhe der Schlangenmitte steht und nichts anderes tut, als die Wichtigtuer zurück ins Glied zu verweisen, die glauben, aus irgendeinem Grund würde ausgerechnet für sie nicht gelten, dass vor der Tür des Berghain alle gleich sind.
Was in der Konsequenz der Umsetzung tatsäch­lich eine Anmutung von jakobinischem Terror hat. Denn ob Königin oder Bauer: Es kann wirklich jede und jeden treffen. Zum einen ist diese Tür also radikal demokratisch. Zum anderen ist sie aber von einer erfrischenden Willkür getragen, die einen, auch wenn man seit Jahren ohne Probleme hineingekommen ist, jedes Mal aufs Neue die Frage stellen lässt: Ob ich heute abgewiesen werde?
Die Schlangen der meisten Clubs funktionieren nach dem Modell der sozialen Korruption: Alle müssen warten, nur die nicht, die irgendjeman­den kennen, der jemanden kennt, der einen auf die Gästeliste schreibt. Das ist zum einen der einzige Vorteil, den man gegenüber den zahllosen Touristen hat. Zum anderen logische Konsequenz des Lebens in einer Stadt, in der nicht das finanzielle oder kulturelle, sondern das soziale Kapital entscheidend ist.
Beim alten WMF, dem prototypischen Mitte-Club in der zweiten Hälfte der Neunziger, führte das dazu, dass es zeitweilig zwei Eingangstüren gab: eine extra für die Leute auf der Gästeliste. Die Schlange an der Gästelistentür war oft bedeutend länger als die der zahlenden Gäste. Was auch damit zu tun hatte, dass ein Club immer etwas von einem Vereinsheim hat. Clubs leben davon, dieses Gefühl von Zugehörigkeit stiften zu können. Dass man auf der Gästeliste steht, signalisiert einem selbst und allen anderen Mitgliedschaft, und das ist wesentlich wichtiger als der Umstand, dass man keinen Eintritt bezahlen muss – eine Summe, die ja verschwin­dend gering ist, wenn man sie aufrechnet gegen die Beträge, die man im Laufe einer durchfeierten Nacht für Taxifahrten, Alkohol und Drogen ausgibt.
Eine Weile versuchten die Macher des WMF diesen Auswüchsen des Gästelisten-Unwesens zu begegnen, indem sie verstärkt Clubmarken ausgaben. Hatte man eine ergattert, reichte es, sie an der Tür hochzuhalten, seine Nummer zu sagen, die dann auf einer Liste durchgestrichen wurde, und schon war man drinnen. Das schuf aber nur kurzzeitig Erleichterung, denn rasch waren Hunderte von Marken im Umlauf, und die Leute fingen an, sie untereinander auszuleihen. Was zu noch längeren Schlangen an der Tür führte.
Der entscheidende Nachteil der sozialkorrupten Tür wurde ebenfalls am WMF besonders deutlich: Je mehr das Publikum sich als selbstverständlichen Teil eines Clubs begreift, je niedriger also die Schwelle ist, die man am Beginn der Nacht überschreiten muss, desto weniger Gründe gibt es, dort hinzugehen. Als ein Großteil des Publikums am Eingang nur noch die Mitgliedsmarke schwenkte und sich dann umstandslos in die Lounge begab, um dort Multimedia-Projekte zu besprechen, wurde es im WMF nämlich schlicht langweilig. Bei all der Wichtigtuerei und Karriereplanung vergaßen viele, wozu ein Club eigentlich da ist. Zum Feiern nämlich.
Darauf soll einen die Schlange vor dem Berghain vorbereiten. Das gilt für alle. Ob es das Pärchen ist, das sich ab und zu ermahnt, jetzt nicht so herumzuhibbeln, oder die Gruppe Italiener, die aussehen, als gäbe es in Italien Ber­lin-Fanzines mit Styling-Tips für Berliner Clubs, Thema New-Rave: riesige bunte Sonnenbrillen und extrem asymmetrisch ausgewachsene Frisuren. Die Mädchen tragen lila Leggings zu giftgrünen Tops, die Jungs postironische Slogan-T-Shirts. Eine Frau bekämpft ihre Besorgnis, sie könne womöglich nicht hineinkommen, mit einem endlosen und zunehmend wirrer werdenden Vortrag über ihre Heimatstadt Wupper­tal, der von zwei holländischen Jungs, die sie in der Schlange kennen gelernt hat, mit sporadischem »Aha«-Gemurmel am Versickern gehindert wird. Zwei andere Jungs machen Scherze über die, die nicht hineingelassen werden, und ermahnen sich gegenseitig, bloß nicht zu laut zu lachen, sonst könnte es sie ja womöglich selbst treffen.
Die Angst vor dem Türmann lehrt einem den nötigen Respekt, mit dem man sich dem Berghain zu nähern hat. Zumal er mit seinen Gesichts­tätowierungen und den zahllosen Piercings auch nach Jahren noch jedes Wochenende aufs Neue die einschüchternde Autorität des radikalen Lebensentwurfs ausstrahlt. Er heißt Sven Marquart, und wenn er nicht hier steht, ist er Fotograf. Leute, die ihn kennen, sagen, er sei sehr nett.

Das Berghain hat nicht nur architektonisch einige Ähnlichkeit mit einer Kathedrale. Es ist tatsächlich ein Tempel des Techno. Und ob es so gewollt war oder nicht: Das Warten ist der Auftakt eines Initiationsritus, der sich mit dem Kribbeln fortsetzt, das man unweigerlich verspürt, wenn man sich der Türe nähert. Man sieht, wie die Leute vor einem abgewiesen werden. Man versucht, die Kriterien zu ergründen. Meist ist das ziemlich einfach: Gruppen von Jungmännern haben es immer schwer, sind sie zudem Touristen, Heteros oder offensichtlich Betrunkene, wird es noch schwieriger. Aber das sind nur Wahrscheinlichkeiten. Als einmal ein Punk nicht rein darf und laut schreit: »Fuck you, Deutschland! Ihr seid das Letzte! Ich komm aus Wien!«, müssen alle lachen.
Man möchte nicht mit jedem feiern und weint deshalb keinem der Abgewiesenen eine Träne nach, zugleich bezahlt man die Exklusivität mit dem Risiko, selbst nicht reinzukommen.
Identifikation mit dem Peiniger, gemischt mit Vorfreude und Angst – auf dem Weg ins Berghain kommen eine Menge widersprüchlicher Ge­fühle zusammen. Und das muss wohl so sein, es ist die erste Spannung, die sich löst, wenn man den Laden schließlich betritt.
Der Initiationsritus setzt sich mit dem sorgfältigen Drogencheck fort, den man im Kassenraum durchläuft: die rituelle Reinigung. Danach entrichtet man seinen Obolus, auch ein religiöser Akt. Um dann in der Garderobe zu landen, einem riesigen Raum, in dem einige Sofas stehen und der von einem riesigen Wandgemäl­de des polnischen Künstlers Piotr Nathan dominiert wird. Es heißt »Rituale des Verschwindens«. Die Lichtarchitektur unterstützt das Gefühl einer Initiation: Draußen ist es dunkel, im Kassenraum schummerig, in der Garderobe hell. Wenn man die letzte Schwelle überschritten hat und die große Halle betritt, aus der man es vorher schon wummern gehört hat, dann wird es auf einmal wieder dunkel. Man durchquert den Saal, geht die große Stahltreppe hinauf, und auch wenn man weiß, worauf man sich für die kommenden Stunden eingelassen hat: Es ist jedes Mal aufs Neue ein kurzer Schock, vor der Tanzfläche zu stehen und sich von der Musik anbrüllen zu lassen. Einige Sekunden lang, bis sich die Augen auf die Stroboskopblitze eingestellt haben, irrt man halbblind in der Gegend herum. Es hat etwas von einem Schlag ins Gesicht – man muss sich als einigermaßen Nüchterner ja nicht nur durch eine Masse von schwitzenden Körpern drängeln, die alle schon ein paar Stunden länger dabei sind. Die Schallwellen der Musik greifen einen ja ganz körperlich an.
Erst mal was trinken.
Es gibt insgesamt sechs Bars auf den drei Ebe­nen. Eine im rechten Nebenraum des Berghain, neben der großen Tanzfläche, ein Raum, den man sich vorstellen kann wie das Seitenschiff einer gotischen Kathedrale. So wie die alten Baumeister ein geschicktes Zusammenspiel von Fenstern und schmalen Säulen inszenierten, um die direkte Verbindung nach oben zu betonen, sind hier Scheinwerfer so gesetzt, dass die ohnehin schon hohe Decke noch höher erscheint. Eine andere Bar ist etwas versteckt links neben der Tanzfläche, nahe den Darkrooms. Dort führt auch eine Treppe hoch zur Panoramabar, die etwas kleiner und etwas heller ist als das Berghain. Oben ist House und hetero, unten hart und schwul.
Hier endet die Parallelschaltung von Rave und Religion dann auch. Nicht weil sie prinzipiell Unfug wäre – im Gegenteil. In ihrer afro­ameri­kanisch-schwulen Variante pflegen House und Religion ein inniges Verhältnis. Jack, den die Erfinder der House Music an den Anfang allen Seins setzten – »In the beginning there was Jack/And Jack had a groove/And this groove was the beginning of all groove« (Fingers Inc., »Can You Feel It«) –, war Jedermann und Tanzflächengott zugleich, ein Erlöser, geboren aus der Übertragung der Befreiungsrhetorik der Bürgerrechtsbewegung auf die schwule schwarze Sub­kultur. Das alte Emanzipationsversprechen wurde für die eigenen Zwecke umgedeutet, erweitert und spezifiziert. Und viel vom Pathos der schwarzen Kirchen übernommen.
Dennoch: Auch im Chicago der mittleren Acht­ziger ging es beim Ausgehen vor allem um die ganz profane Sünde. Und nur im Deutschen wird der Ort hinter den Plattenspielern tatsächlich Kanzel genannt – auf Englisch heißt sie höchst sachlich »booth«. Wenn man sich in der Panoramabar umschaut, gibt es genau zwei Dinge, die dieser Laden mit einer Kirche gemeinsam hat. Wie in jeder Kirche wird auch hier versucht, den Wunsch nach transzendentaler Erfahrung zu institutionalisieren – wenn das Religion ist, dann teilen die Anwesenden hier einen tiefen Glauben. Nur, dass sie nichts weiter verbindet als der tief empfundene Wunsch, es sich mal wieder so richtig zu besorgen. Und das andere: Wenn in den Kirchen der Sonntagsgottesdienst beginnt, sind auch hier noch alle da, um dem zu lauschen, was der Mann oder die Frau in der Kanzel zu sagen hat.

Ins Berghain geht man spät, mitunter sehr spät: Viele Berliner kommen mitt­ler­weile ausgeschlafen am Morgen, um der Touristen-Stoßzeit bis acht Uhr auszuweichen. Und man bleibt lange. Was man in den Stunden dazwischen dort macht, daran kann man sich später oft gar nicht mehr genau erinnern. Nicht nur, weil man zwischenzeitlich unter dem Einfluss diverser Weichspüler und Muntermacher gestanden haben mag – das Berghain öffnet ein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum. Andere Läden betritt man, bleibt eine Weile und fährt dann woandershin. Hier bleibt man. Der Rest der Welt verschwindet. Im Berghain ist man out of area. Das muss man wollen. Man kann sich sehr verloren fühlen als einzig Nüchterner unter Hunderten Rauschwilligen. Zu­mal der Laden riesig ist – in einer guten Nacht werden sicher 3 000 Leute durchgeschleust. Da­bei wird aber jeder Raum von einem so sicheren Gefühl für Proportionen getragen, dass man – nun ja, dass man sich hier zu Hause fühlt, wäre wohl ein bisschen viel des Guten. Wie ein Fisch im Wasser, das trifft es eher. Man ist ja hier, weil es gerade nicht zu Hause ist.
Es ist nicht erlaubt, im Berghain zu fotografieren, nicht einmal mit der Kamera in seinem Handy. Weil viele Gäste nicht fotografiert werden wollen, während sie ihre sexuellen Fantasien ausleben, wird einem auf Nachfrage an der Tür gesagt. Das mag sein, doch vor allem wäre jedes Foto eine Brücke nach draußen, eine Erinnerung daran, dass es das Draußen überhaupt gibt. Kein Club schafft es so perfekt, sich gegen dieses Draußen abzudichten, wie das Berghain. Vor der Tür mag die Sonne schon hoch stehen – drinnen herrscht immer das Halbdunkel des gefühlten Morgengrauens.
Sicher, es gibt Leute, die hier Dinge machen, für die sie dieses Dunkel suchen. Jeder Besucher hat schon mal gesehen oder gehört, wie Leu­te an der Bar Sex hatten. Oder auf einem Sofa. Oder neben der Tanzfläche. Auch wenn die expliziten Sexpartys seit jeher ins angeschlossene lab.oratory ausgelagert sind (wo es Veranstaltungen für jeden sexuellen Geschmack gibt, solange er im weitesten Sinne schwul ist: von den »Yellow Facts« über »Fausthouse«, »Beard« und »Slime« bis zur Bikerparty »Spritztour«), hat das Berghain zwei Dark­rooms. Und es gibt alle möglichen Geschichten über Leute, die in ver­schie­­densten Zuständen temporärer Enthemmung dies und das machten.
Meist aber haben die Berghain-Geschichten da­mit zu tun, dass jemand wirres Zeug erzählt oder erzählt bekommt, oder dass man irgendjemanden trifft oder kennen lernt, der ziemlich außer sich ist. Dass man mit irgendjemandem gemeinsam aufs Klo geht und dass es einem der Beteiligten danach entweder wahnsinnig gut geht oder nicht so gut. Diese Geschichten sind oft auch unter der Woche noch lustig, manchmal aber auch traurig.
Vor allem haben sie aber ein unglaubliches Eigenleben. Wer über die Jahre immer wieder ins Ostgut und Berghain gegangen ist, kann an sich selbst und seinen Freunden wunderbar beobachten, wie aus diesen Geschichten der Mythos dieses Ladens entstanden ist und immer wieder aufs Neue konstituiert wird. Es gibt ja dieses große kollektive Gespräch, in dem man später die Ereignisse des Wochenendes noch einmal durchgeht, sich erzählt, wem was passiert ist, was man gesehen hat, was andere Leute einem erzählt haben, was sie wiederum gesehen und erzählt bekommen haben. Ein Gespräch, in dem all diese Geschichten ständig neu erzählt werden, neue Gewichtungen bekommen, wo abgewogen, bewertet und begreifbar gemacht wird. Wo man sich versichert, dass es so nicht weitergehen kann, und sich insgeheim freut, dass man bald wieder verlockt sein wird.
Ganz normale Ausgehgeschichten eigentlich, wie man sie auch in anderen Clubs erlebt – nur, dass es dort selten Sonntagnachmittag um fünf ist, wenn man den Absprung zurück in die Welt schafft. Das Besondere an den Geschich­ten ist, dass sie kontinuierlich in das große Berghain-Gespräch verwoben werden. Wie die von dem Mann, der seinen Partner auf der Tanzfläche des Berghain fistete und ein Zentime­termaß auf den Unterarm tätowiert hatte. Oder die eines Freundes, der aufs Klo ging, dort einer unbekannten Frau begegnete, die ihn anschaute und sagte, »los, fick mich jetzt«, was dieser aber nicht wollte, woraufhin diese ihm einen Faustschlag verpasste, der noch tagelang als Veilchen sichtbar war. Oder die von dem Mann, der auf dem Klo war, um zu pinkeln, als sich ein anderer neben ihn stellte, ihm kurz und überraschend seine Hand in den Strahl hielt, die Pisse austrank und wieder verschwand – »er hätte wenigstens fragen können!«
So entsteht der Mythos, und er setzt sich end­los fort. Das große Gespräch findet längst nicht mehr nur an Berliner Telefonen statt. Auch in Newsgroups werden Nächte diskutiert, in Stock­holm oder Mailand gehen die Geschichten mit der stillen Post herum. In Melbourne wissen ein paar Leute Bescheid. Und irgendwann steht dann im New Zealand Herald, dass es in Berlin Technoclubs gibt, wo Sex auf der Tanzfläche die normalste Sache der Welt ist. Woraufhin dann wieder ein paar Neuseeländer ihre Berlin-Flüge buchen.
Für die Mythenbildung ist es ziemlich gleichgültig, ob die Geschichten sich wirklich ereignet haben, es genügt, dass es sie gibt, dass sie erzählt und weitererzählt werden.
Das Berghain ist ja nicht die Bar 25, die sich ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt am Spree­ufer befindet. Auch dieser eilt der Mythos des ent­grenzten Feierns voraus, aber die Geschichten aus der Bar 25 sind härter und grotesker. So wie die von der Frau, die auf einer Wiese lag, ihr Handy als Vibrator benutzte und »Vagina-Dialog! Vagina-Dialog!« rief. Verglichen damit geht es im Berghain alles in allem recht zivilisiert zu. Ja, in den Metallkabuffs neben der Panoramabar-Tanzfläche wird manchmal gevögelt. Im Grunde wissen die Leute sich hier aber zu benehmen. Oder sie fragen vorher: »Tschuldigung, ich muss dich jetzt echt mal kurz total volllabern, ist das okay?«
Das lässt man dann gerne mit sich geschehen.
Dann läuft man herum, schaut mal hier und mal da, trinkt was, geht aufs Klo und guckt vom Pissoir hinter der Panoramabar aus durch ein Fenster auf diesen merkwürdigen kleinen Bach, der sich durch das Brachland schlängelt. Man trifft alle möglichen Leute, manche kennt man, andere nicht. Während man darauf wartet, an der Bar bedient zu werden, erklärt einem ein Franzose Anfang zwanzig, dass er ein Techno-DJ aus Montpellier sei, und wie die Moslems nach Mekka pilgern, so sei er nach Berlin gekom­men. Am Treppenaufgang kommt man mit einem riesigen, halbnackten Skinhead ins Gespräch, der einem lächelnd erklärt, so einen Club gäbe es nicht noch mal, »nicht mal in Russ­land«. Neben der Tanzfläche nimmt man den Faden eines Gesprächs über Dubreggae wieder auf, den man vor einigen Wochen dort liegen gelassen hat.

Und dann tanzt man. In einer guten Nacht haben Berghain und Panoramabar die besten Tanzflächen der Welt. Alles, was gut ist an zwanzig Jahren House und Techno, glaubt man dann hier aufgerufen, die musikalische Expertise des Publikums ist erstaunlich, genauso wie die Bereitschaft, diese über Bord zu schmeißen, sobald die Euphoriekurve es verlangt. Eine Mischung aus schwul, hetero, älter, jünger, Mann, Frau, Berliner und Tourist, die nicht etwa wegen ihres multikulturellen Charmes so einmalig ist, sondern weil sie eine ganz eigene Dynamik zu entwickeln vermag. Auf einer Tanzfläche aus hartgesottenen Berliner Technoveteranen wissen zwar alle, was los ist, aber manchmal können sie die nötige Begeisterung vermissen lassen, wenn der DJ den Bass nach acht Takten Pause wieder reinknallen lässt. Man hat diesen Effekt einfach schon ein paar Mal gehört. Würde man sie vollständig durch junge schwule Italiener austauschen, die zum ersten Mal im Berghain sind und so richtig steil gehen, wäre es wahrscheinlich egal, was läuft – sie würden immer durchdrehen. Die Kombination aber ist wunderbar. Denn nichts geht über eine Tanzfläche, die sich über die Jahre gebildet hat, die weiß, was von welchem DJ zu erwarten ist. Und die trotz­dem in der Lage ist, diese Routinen immer wieder zu durchbrechen. Die Musik ändert sich ja auch von Monat zu Monat.
Und irgendwann ist man in einem so verklärten Zustand, dass man emphatisch den politischen Gehalt von elektronischer Clubmusik bejaht. Er liegt in der Art und Weise, wie auf der Tanzfläche miteinander umgegangen wird, denkt man dann. Hier muss man sich verhalten. Sich seinen Platz suchen. Dabei den anderen keinen wegnehmen. Diese Dinge muss man lernen, sie fallen einem nicht zu.
Wenn sie fehlen, gibt es auch immer wieder diese äußerst konzentrierten Hassmomente. Wenn man etwa von einem dieser kleinen Grüpp­chen beiseitegeschoben wird, die denken, der Weg von der Tür zur Bar sei über die Tanzfläche einfach am kürzesten. Oder wenn man sich den Arm verbrennt, weil der Typ neben einem glaubt, er müsste jetzt tanzen und außerdem rauchen (was jetzt leider auch jenseits der Tanz­fläche nicht mehr geht, sieht man von der etwas ungemütlichen Raucherlounge ab). Oder wenn zwei Jungs, die noch keine richtige Routine im Umgang mit ihrem Bewegungsdrang gefunden haben, sich erst neben einen drängeln, ein bisschen hin- und herwippen. Sich dann woanders hinbegeben, da auch ein bisschen her­um­hüpfen. Um dann zu beschließen, jetzt noch mal ganz woanders hinzuirren, und einen noch mal beiseite schieben.
Das sind die Momente, wo man Good Governance im Club einführen möchte: die gute Tanzfläche. Wo die Leute trotz allem wissen, was sie tun. Wo alle so breit und drauf sein können, wie sie wollen, aber immer noch respektvoll mit­einander umgehen. Wo wenig Platz ist, aber die praktische Restvernunft den Anwesenden dik­tiert, sich nicht mehr Platz zu nehmen, als vorhanden ist. Wo kein Volldepp sich mit drei Drinks in den Händen durchdrängelt, um sie seinen Freunden zu bringen, die in der Mitte der Tanzfläche stehen und sich unterhalten.
Solche Dinge gehen einem dann manchmal durch den Kopf.
Oder: Kenn ich die nicht irgendwoher? Hab ich den nicht neulich irgendwo getroffen? Haben wir uns nicht sogar unterhalten? Wer ist eigent­lich der Typ da vorne? Letzten Samstag hat der da auch schon immer vor den Plattenspielern her­umgehampelt. Superstück, Wahnsinn. Man fragt sich: Geht einem das als DJ eigentlich auf die Nerven, wenn einem immer lauter superbreite Leute zuschreien, wie wahnsinnig super es gerade ist? Oder freut man sich? Schon wieder hat sich eine Scherbe in der Schuhsohle ver­hakt. Können die Leute ihre blöden Bierflaschen nicht irgendwo abstellen, anstatt sie einfach fallen zu lassen?

Das Berghain und die Panoramabar haben ein anderes Euphorie-Level als andere Läden. Bis weit in den Sonntagnachmittag hinein geht die Feierkurve immer wieder steil nach oben. Was auch mit dem parallelgesellschaftlichen Charme des Ladens zu tun hat, hier funktioniert es tatsächlich, die restliche Welt auszuschalten. Oder noch besser: sie sogar als Effekt einzusetzen, als zusätzliche Stimulanz, als Intensivierungsmaschine. Wenn der Lichtmann in der Panoramabar etwa für einige Sekunden die Rollläden aufmacht und das Sonnenlicht hereinbricht, dann spülen körperlich spürbare Wellen der Begeisterung über die Tanzfläche, man schreit und reißt die Arme in die Luft – und kokettiert selbstverständlich damit, dass zu viel Sonne diese Welt ganz rasch verschwinden lassen könnte – wie ein Vampir würde man zu Staub zerfallen.
Das Berghain hat ein sehr heterogenes Publikum. Das war nicht immer so. Der Vorgängerclub Ostgut etwa war die längste Zeit ein schwu­ler Laden, in dem man als Hetero zwar wohlgelitten war, wenn man hart feiern wollte. Man blieb aber die Ausnahme. Die Eröffnung der Panoramabar änderte das, erst ein wenig, dann deutlich. Wer wissen will, wie sich in den Neunzigern sexuelle Identitätspolitik in Berlin verändert hat, könnte das schön an dem Verhältnis des Ostgut zur Panoramabar erzählen: Queer schlägt eine kleine Bresche ins schwule Feld, die­se wird rasch größer, und am Ende ist gar nicht mehr so klar, was jetzt eigentlich schwul ist und was nicht, außer einer sexuellen Vorliebe. Jeder ist ja irgendwie queer, den man so sieht, wenn man sich Sonntagnachmittag in der Panorama­bar umschaut.
Und irgendwann ist Schluss, da ist das Berghain ganz Club und eben nicht Afterhour-Laden. Man geht in die Garderobe und gibt seine Garderobenmarke ab, die – nur ein Indiz des detailversessenen Perfektionismus – nicht wie über­all sonst ein Zettel mit einer Nummer ist, sondern eine Metallmarke an einem Bändchen, das man sich um den Hals hängen oder sonst wo festbinden kann. So verpeilt man am Ende der Nacht auch sein mag, man wird auf jeden Fall seine Jacke bekommen. Hier wird mitgedacht. Das ist wichtig, wenn geistig niemand mehr so richtig bei sich zu Hause ist.
So stolpert man aus der Tür hinaus ins Licht, verabschiedet sich mit einem Kopfnicken bei den Türstehern, die man zwar nicht kennt, aber denen man sich irgendwie verpflichtet fühlt, irgendwie muss man die Nacht ja symbolisch ab­schließen. Man schaut sich um, spürt die frische Luft auf der Haut, merkt, wie verschwitzt man eigentlich ist, hört das leichte Piepen in den Ohren, das sich mit dem Zwitschern der Vö­gel, dem Gemurmel der Leute vermischt, die in irgendeiner Ecke herumsitzen, noch ein Bier trinken, und dem leisen Scheppern der Anlage, das aus dem Gebäude dringt.
Jetzt kann man nach Hause gehen. Oder noch mal in der Bar 25 vorbeischauen.

Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags aus:
Tobias Rapp: Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. Ca. 250 Seiten, 8,50 Euro. Das Buch erscheint Ende Frebruar.