Kochsendungen und Geschlechterrollen

Machos an den Töpfen

Wie in Kochsendungen im deutschen Fernsehen Geschlechterrollen eingeübt werden.

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Fast unbemerkt haben Kochsendungen das deutsche Fernsehprogramm erobert. Zu TV-Veteranen wie Johann Lafer sind Jungköche mit eigenen Formaten gestoßen. Zwar schaffen es die »Topfgeldjäger« des Hamburger Sternekochs Steffen Henssler nicht, mehr Zuschauer als die gleichzeitig bei der ARD gesendete Telenovela »Sturm der Liebe« zu erreichen, dennoch ist die Quote bei der »werberelevanten« Zielgruppe erstaunlich gut. Das ZDF plant schon eine Verlängerung bis 2011. Was macht die meist zwischen 35 und 45 Minuten dauernden, live auf Halde produzierten Kochsendungen eigentlich so attraktiv – vor allem auch bei jüngeren Zuschauern?
Ein Trend scheint unumkehrbar: In deutschen Haushalten wird immer weniger gekocht, gleichzeitig immer öfter Köchen beim Zubereiten von Speisen zugeschaut. Was man zu sehen bekommt, verdirbt den meisten Vegetariern den Appetit. Zu einem Hauptgericht gehört, glaubt man den Fernsehköchen, Fleisch, auch eine Vorspeise kommt bei ihnen selten ohne Fisch oder Geflügel aus. Minutenlang wird in den Sendungen Fleisch zerlegt oder von Sehnen befreit, die Konsistenz noch blutiger Filets gelobt. Es geht also in erster Linie um fleischliche Gelüste – durchaus im doppelten Sinne.
Doch der eigentliche Grund, warum diese Sendungen so beliebt sind, scheint mir noch ein anderer: Die meist männlichen Fernsehköche bringen trotz ihrer geschäftigen Aufgeregtheit wieder Gewissheit in unsere von Gendermainstreaming und mittlerweile auch von zur Primetime gesendeten Dokumentationen über Transsexualität und Transidentität aufgewühlte Fernsehwelt. In den Kochsendungen werden Geschlechterverhältnisse performiert wie eh und je: Ein Mann ist ein Mann ist ein Mann. Eine Frau ist alles andere.
Vielleicht ist der Fernsehkoch per se dazu verdammt, sich in solchen Dichotomien zu inszenieren, da er ja gerade eine Position einnimmt, die im klassischen Rollenverständnis eigentlich Frauen zugewiesen ist: am Herd. Ein ambitionierter Koch steht also in dieser Logik permanent im Verdacht »weiblichen« Verhaltens – vielleicht ist auch sexuell nicht alles »in Ordnung« bei ihm. Doch obwohl zum Beispiel bei »Lafer! Lichter! Lecker!« eine vermeintliche homosexuelle Beziehung zwischen den beiden Köchen vorgespiegelt wird – hauptsächlich von Horst Lichter, der zu Beginn der Sendung für gewöhnlich auf eine mit Johannes Lafer verbrachte Hotelnacht anspielt –, dienen diese Spitzen dazu, den eigenen Status als heterosexuelle Männer zu reaffirmieren.
In der Silvestersendung von »Lafer! Lichter! Lecker!« war die TV-Moderatorin Sonya Kraus zu Gast. Als Kraus sich mit tiefem Ausschnitt über den Feldsalat beugt, kalauerte Horst Lichter: »Eben ließ der Salat noch die Blätter hängen, jetzt, nachdem du ihn angefasst hast ...« Bezeichnenderweise kann Lichter auf ein »eingeweihtes Publikum« zählen, das den Herrenwitz versteht, ohne dass er ihn ausführen muss.
Auch ein Flirt unter Gleichen kann einen solchen »standhaften« Mann nicht von seiner Orientierung abbringen. Schwul sind immer nur die anderen. Im Anschluss an eine »Quizfrage« variierte Steffen Henssler in seiner Sendung dieses Schema von Fremdzuschreibungen weiter: »Beim ZDF haben wir ja auch so einen – man weiß nicht, was er ist! Eine hohle Nuss oder eine Hülsenfrucht? Stefan Silbereisen!« und blinzelte dem Zuschauer verschwörerisch zu.
In Hensslers Weltbild gibt es – »natürlich nur im Spaß«, wie er ab und zu entschuldigend einräumt – Frauen nur als Zicken oder als »bezaubernde junge Damen«. Bei erstgenannten nimmt er sich das Recht heraus, eine Verbalattacke nach der anderen zu fahren, letztgenannten ist er immer sehr schnell »zur Hand« und sich auch nicht zu schade zu versprechen, »in den Ausschnitt zu schauen«.
Nicht nur seine schnoddrige Schnauze, die Selbststilisierung des im Südschwarzwald Geborenen als Hamburger Jong mit zugehöriger Nasalstimme sowie seine aggressiv falsch ausgesprochenen italienischen oder spanischen Wörter sind nervtötend, auch die wechselnden Verkleidungen, in die er seinen in Anbetracht anderer Fernsehköche zugegebenermaßen noch recht ansehnlichen Körper zwängt. Dabei scheut er auch nicht den abgeschmacktesten Kalauer. Einer Umfrage zufolge fänden Männer es sinnlich, referiert Henssler, wenn Frauen Erdbeereis essen. Um dann nachzulegen: »Ich dachte immer, Männer fänden es sinnlich, wenn Frauen Bananeneis essen.«
Überhaupt eignet sich die »Schlacht« in der Küche – in Hensslers »Topfgeldjägern« offen als Geschlechterkampf inszeniert, bei dem ein Frauenteam gegen ein Männerteam spielt –, um sexuelle Hierarchien zu klären. Als Anschauungsobjekt dient Gemüse, dessen Formen zu allerlei Anspielungen verleiten. Aber auch bestimmte Zubereitungen eignen sich prima für anzügliche Sottisen: »Ob du den wohl zum Stehen bringst?« Die Verarbeitung von Eiern, Milch und Sahne bietet vielfältige Möglichkeiten, Jux und Dollerei mit dem Thema Körperflüssigkeiten zu treiben.
Einer beherrscht dieses allerdings noch besser als Henssler: Horst Lichter, geschult im rheinischen Karneval und unter Tage, ist der Comedian-Koch, der Meister im Spiel mit den sexuellen Zweideutigkeiten und völlig sinnfreier Bemerkungen.
Doch auch der gefeierte ARD-Koch Tim Mälzer verbirgt hinter seinem lausbübischen Gesicht einen »harten Kern«. In der Sendung »Lanz kocht« schaffte er es durch seine spitzen Bemerkungen, die Mitköchin Cornelia Poletto fast dazu zu bringen, die Sendung zu verlassen. Der ebenfalls kaum für ein frauenfreundliches Weltbild bekannte Moderator aus Südtirol schaffte es gerade noch, mit schleimigen Verbrüderungsversuchen den Eklat zu verhindern. Poletto ließ es sich nicht nehmen, für einen Moment die Wahrheit auszusprechen, sagte sinn­gemäß: »Jetzt habt ihr doch so wenig Frauen in der Sendung, und die, die da sind, vergrault ihr!«
Seine eigene sexuelle Standhaftigkeit demonstriert Steffen Henssler übrigens in der Mitte jeder Sendung. Wenn die Kandidaten über ihren Töpfen schwitzen, bereitet er mit denselben Zutaten wie sie »Hensslers schnelle Nummer«. Es scheint überflüssig zu sagen, dass es sich meist um einen Gourmet-Quickie mit viel rohem Fleisch handelt.