Die neue Platte von Baxter Dury

Coole Sau auf dem Sprung

Baxter Dury ist ein Dandy mit trockenem Humor. Schade nur, dass dem Musiker hierzulande kaum Aufmerksamkeit zuteil wird.

Baxter Dury? Wer zur Hölle ist Baxter Dury? Dem einen oder anderen mag allenthalben der Nachname bekannt vorkommen. Tatsächlich steht der im englischen Vingraves geborene Wahllondoner viel zu sehr im Schatten seines berühmten Vaters Ian Dury (1942–2000), dem die Welt überschätzte Radioklassiker wie »Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll« und »Hit Me with Your Rhythm Stick« verdankt. Aber so ist es eben: Berühmte Eltern turnen ihren künstlerisch begabten Kindern ständig vor der Nase rum. Bisweilen noch lange nach ihrem Tod.
Obwohl Baxter Dury sehr viel schönere, hypnotischere und raffiniertere Platten macht als sein Vater, nimmt kaum jemand Notiz von ihm. Schon gar nicht in Deutschland. In Großbritannien und Frankreich hat er immerhin den Ruf der coolen Sau auf dem Sprung.
Dabei wird es wohl bleiben. Wenn der große Erfolg sich nach dem zweiten Album nicht eingestellt hat, kommt er nach dem vierten erst recht nicht mehr. Der Durchbruch ist ein Freund der glücklichen Jugend und Baxter Dury Jahrgang 1971. Die Platte heißt trotzdem »It’s a Pleasure«. Produziert von Dan Carey (Tame Impala), gemischt von Craig Silver (Arcade Fire), entspricht der Albumtitel dem Höreindruck auch nach dem zehnten Durchlauf nahezu vollkommen. Die Songs nutzen sich, wenn überhaupt, sehr langsam ab. Durys Musik ist aus der Zeit gefallen, niemand sonst schreibt derzeit so geschmackssichere Lieder.
Da gibt es zum Beispiel den an frühen, damals noch gertenschlanken und ziemlich quirligen OMD-Synthiepop erinnernden Opener »Pleasure«. Oder das mit einer rhythmischen Unwucht und betont einfachen, aber prägnanten Post-Punk-Gitarrenriffs und niedlich flirrenden Casio-Melodien versehene »Whispered«. Und dann ist da »Police« – ein sagenhaftes, unprätentiöses Schmuckstück mit feiner Popmelodie, lässig-albernen Hoola-ha-ha!-Rufen sowie einem dem Lo-Fi-Pop von Casiotone For The Painfully Alone verwandten Schepperschlagzeug.
Die Texte seiner Songs spricht Baxter Dury eher, als dass er sie ordentlich singt. Singen gehört nicht zu seinen Stärken. Es scheint ihn einige Mühe zu kosten, die Töne zu treffen, ohne sie zu beleidigen. Weshalb es trotzdem schlau war, die Vocals weit nach vorne zu holen: Der Mann hat eine charismatisch vernölte, kinderleicht wiederzuerkennende Erzählerstimme. Man hört ihm gerne zu, wenn er angenehm interpretationsoffen und so witzig wie traurig vom Großstadtleben und von Liebesbeziehungen erzählt. Alltagsparanoia, frustrierte Nachbarinnen, das verfluchte Alter, die lächerliche Sehnsucht nach einem größeren Leben. »It’s a record of ill fitting trousers«, sagt Baxter Dury.
Herzerfrischend antimanieristisch, nahezu spröde instrumentiert, gesangstechnisch sympathisch limitiert: »It’s a Pleasure« ignoriert den ins große theatralische Drama vernarrten Zeitgeist konsequent, die Songs wirken deshalb überraschend beschwingt und ungewohnt. Und die Frage, auf die einem prompt keine gescheite Antwort einfallen will, lautet: Wer, bitte, außer Baxter Dury macht so was heute sonst noch?
Verändert hat er seinen Sound im Laufe der Jahre selbstverständlich auch. Auf seinem Debüt »Len Parrot’s Memorial Lift« von 2002 gab er einen in Beatles-Harmonien verliebten Syd-Barrett-Wiedergänger. Drei Jahre später vermählte er auf dem Album »Floor Show« leicht prollig anmutenden Pub-Rock-Funk mit hübsch verschrammelten Drogensonggemälden (»Cocaine Man«, »Sister Sister«) aus der Velvet-Underground-Gedächtnisgalerie. Die Stücke auf »Floor Show« sind zügig, dicht und ohne überflüssige Schnörkel gespielt. Und längst nicht so reduziert wie die zumeist mit elektronischen Elementen versehenen Songs des neuen Albums.
Baxter Dury selbst inszenierte sich eine Zeit lang irritierend ambivalent. Er gab den pintweise Bier saufenden Dandy-Crooner: Der Anzugmann trug tiefe Augenringe im finsteren Vollmondgesicht; die schnelle Rechte schien nur eine Frage der Zeit, seines Alkoholpegels und der unberechenbaren Laune des Künstlers. Auf dem Cover von »Happy Soup« (2011), dem Album, das sich anhört, als hätten sich die seligen The Go-Betweens eingehend in »69 Lovesongs« von The Magnetic Fields vertieft und das so heißt, weil Baxter Dury die Worte »Happy« und »Soup« mag, schaut er dann aus wie jemand, der hartnäckigen Liebeskummer mit heftigem Drogenkonsum zu bekämpfen sucht. Keine Frage, der Mann hat Humor. Was einmal mehr das sehr schöne, im Retrodesign der frühen Siebziger gestaltete Cover von »It’s a Plea­sure« demonstriert. Zu bestaunen ist darauf ein mediterraner Baxter Dury als Serge-Gainsbourg-Lookalike, in lässiger Liegepose am Meer vor stahlblauem Himmel. Neben ihm ein Schwan, der billig ins Bild kopiert wurde.
Ohnehin schwer zu übertreffen ist das Video zur Single »Pleasure«. Gemeinsam mit einer seiner Begleitsängerinnen spaziert der Künstler barfuß über die Londoner Millennium Bridge – beide in Hemdchen aus der Irrenanstalt und mit beinahe nackten Hintern. Zerknirscht schaut der Sänger aus seiner im Schritt mit einem handtellergroßen Exkrementfleck versehenen Wäsche, fahrig fährt er sich mit der Hand durchs Haar. Dazu singt er, wunderbar fatalistisch: »How does it feel when we were wiser/Nose just like a fleshy antenna, seeking out unsavoury business/Perfectly happy with the future you’ve made, loss of light, corners we’ve gained/It’s a pleasure.«
Der Mann ist ein glaubhafter Schauspieler, die irritierten, leicht angeekelten Gesichter der Vorübergehenden sprechen Bände. Viele Passanten, sagt Baxter Dury, hätten höflich und neugierig nachgefragt. Ja, natürlich haben sie das. Erzählt habe er ihnen, es handele sich um Filmaufnahmen für ein tolerantes Kinderprogramm.

Baxter Dury: It’s a Pleasure (PIAS/Rough Trade)