Homestory #19

Kopfbedeckungen sind ein schwieriges Thema. Einige benutzen sie, um ihre widerspenstigen Haare an einem bad hair day zu ver­stecken. Bei anderen wird die Frisur durch Mütze oder Hut erst zerstört – was zur Folge hat, dass man die Kopfbedeckung ungern wieder abnimmt. Zumindest, wenn man zur etwas eitleren Bevölkerungsgruppe zählt.

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Zu der gehören auch einige Redakteurinnen und Redakteure Ihrer kleinen, aber feinen Wochenzeitung. Und für diesen Teil der Menschheit ist es nicht nur wichtig, die Haare schön zu haben, sondern auch die Kopfbedeckung modisch. Beanie, Skimütze, Basecap – die Geschmäcker sind diesbezüglich durchaus verschieden. Seit neuerdings Kollegen mit einer sogenannten Flatcap in den heiligen Hallen der Jungle World auftauchen, sind die Diskussionen allerdings noch kontroverser geworden. »Ist das nicht eine Alte-Männer-Mütze?« fragt eine Kollegin suggestiv zu der Kopfbedeckung, die in weniger antisemitismussensiblen Zusammenhängen auch als Schiebermütze bezeichnet wird. Ein anderer will wissen, ob man damit etwa seine Solidarität mit dem Sänger Xavier Naidoo aus­drücken wolle. Der brachte kürzlich einen neuen Song heraus, der unter anderem als antisemitisch, rechtspopulistisch und verschwörungstheoretisch kritisiert wurde – und trägt ebenfalls ein Flatcap.

Nein, mit Naidoo will sich natürlich niemand von der Jungle World solidarisieren. Im Gegenteil, schließlich genießt Naidoo noch ­immer die Unterstützung des Fernsehsenders Sky, für den er weiterhin seine Show »Xaviers Wunschkonzert« produzieren darf. »So kann’s nicht weitergehen«, möchte man da rufen. Was zufällig auch das Motto gewisser Feierlichkeiten im Juni in Berlin ist. Denn 2017 wird nicht nur »Das Kapital« 150 Jahre alt, die Oktoberrevolution 100 Jahre und »Das Dschungelbuch« 50 Jahre. 2017 heißt auch: 20 Jahre Jungle World!
Dazu haben wir uns für den 9. Juni gleich mal ein eigenes Wunschkonzert zusammengestellt. Ohne Xavier Naidoo, aber mit so illustren Gästen wie dem Chor der Barmherzigen, Dirk von Lowtzow von Tocotronic, Françoise Cactus und Brezel Göring von Stereo Total und vielen anderen. Darüber hinaus erscheinen am 8. Juni eine ganz besondere Jubiläumsausgabe und ein Film über die zwei Jahrzehnte Jungle World, mit Originalaufnahmen des Streiks 1997, mit dem die Gründung Ihrer kleinen, aber feinen Wochenzeitung ihren Anfang nahm. Am 17. Juni schließlich folgt ein Israelkongress. Alles Wichtige und Neuigkeiten zum Jubiläum finden Sie alsbald auf unserer Website jungle.world.
»So kann’s nicht weitergehen«, möchten wir an dieser Stelle auch dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zurufen. Denn unser Mitherausgeber Deniz Yücel sitzt seit drei Monaten in türkischer Haft. Nur höchst widerwillig werden wir ohne Deniz unser Jubiläum feiern. Für die Freilassung von Deniz werden wir weiterhin unsere Flatcaps und sonstigen Kopfbedeckungen in den Ring werfen. Free Deniz! Free all journalists!