Unser Autor folgt Wrestlern auf ihren Touren durch die Turnhallen der Provinz

Prügeln in der Provinz

Wrestler tingeln in Deutschland durch die Turn- und Allzweckhallen der Dörfer und bieten Schweiß, Blut und einfache Weltbilder.
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Die Hochglanzveranstaltungen der etablierten Wrestling-Promotion­firmen in den USA füllen Stadien, erreichen Einschaltquoten in Millionenhöhe und zahlen den Stars Gagen im fünfstelligen Bereich. Ihre ­deutschen Pendants ziehen durch verranzte Turnhallen. Angefeuert von ein paar Hundert Zuschauern, können die Wrestler von Ruhm und Reichtum nur träumen – der Betrieb finanziert sich schließlich nicht von Fernsehgeldern, sondern von zehn Euro Eintritt, von Bier- und Frikadellenverkauf.

Die Championship of Wrestling, kurz CoW, ist eine dieser Promotionfirmen und organisiert im Jahr etwa ein halbes Dutzend Veranstaltungen im Saarland und in der Pfalz. Ein eingetragener Verein, wie es sich gehört, mit Sitz in Achtelsbach bei Birkenfeld. In der Wrestlingszene gilt der Verein als aufstrebend, als die Promotionfirma, die man im Auge behalten sollte. Der Organisator und Vorstand Alex Schröder lässt gelegentlich auch einen – oftmals die besten Zeiten hinter sich habenden – US-Star einfliegen, wie im Frühjahr den ehemaligen WWE-Wrestler Ken Anderson. Im Wrestling vergisst man alternde Stars nicht.

Auch sonst gibt sich Schröder Mühe, den amerikanischen Vorbildern gerecht zu werden: Sportlich und akrobatisch hinkt das Indie-Wrestling dem Mainstream-Produkt nur wenig hinterher, das Storytelling bedient dieselben Klischees und folgt denselben Mustern. Der klassische Kampf »Gut gegen Böse« wird im Wrestling in erster Linie direkt im Ring erzählt, zudem in Showsegmenten zwischen den Matches und selbstverständlich auf Facebook oder Youtube.

»Wir machen eine Mischung aus lebendig gewordenem Kinofilm und Spitzensport«, sagt Schröder selbst­bewusst, auch wenn die Geschichten eher das Niveau einer Seifenoper ­haben: Freunde, die einem in den Rücken fallen, enttäuschte Liebe, ­Intrigen.

»Auch im Theater weiß der Betrachter, dass alles nur gespielt ist. Trotzdem geht man voll mit.« Alex Schröder, Wrestling-Veranstalter


Weil die Stories nicht komplex sein dürfen, was sowohl dem Medium als auch den Fans geschuldet ist, sind die Bösewichter und die lieben Jungs klar definierte Steoreotype: der bärtige Araber, der neureiche Schnösel, der schmierige, geldgierige Veranstalter gegen den sympathischen Bauern mit Strohhut, das Milchgesicht mit den Muskeln und der biertrinkende Proletarier aus dem Ruhrpott.

Als Booker bestimmt Alex Schröder alles. Er legt fest, wer antritt, wer ­gewinnt, wer die Titel mit nach Hause nehmen kann, wer vom Publikum gehasst oder geliebt wird. Und wann die Rolle zu wechseln ist. Er schreibt die Storylines und schlüpft auch selbst in eine Rolle: Als unfairer Manager »Alex Wonder« lässt er sich in den Shows ausbuhen. Außerdem produziert er eine monatliche Youtube-Show, um seine Fans auf dem Laufenden zu halten.

Wer das erste Mal live eine Wrestling-Veranstaltung als Zuschauer ­erlebt, mag ob der Emotionen im Publikum verwirrt sein. Denn das einst so wohlgehütete Geheimnis der Branche – ob der Zweikampf nun echt oder abgesprochen ist – ist schon längst gelüftet: Alles ist fake.
Warum also schreien sich die Zuschauer die Kehlen wund und fiebern mit bei einem Spektakel, dessen Ausgang von vornherein klar ist?

»Ohne Publikum funktioniert Wrestling nicht. Der Zuschauer ist kein passives Beiwerk, er bestimmt mit, wer beliebt oder unbeliebt ist – lautstark. Auch im Theater weiß der Betrachter ja, dass alles nur gespielt ist. Trotzdem geht man voll mit. Es liegt an uns, für Überraschungen und Spannung zu sorgen.« Ein ruhiges Publikum ist für Schröder das Schlimmste. Die Darsteller im Ring sind deswegen nicht nur Athleten. Das psychologische Spiel mit dem Publikum ist wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. Wrestling ist ein Jonglieren mit Erwartungen – dreimal entgeht der Schurke knapp seiner gerechten Strafe. Wenn dann beim vierten Mal doch der Held den Plastikstuhl über dessen Kopf drischt, ist beim Publikum die Freude groß.

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Maskiert, aber nicht blass: Manager Alex Wonder (Mitte) mit seinen Bodyguards

Bild:
Tobias Grunow

Den Großteil der Wrestler muss der Booker für einen Abend einkaufen, nur eine Handvoll Leute aus dem eigenen Verein sind schon so weit, dass sie vor Publikum auftreten können. Die Szene ist überschaubar, man kennt sich. 300 Kilometer am Wochenende für einen 15minütigen Auftritt, für eine bescheidene Gage, danach eine Übernachtung in einer billigen Unterkunft, so sieht der Alltag im Indie-Wrestling aus. Über die Höhe der Gagen wird nicht geredet, aber wer rechnen kann, weiß, dass bei bis zu 20 Aktiven im Ring pro Abend und den niedrigen Eintrittspreisen nur ein Taschengeld möglich ist. Hauptberufliche Wrestler kann man in Deutschland an einer Hand abzählen – es gibt zu wenig Auftrittsmöglichkeiten. Nicht mal die Künstlersozialkasse steht den Wrestlern offen, da sie nach einem Urteil des Bundessozialgerichts von 1998 »keine Unterhaltungskunst im herkömmlichen Sinne darbieten und für ihre Vorführungen auch ­keinen künstlerischen Anspruch erheben« und das Ganze »nur ein Sport« sei.

Das ist schwer nachzuvollziehen, denn mit sportlichem Wettkampf hat das Spektakel wenig zu tun – allenfalls mit Sportlichkeit. Das Training ist hart. Neben dem eigentlichen Wrestling steht tägliches Muskel- und Konditionstraining auf dem Plan, viele Wrestler machen noch »echten« Kampfsport zusätzlich. Und das Aussehen ist wichtig.

»Leute bezahlen Geld dafür, Menschen zu sehen, die sie eben so nicht auf der Straße sehen, und dem Anspruch muss ich gerecht werden«, sagt die britische Wrestlerin Little Miss Roxxy, die im Frühling für die CoW in den Ring stieg.

Bunte Kostüme, Masken oder Gesichtsbemalung und martialische Lederoutfits gehören zur Arbeitskleidung der Wrestler. Zusammen mit den ausgedachten Charakterzügen definiert dieses Erscheinungsbild das »Gimmick« des Wrestler – sein »In-Ring-Alter-Ego«.
Vom Sprung nach Amerika oder Japan träumen sie alle – von der einzigen Chance auf Ruhm und Ehre. Und Geld. In diesem Jahr haben zwei

Deutsche den beschwerlichen Schritt geschafft: Marcel Barthel, besser ­bekannt unter seinem Ringnamen Axel Dieter Junior, wurde für die Nachwuchsliga NXT der WWE verpflichtet. Und die Berlinerin Jazzy ­»Alpha Female« Gabert durfte im »Mae Young Classic Tournament« der WWE auftreten.

Gabert hält den Frauentitel der CoW. Wrestlerinnen sind immer noch relativ selten, obwohl sie in den vergangenen Jahren nicht mehr ­ausschließlich als Exotinnen, sondern immer öfter als ernstzunehmende Athletinnen gesehen werden. »Da fehlt noch der Nachwuchs, leider. Aber es wird langsam besser«, sagt Schröder. Oftmals gibt es auf den Veranstaltungen nur ein einziges Frauenmatch – das von vielen Zuschauern jedoch immer noch dazu genutzt wird, den Bierstand oder die Toilette aufzusuchen.

Schröders bescheidener Traum, »konstant genug Zuschauer zu haben, um wenigstens mal ein bisschen Sicherheit zu haben«, rückt trotzdem in greifbare Nähe. »Die Zuschauerzahlen entwickeln sich gut im deutschen Wrestling, nicht nur bei der CoW.«

In zwei Wochen ist die nächste Veranstaltung, in einer Turnhalle in ­einem Vorort von Saarbrücken. »Das letzte Mal ging da die Heizung nicht. Hoffen wir, dass diesmal alles gut wird.«