Homestory #03


Lohnarbeit – zweifellos eine schlimme Sache. Sie verwandelt kostbare Lebenszeit in tote Zeit, degradiert die ihr Unterworfenen zu bloßen Objekten im Verwertungsprozess und ruft körperliche wie psychische Leiden hervor – weshalb in der Jungle World in aller Regelmäßigkeit ihre Abschaffung und die des Kapitalismus gleich dazu gefordert wird, zu dessen Grundlagen sie gehört.

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Was wissen die Redakteurinnen und Redakteure der Jungle World in ihrer warmen Stube schon von Lohnarbeit? Das mag sich die eine oder der andere an dieser Stelle fragen. Die Antwort: mehr als genug beziehungsweise zu viel. So kann ein Kollege Delikates aus der Lebensmittelindustrie berichten: Er arbeitete in einer Fabrik, in der sogenanntes Vollei hergestellt wurde. Für ihn, der damals unappetitliche Eireste (»Da waren manchmal schon Kükenteile drin«) zu weiterverwertbarem Glibber zusammenrühren musste, steht seither fest: »Nie wieder Vollei!« Ein anderer Kollege hat etliche Lebensmittelfabriken von innen gesehen und unter anderem Bier, Chips und Brotaufstriche für Reformhäuser hergestellt, ein weiterer hat sich vor langer Zeit als Schichtarbeiter in einer Joghurtfabrik verdingt. Der Nächste hat in einem Automobilwerk Türschlösser in Limousinen geschraubt, einer im Nebenzimmer hat eine Ausbildung im Tiefbau absolviert, eine Tür weiter berichtet einer davon, wie er auf dem Anwesen eines Pornoproduzenten den rechteckigen Pool zu einem runden umgebaut hat. Der Praktikant hat in einer Fabrik gearbeitet, in der Stellmotoren für Kläranlagen und Atomkraftwerke produziert werden. Auch die Kolleginnen wissen einiges zu berichten, so zum Beispiel von der Lohnarbeit in einer Medienagentur zur unsäglichen Zeit von sechs bis zehn Uhr morgens. Morgens! Eine andere ging in einem sogenannten Promotion-Job durch die Hölle, musste sie doch ausgerechnet auf dem Karnevalszug in Gelsenkirchen Werbezettelchen verteilen. Eine weitere Kollegin war als Zimmermädchen in einem Hotel am Wolfgangssee tätig, ohne Häubchen zwar, aber in Arbeitsuniform. Die Nächste wiederum arbeitete vor etlichen Jahren in einer Firma, die VHS-Filmmaterial digitalisierte, und musste prüfen, ob Bild und Ton bei digitalisierten Pornofilmen synchron liefen. »Der Lohn war ziemlich gut«, sagt sie.

Freilich ließen die Kolleginnen und Kollegen das Elend der Lohnarbeit nicht einfach so über sich ergehen. Ein Redakteur bediente sich im Lauf seiner Tätigkeit in einem Supermarkt regelmäßig im Spirituosenregal. »Teuren Schnaps konnte ich mir von dem Lohn ja nicht leisten«, erinnert er sich. Die Kollegin, die in einem Baumarkt an der Kasse saß, winkte Freunde und Bekannte häufig mit unbezahlten Waren durch. Ein Kollege holte sich als Filmvorführer oft einen ansehnlichen Lohnzuschlag aus der Kinokasse und plünderte diverse Plakatarchive.
Wie es um das Verhältnis der Belegschaft der Jungle World zur Lohnarbeit steht, bringen jedoch zwei weitere

Kollegen am trefflichsten auf den Punkt. »Ich habe immer erfolgreich versucht, nicht zu arbeiten«, sagt der eine. Lohnarbeit mit Schweiß und Schwielen? »So was mache ich nicht, ich habe zarte Hände«, sagt der andere. Mögen sie ihm erhalten bleiben.