Marcus Redikers Buch »Gesetzlose des Atlantiks. Piraten und rebellische Seeleute in der frühen Neuzeit«

Fluch der Ökonomie

Der US-amerikanische Sozialhistoriker Marcus Rediker erforscht die Geschichte der Atlantikseefahrt der frühen Neuzeit.

Das Landgericht Hamburg verurteilte 2010 zehn Männer aus Somalia zu langen Gefängnisstrafen. Der Vorwurf: Sie hätten ein Schiff, das unter deutscher Flagge fuhr, entführt. Die Verteidigung verwies in ihren Plädoyers immer wieder auf die elenden Lebensbedingungen in Somalia. Umweltverschmutzung und Bürgerkrieg hätten die Männer erst zu Piraten gemacht.

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Lange Zeit schien es so, als gehöre Piraterie einer fernen Vergangenheit an. Für den US-amerikanischen Historiker Marcus Rediker sind die »kosmopolitischen Arbeiter aller Länder« Pioniere der Ära der Globalisierung. In seiner jetzt auf Deutsch erschienenen Studie »Gesetzlose des Atlantiks. Piraten und rebellische Seeleute in der frühen Neuzeit« erkundet er die Geschichte der Atlantikseeefahrt vom späten 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert. Rediker, der von der marxistischen Sozialgeschichte geprägt ist, widmet sich konsequent einer Historie »von unten«. Dem deutschsprachigen Publikum ist er bisher durch sein gemeinsam mit Peter Line­baugh veröffentlichtes Buch »Die vielköpfige Hydra. Die verborgene Geschichte des revolutionären Atlantik« bekannt.

 

»Beim Verfassen maritimer Historie von unten bin ich nicht nur auf den Elitismus der alten maritimen Historie gestoßen, sondern auch auf ein subtileres und weniger gut verstandenes Hindernis: die unhinterfragte Annahme, nur die Festlandgebiete auf der Erdoberfläche seien real.« Marcus Rediker

 

Die Metapher der Hydra steht für unterschiedliche Identitäten eines Proletariats, welches diesseits und jenseits des Atlantiks zur Arbeit gezwungen wird: Schuldknechte, Seeleute, Sklaven, Arbeiter oder verschleppte Sträflinge. Die ­Autoren entwarfen in ihrem 2000 veröffentlichten Buch eine Geschichte des frühen Kapitalismus, die sowohl dessen Entstehung zeigt als auch den Widerstand dagegen. Für sie ­gehören Seeräuber zu einer multi­ethnischen Arbeiterklasse, die sowohl am Aufstieg des Kapitalismus als auch an seiner Anfechtung von unten maßgeblich beteiligt war. Der Literaturwissenschaftler Patrick ­Eiden-Offe stellt zu Recht fest, dass Linebaugh und Rediker mit ihrem Ansatz »die Grenzen des eigenen historischen Vorverständnisses, der ­eigenen historischen Vorurteilsstrukturen« überschreiten. Nichts weniger als einen proletarischen Universalismus entdeckten die Autoren in ihren Quellen.

Mit seinem neuen Buch bricht der Sozialhistoriker abermals mit Vorurteilen. »Beim Verfassen maritimer Historie von unten bin ich nicht nur auf den Elitismus der alten maritimen Historie gestoßen«, schreibt Rediker im Vorwort, »sondern auch auf ein subtileres und weniger gut verstandenes Hindernis: die unhinterfragte Annahme, nur die Festlandgebiete auf der Erdoberfläche seien real. Vielleicht ist es nicht ganz richtig, diese Annahme als gedankliche Angelegenheit zu bezeichnen: Es handelt sich eher um einen Instinkt, einen mentalen Reflex, der vielleicht dadurch umso mächtiger und durchdringender wird, dass er unbedacht bleibt. Es kommt einem der Verdacht, dass es sich um eine Frage der mentalité handelt, um eine Tiefenstruktur des westlichen Denkens mit sehr langer Geschichte. Es muss aber auch angemerkt werden, dass diese Sicht auf die Welt – ich bezeichne sie als terrazentrisch – durch den Aufstieg des modernen Nationalstaats im späten  18. Jahrhundert eine Bestätigung erfahren hat. Danach sollten Macht und Souveränität an spezifische ethnische, bürgerschaftliche und nationale Bestimmungen des ›Volkes‹ und seines Landes, seines Bodens gekoppelt sein.«

 

Kein Buch über Piraten

Rediker zufolge war das Schiff im frühen Kapitalismus die »bedeutendste Maschine der Welt«. In einer Zeit, in der harte Disziplin und grausame Strafen Alltag für einfache Seeleute waren, widersetzten sich die ­Piraten den Machtstrukturen an Bord. Entgegen dem Klischee des säbelschwingenden Kriminellen sieht Rediker die Piraten des 17. und 18. Jahrhunderts als Basisdemokraten. Die Piraterie sei eben nicht das oft beschriebene Abenteuer raubeiniger Kerle, sondern habe einen Ausweg aus der Arbeitsdisziplin geboten, die Offiziere auf englischen Schiffen ­erzwangen. Piratenschiffe überwanden die Hierarchien, die auf den Schiffen der Handelsmarine herrschten: Es gab keine getrennten Kabinen für den Kapitän und die Crew. Der Kapitän wurde gewählt und konnte wieder abgesetzt werden. Als Kontrollinstanz wurde ein einfacher Seemann gewählt, der das Interesse der Besatzung gegenüber dem Kapitän geltend machen sollte. Wichtige Entscheidungen wurden gemeinsam getroffen. Piraten waren nicht selten ehemalige Matrosen oder entflohene Sklaven. Wegen ihres handgreiflichen Geschäfts standen sie außerhalb der Ordnung. Dass sie dennoch ein solidarisches Leben organisierten, macht ihre Faszination für Rediker aus.

Sein Buch ist nicht nur ein Buch über Piraten, sondern der Versuch, die widerständige Geschichte der Seefahrt zu erzählen und dabei auch die mündliche Historie einzubeziehen. Die erzählte Geschichte hat in der Seefahrt eine besondere Bedeutung. Geläufig ist etwa der Begriff des Seemannsgarns. Rediker interessieren aber nicht so sehr die phantastischen Elemente der Matrosenerzählung, sondern die sozialen Aspekte der Übertreibung. Erfahrungen und wichtige Informationen über das Leben an Bord wurden auf diese Weise weitergegeben, zudem stärkte sie das Kollektiv der Seeleute. Der Erzähler des Seemannsgarns konnte aber auch von seinen Eskapaden in einer Hafenstadt erzählen. Mit der Fran­zösischen Revolution und den Sklavenaufständen in der Karibik erhielt die mündliche Geschichtstradition eine politische Dimension.

Der rege Schiffsverkehr über den Atlantik verschaffte auch Arbeitern, Seeleuten und Sklaven Zugang zu ­Informationen. Über den Seeweg verbreiteten sich Nachrichten über Sklavenrevolten oder Aufstände von den Hafenstädte sehr schnell ins Landesinnere. Das Semannsgarn war damit Teil eines Kommunikationssystems der Armen und Arbeiter.

Diese Absprachen innerhalb eines »atlantischen Proletariats« dienten auch der Planung von Aufständen und Revolten, weil dort die erzwungene Segregation des Alltags aufgehoben werden konnte, etwa zwischen Sklaven und Seeleuten. Ob zur Befreiung aus der Sklaverei oder zum Kampf um ausstehende Löhne – oft genug bildeten sich ungewohnte Allianzen. Im Buch finden sich prägnante Darstellungen von Aufständen auf Sklavenschiffen, etwa die Revolte auf der »Amistad«, die durch den gleichnamigen Film von Steven Spielberg bekannt ist.

Unterhaltsam und gewinnbringend ist die Lektüre dort, wo Rediker die Kämpfe der Seefahrer in einen größeren Kontext stellt. Sein Fokus auf ein »maritimes Proletariat« verengt den Blick unnötig. Die widerständigen Geschichten treiben bisweilen wie verlorene Ruderboote über das Meer. Rediker schafft es aber dennoch, plastisch herauszuarbeiten, welche Rolle die Piraten als Ausgestoßene in einer sich globalisierenden Ökonomie spielten. Ihre bandenmäßig organisierte Form der Gewalt vernachlässigt er allerdings konsequent.

 

Marcus Rediker: Gesetzlose des Atlantiks. Piraten und rebellische Seeleute in der frühen Neuzeit. Aus dem amerikanischen Englisch von Max Henniger. Mandelbaum-Verlag, Wien/Berlin 2017, 310 Seiten, 18 Euro