Im US-amerikanischen Ringen wird nicht länger über Missbrauch geschwiegen

Der Trainer, der nichts wusste

Jahrelang wurden Ringer und andere Sportler an der US-amerikanischen Ohio State University sexuell missbraucht. Der ehemalige Assistenztrainer Jim Jordan soll davon gewusst haben – zurzeit ist er republikanischer Abgeordneter.

Im US-amerikanischen Ringen wird nicht länger über Missbrauch geschwiegen – das ist auch dem Prozess gegen den Teamarzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, zu verdanken. Der Prozess gegen Nassar gab Sportlern wie Mike DiSabato den Mut zu reden.

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DiSabato war Ringer an der Ohio State University. Der Teamarzt an dieser Universität war von 1978 bis 1998 Richard Strauss. In den Teams war offenbar schon damals bekannt, dass er die ihm anvertrauten Sportler sexuell missbrauchte. Strauss lebt allerdings nicht mehr, 2005 beging er Suizid.

Im März 2018 fasste Mike DiSabato den Entschluss, über Strauss zu sprechen. Dutzende Male sei er von dem Teamarzt sexuell missbraucht worden, gab DiSabato zu Protokoll. »In einer Zeitspanne von neun Jahren habe ich nie erlebt, dass Doktor Strauss – sei es, wenn ich nach Medikamenten gefragt habe, wegen ­einer Fingerverletzung da war, wegen Schulter oder Knie – darauf ­verzichtet hätte, meine Genitalien zu unter­suchen. Er hat mich begrapscht. Jedes Mal.« Er selbst habe das geschehen lassen.

»Wenn du deine Medikamente wolltest, gesund bleiben wolltest, das Stipendium behalten wolltest, dann hast du gelächelt und es ertragen.« Beim ersten Vorfall sei er 14 Jahre alt gewesen, so DiSabato.

Seit der Aussage des Ringers haben männliche Sportler, aktive und ehemalige, aus 14 Teams der Ohio State University Beschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen Strauss erhoben, darunter Baseballspieler, Turner, Schwimmer, Footballer und Fußballer; über 150 Zeugen wurden befragt.

Auch andere Ringer haben sich angeschlossen. Einer, der anonym bleiben möchte, sagte: »Der Doktor hat mit dem Team geduscht, obwohl er gar nicht am Training teilgenommen hatte, und jeder hat darüber gekichert, wie man wegen einer Schulterverletzung in seine Praxis gegangen ist, und er sagt dir, du sollst die Hose runterziehen.« Auch der ehemalige Teamkapitän der Ringer, Dunyasha Yetts, gab an, von Strauss sexuell missbraucht worden zu sein. Zusätzliche Brisanz aber erhält der Fall aus politischen Gründen: Jim Jordan, republikanischer Abgeordneter im ­Repräsentantenhaus, gerät wegen mutmaßlich falscher Angaben in der Sache unter starken Druck.

Jordan gilt bei seinen Anhängern als harter Hund, er unterstützt den US-Präsidenten Donald Trump. Zuletzt wurde der gläubige Evangeli­kale gar als möglicher Nachfolger des derzeitigen Sprechers des Repräsentatenhauses, Paul Ryan, gehandelt, außerdem ist er Mitgründer des House Freedom Caucus, einer stramm rechten Vereinigung repu­blikanischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Jordan war selbst ein guter Ringer und zwischen 1986 und 1994 Assistenztrainer der Ringer an der Ohio State University. Seit die Vorwürfe gegen Strauss publik wurden, leugnet Jordan, etwas von dem systematischen Missbrauch ­gewusst zu haben. »Der Kongressabgeordnete Jordan hat nie Missbrauch gesehen, nie von Missbrauch gehört und nie Berichte über Missbrauch erhalten, während er Trainer an der Ohio State war«, sagte ein Sprecher. Aber das scheint eine Lüge zu sein.

Mehrere Ringer haben mittlerweile ausgesagt, Jordan in seiner Amtszeit als Assistenztrainer über den Missbrauch informiert zu ­haben. Der ehemalige Kapitän Yetts etwa sagte, er habe Jordan damals mehrfach über die Vorgänge in Kenntnis gesetzt. »Trainer Jordan wusste, was vorging, zu 100 Prozent. Ich weiß nicht, wie er das vergessen haben könnte, denn es war traumatisch für alle Athleten.« Yetts berichtete, Jordan auf mehreren Fahrten vom sexuellen Missbrauch berichtet und um Hilfe gebeten zu haben.

Zudem sei der Missbrauch innerhalb der Abteilung allgemein bekannt gewesen. »Das Fach von Strauss war direkt neben Jordans, und Jordan hat sogar gesagt, er würde Strauss umbringen, wenn dieser irgendetwas an ihm versuchen würde«, so Yetts.

Noch weiter in Bedrängnis geriet der Republikaner wegen einer E-Mail DiSabatos. Bereits im April hatte dieser nämlich Jordan direkt kontaktiert und um Unterstützung im Missbrauchsskandal gebeten. Er hatte ­allerdings keine Antwort erhalten. Davor hatte DiSabato nach eigener Darstellung Jordan schon einmal kontaktiert, worauf dieser gesagt haben soll: »Lass mich bitte da raus.« Der Politiker streitet weiterhin ab, etwas gewusst zu haben, will aber mit dem Untersuchungsausschuss kooperieren.