Co-Living in Berlin

Auf der Arbeit leben

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In Gebäuden wie dem Old Oak oder dem von Rent 24 in Schöneberg gibt es nicht nur Wohn- und Arbeitsflächen, sondern auch Fitnessräume, einen Loungebereich und ein Kino. In einem Co-Living-space, so das Versprechen der Unternehmen, sollen die Mieterinnen und Mieter nicht nur optimal wohnen und arbeiten, sondern auch ihre Freizeit genießen können. Die völ­lige Auflösung der Trennung zwischen beruflicher und privater Sphäre, die unter kapitalistischen Bedingungen stets zu Lasten letzterer geht, wird im Geschäftskonzept des Co-Living als großes Versprechen verkauft.

Wie die Co-Working-Branche werben auch die Anbieter von Co-Living vor ­allem mit der »Community«

Auch im Co-Living von Happy Pigeons gibt es diverse Freizeitangebote. »Wir machen zusammen Yoga, besuchen Workshops und kochen gemeinsam unser Abendessen«, erzählt Vanessa ­Robayo. »Ich habe auch schon an einem Sprachtandem für Deutsch und Spanisch teilgenommen.« Anders als die großen Co-Living-Anbieter stellt Happy Pigeons dafür aber keine gesonderten Räumlichkeiten zur Verfügung. Regelmäßige Veranstaltungen wie das ­gemeinsame Yoga-Training finden dort statt, wo tagsüber gearbeitet wird: im Co-Working-space, einem kleinen Ladenbereich im Erdgeschoss des Altbaus im Prenzlauer Berg. »Unsere Gruppenaktivitäten werden sehr gut angenommen«, sagt Kai Drwecki. »Die meisten Leute, die bei uns wohnen und arbeiten, sind gerade neu nach Berlin gezogen und haben kaum Kontakte. Da spielt die Community schon eine große Rolle.«

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Wie die Co-Working-Branche werben auch die Anbieter von Co-Living vor ­allem mit der »Community«. »Ob du neu in der Stadt bist, neue Leute kennenzulernen versuchst, ein Business startest oder dir gerade deine Karriere aufbaust, Old Oak hilft dir, dich als Teil von etwas Größerem zu fühlen«, ­behauptet The Collective, die Betreiberfirma des Londoner Old Oak, auf ihrer Website. Auf der Startseite von Happy Pigeons prangt der Spruch: »Life is ­better with community.«

»Wenn wir selektieren, gucken wir, ob die Leute ›open-minded‹ sind.« Kai Drwecki, Co-Living-Unternehmer

»Wir sind sehr divers. Unsere Mitglieder kommen zum Beispiel aus Spa­nien, Portugal, Polen und den USA. Es gibt auch einen Deutschen«, beschreibt Robayo die Happy-Pigeons-Community. Neben persönlichen Gemeinsamkeiten wie der Begeisterung für Sport und gutes Essen teile man vor allem beruf­liche Interessen. »Die Gründung neuer Unternehmen ist ein Thema, das uns alle interessiert. Beim Abendessen kann man leicht ein Update in Sachen Entrepreneurship bekommen.«
Die Happy-Pigeons-Community entsteht nicht von alleine. Kai Drwecki und sein Bruder Marc achten genau darauf, ob jemand zu ihrem Co-Living-Konzept passt oder nicht. »Wenn wir selektieren, gucken wir, ob die Leute open-minded sind«, sagt Drwecki. »Ob sie Vielfältigkeit cool finden und versuchen, neue Beziehungen zu anderen Personen aufzubauen. Wenn ­jemand nur nach einem Zimmer sucht, ist das nicht die richtige Person für uns.«

Wer in den Co-Living-Space der beiden Brüder einziehen möchte, muss zunächst einen Online-Fragebogen ausfüllen. Anschließend folgen Bewerbungsgespräche mit den Betreibern und einem der potentiellen Mitbewohner. Robayo hat schon mehrere solche Gespräche geführt. »Die Idee von Happy Pigeons ist nicht, dass du hier einziehst und dann einfach dein Leben führst, ohne mit irgendjemandem zu reden. Wenn das dein Plan ist, solltest du nach einer normalen WG oder ­einer Einzimmerwohnung suchen.«

Wer in das Co-Living-Objekt im Prenzlauer Berg oder in Charlottenburg einziehen möchte, muss für mindestens drei Monate Mitglied der »Community« werden. Bei größeren Co-Living-Anbietern wie Rent 24 kann man auch nur für ein paar Tage oder Wochen einziehen. »Größere Co-Livings ähneln meist eher Hostels oder Hotels mit ­Arbeitsplätzen«, sagt Kai Drwecki. »Bei uns beträgt die Mindestmietdauer drei Monate. So können die Leute sich besser kennenlernen, engere Beziehungen aufbauen.«

Besonders rentabel ist Happy Pigeons bislang nicht. »Wir machen keine Verluste und von unserem Budget können wir Yoga- und Fitness-Kurse für unsere Mitglieder bezahlen. Für ein eigenes Gehalt reicht es aber noch immer nicht.« Ihr Geld verdienen die Brüder durch ihre Arbeit in einem Immobilienunternehmen, das von ihrer Familie geführt wird.

Mangelnde Rentabilität dürfte keine Seltenheit in der jungen Branche sein. Der Anteil der profitablen Co-Working-Spaces in Deutschland – für Co-Living gibt es noch keine öffentlich zugänglichen Zahlen – liegt der Studie von Desk­mag zufolge lediglich bei 31 Prozent. Weltweit arbeiten immerhin 41 Prozent der Co-Working-Betreiber profitabel.

Kai Drwecki und sein Bruder Marc betrachten sich selbst ohnehin lieber als Kleinunternehmer denn als Startup-Gründer. »Bei großen Co-Living-Unternehmen«, sagt Drwecki, »steht der ­Profit im Vordergrund. Bei uns ist das eher zweitrangig.« Vergrößern möchten sie ihr Co-Living-Angebot dennoch. So soll es neben der Ladenfläche im Prenzlauer Berg bald auch in Charlottenburg einen Co-Working-Space und weitere Wohnungen an beiden Standorten geben.

Robayo möchte gerne noch länger im Co-Living von Happy Pigeons wohnen. Trotz aller Versprechen der schönen neuen Arbeitswelt sucht die Freelancerin zurzeit nach einem Vollzeitjob. »Eine volle Stelle würde mir Stabilität geben«, sagt die junge Kolumbianerin. »Als Selbständige fehlt mir einfach die ­Sicherheit, die ich brauche, um mir ein Leben in Berlin aufbauen zu können.«