Platte Buch - Peter Strickmanns Schnarch-Archiv

Musik zum Ratzen

Kolumne Von

Das Schnarchen ist eines der schlimmsten Geräusche überhaupt. Penetranterweise tritt es immer ­grade dann auf, wenn man sich Ruhe wünscht: Süße Träume oder eine Mütze Schlaf ersehnend, liegt man wach, während der Nebenmann oder die Nebenfrau sich durch die Balken sägt. Der eine schlummert selig, während der andere zum quälenden Lauschen verdammt ist.

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Der Künstler Peter Strickmann hingegen wartet auf das unangenehme Geräusch: Seit 2009 unterhält er ein Schnarcharchiv. Die darin versammelten Aufnahmen von Menschen und Tieren bei der Nachtruhe oder dem kurzen Nickerchen liefern nun die Basis für Strickmanns hervorragende Platte »Mellow Toes«. Die Schnarchklänge werden darauf mit selbstgebauten Instrumenten untermalt: Es kommen Ping Ding, Keramophon, Keule, Wasserdup, Schwedensteine, Emaillegöng und andere eigenartige Klangerzeuger zum Einsatz. Wie die Linie zwischen Wachen und Träumen oft nicht klar zu ziehen ist, so lässt sich hier mitunter kaum ­ausmachen, was field ­recording und was musikalische Begleitung ist. Das Resultat ist eine im besten Sinne zarte Musik, die die archivierten Schnarchsounds behutsam begleitet, als hätte sie Angst, die Schläfer zu wecken. Die Intimität, die entsteht, wenn man jemand anderem beim Schlafen zuhört, ist eine, die auch die Musik in ihrer beruhigenden Art ausstrahlt.

Während die meisten Musiker die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Publikums beanspruchen, erklärt der Infotext zur Platte ganz bescheiden, dass »Mellow Toes« durchaus auch der Soundtrack für ein Nickerchen mit offenen Ohren sein dürfe. Das ist allerdings nur halb so bescheiden, wie es scheint, denn das Album beruht auf der Idee, dass man im Augenblick zwischen Wachen und Schlafen ganz besonders empfindlich auf Klänge reagiert. Genaues Hinhören im Zwischenreich von Wachen und Schlaf ist also gefordert. Strickmann entlockt der Motorsägenmusik un­serer Träume ihre ganz besondere Poesie.

Peter Strickmann: Mellow Toes (Anna Ott)