Das Medium - Fakenews aus Köthen

Herztod

Kolumne Von

Dafür, wie Hetze im Internet am effektivsten bekämpft werden kann, gibt es eine Menge Patentrezepte. Doch der Tod eines jungen Mannes in Köthen am Wochen­ende zeigte beispielhaft, dass keines davon funktioniert.

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Aber von vorn: Dass Menschen bevorzugt das glauben, was in ihr Weltbild passt, ist keine neue Erkenntnis. Und so war es auch nicht verwunderlich, dass nach Bekanntwerden des Todesfalls in Köthen besorgte Rassisten gleich wussten, was genau passiert war: Flüchtlinge hatten den Mann brutalst erstochen, und das, obwohl er nur eine deutsche Frau vor ihnen beschützen wollte.

Als dann die sachsen-anhaltinische Polizei bekanntgab, dass der junge Mann dem vorläufigem Obduktionsbericht zufolge an Herzversagen und nicht im direkten kausalen Zusammenhang mit dem ihm zugefügten Verletzungen gestorben war, ­taten die Twitter-Nazis das, was sie am besten können: Lügenpresse beziehungsweise Lügenpolizei rufen. Und das gern ­unter Zuhilfenahme von Fotos und Artikeln eben jener Lügenpresse.

Besorgtsein geht nämlich so: Man nimmt einen Artikel, der kurz nach einer Tat erschien, und hält stur daran fest, dass nur darin die Wahrheit steht, scheiß auf neue Erkenntnisse. Gemixt mit angeblichen, gern auf dubiosen Plattformen veröffentlichten Augenzeugenberichten, gefälschten Tatortbildern und hochgeheimen Fake-Infos ergibt das dann die Wahrheit, die unermüdlich verbreitet wird. Und nichts und niemand und schon gar keine Fakten können das verhindern. Weswegen das nun auch immer so weitergehen wird.

Denn eines ist klar: Was die Wahrheit ist, wird auf Twitter und in den anderen sozialen Medien danach entschieden, welche In­teressengruppe am lautesten schriftlich brüllen kann.