Kritische Astrologie - Der Rücktritt und seine Macht über unser Leben

Der Trend zum Teilzeitrücktritt

Kolumne Von

Angeblich leben wir ja in einer Phase der Postdemokratie, in der das Sprechen über Politik die Politik verdrängt oder gar ersetzt – was aber wiederum demokratisch total gewollt und nötig ist, so dass hier der Fuchs dem Hasen in den Schwanz beißt beziehungsweise eben nicht, die Fachleute sind da im Detail noch »dran« (Fachbegriff).

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Unbestreitbar aber sind wir in der Phase der Postrücktritte angelangt oder vielmehr der Schrödinger-Rücktritte: Die Leute sind oder sind nicht zurückgetreten, je nachdem, wen man fragt. So hat Horst Seehofer seinen Rücktritt vom Parteivorsitz angekündigt, wie auch zuvor den vom Amt des Innenministers, ohne dass sich daraus irgendwelche Konsequenzen ergäben. Andrea Nahles will nach aktuellen Erkenntnissen nicht mal in Teilen zurücktreten, man wüsste auch gar nicht, ob das bei der derzeitigen Verfasstheit der SPD beobachtbare Folgen nach sich zöge – vom Vorsitz einer effektiv nicht mehr existierenden Partei zurückzutreten wäre auch ein wenig, wie im Vakuum atmen. Angela Merkel kündigt ebenfalls ihren Rücktritt an, kalkuliert jedoch das Scheitern ihrer ungleich unsympathischeren Nachfolger mit ein und sichert sich also gerade durch den Rücktritt ihren Verbleib. Die Bauhaus-Direktorin, die vor einer Nazidemonstration einknickte, trat gleich nicht selbst ab, sondern ließ ihre Pressesprecherin zurücktreten, als Rücktritt in effigie, sie war damit also ebenfalls zugleich zurück- und nach vorn getreten.

Ob also einer ein Amt innehat, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass er in regelmäßigen Abständen davon zurücktritt – und, um im Bild zu bleiben, gelegentlich in Schrödingers Wohnung nach der Katze schaut, ihr den Fressnapf beziehungsweise den Revolver nachlädt. Wir dürfen damit rechnen, dass die Rücktrittsraserei sich noch verfeinert, dass Personen nicht gleich von Ämtern, sondern erstmal von einzelnen Namensbestandteilen oder Büroartikeln zurücktreten – auf dass uns die die Push-Nachrichten niemals rar werden.