Homestory

Homestory #46

»Eine Welt ohne Nuklearwaffen« hatte Barack Obama, damals noch ohne graue Haare, bei seiner Rede in Prag im April 2009 vor Tausenden von Zuschauerinnen und Zuschauern gefordert. Es sei ein moralischer Imperativ angesichts der unabsehbaren Konsequenzen, die der Einsatz auch nur einer einzigen Atombombe nach sich ziehen könne. Vor fast genau zehn Jahren wurde er zum US-Präsidenten ­gewählt. Bis zuletzt hatten es viele nicht für möglich gehalten, dass die Vereinigten Staaten reif sein könnten für einen schwarzen Prä­sidenten. Waren sie vielleicht auch nicht. Zumindest nicht der Teil der USA, der wenig später erst die Tea Party hervor- und dann ­Donald Trump an die Macht brachte.

Anzeige

Aber bevor sich der backlash gegen Unisexklos, Frauen in Führungspositionen und das Ende christlich-weißer Vorherrschaft so richtig Bahn brechen konnte, gab es dieses kurze Zeit, in der auf einmal ganz viel vorstellbar schien. Eine Welt, die schrittweise alles hinter sich lassen würde, was Menschen trennt. Herkunft, Haut­farbe, biologisches und soziales Geschlecht – und vielleicht irgendwann sogar Eigentum. Es war ein Hauch globalen Frühlings, der in diesem Moment um die Welt wehte und bis in ihre entlegensten Ecken vordrang. Ein Redakteur der Jungle World erinnert sich in ­einem Anflug von Sentimentalität, wie er zwei Monate nach Obamas historischem Wahlsieg in der Grenzregion Guatemalas und Mexikos unterwegs war.

Sichtbar stolz erzählte ein Guatemalteke mit Goldzahn und Cowboyhut, dass sein Cousin US-Staatsbürger sei und »natürlich« Obama gewählt habe. »Wieso denn ›natürlich‹«, wollte der Jungle-Redakteur wissen, obwohl er die Antwort erahnte. »Weil er schwarz ist, por supuesto!« antwortete der Mann ­lachend, als habe sein Gegenüber etwas ganz besonders Dummes gefragt. »Einer von uns«, wollte er damit sagen.

Auf die »Obamania« folgte die Ernüchterung. Schade an sich, doch andererseits: Wer braucht schon Hoffnung? Auch kann die Frage der Atomrüstung differenzierter betrachtet werden. »Ein Atomkrieg mittlerer Größenordnung hilft gegen den Klimawandel«, doziert ein Redakteur unter Berufung auf Erkenntnisse der CIA. Und die apokalyptische Ängste hätten ja auch ihre Vorzüge ­gehabt. Sich um die Rechte Sorgen machen? Pah! »Live fast, ’cause it won’t last.«

Von einer Welt ohne Atomwaffen ist jedenfalls nur noch selten die Rede, eine neue Welle der Proliferation droht, Abrüstungsverträge werden in Frage gestellt. Als wäre das nicht schon beunruhigend genug, behandelt Obamas Nachfolger das fragile System ­globaler Rüstungskontrolle wie eine Reihe von bad deals. So kann das nicht weitergehen – oder doch?. Die Jungle World ist gespannt, wie sich in der neu angelaufenen Post-Midterm-Staffel der Erfolgsserie »Fire and Fury« FBI-Sonderermittler Robert Mueller schlagen wird.