DFB in der Sinnkrise

Alter Mann für spießigen Verband gesucht

Wer wird Nachfolger von DFB-Präsident Reinhard Grindel? Beziehungsweise: Warum bleibt beim Fußballverband eigentlich immer alles beim Gewohnten?

Reinhard Grindel ist als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gescheitert. Letzter Auslöser für seinen Rücktritt war ein Geschenk des ukrainischen Oligarchen und Fußball-Mafioso Hryhorij Surkis, eine Uhr im Wert von 6.000 Euro.

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Karl-Heinz Rummenigge hatte 2013 in Katar zwei Rolex im Wert von rund 100.000 Euro zugesteckt bekommen. Anschließend wurde nur darüber geredet, dass er diese nicht verzollt hatte. Allerdings ist Rummenigge Vorstandsvorsitzender der Bayern München AG, da sieht man das nicht so eng – Grindel war da­gegen Boss eines spießigen und offiziell noch immer gemeinnützigen Verbands. Eines Verbands, der bereits seit Jahren ein Intrigantenstadl ist, geplagt von einer Sinnkrise und großer Orientierungslosigkeit.

Die Fußballlandschaft verändert sich radikal, der DFB bleibt wie er ist. 

Die Fußballlandschaft verändert sich radikal. Aber wo ist der Platz des DFB in diesem Prozess? Angeblich bilden die Amateurvereine die Basis des Verbands. Aber der DFB sitzt auch im Boot der hochgradig korrupten internationalen Verbände.

Die Führer des heimischen Profigewerbes betreiben lieber alleine ihre Deutsche Fußball-Liga (DFL). Baut der DFB zu viel Mist, wechseln sie hinüber in dessen Boot, um dort für kurze Zeit das Steuer zu übernehmen. Auch in der derzeitigen Krise darf der DFB nicht alleine darüber bestimmen, wer sein nächster Boss wird. Die DFL »assistiert« ihm bei der Suche nach dem richtigen Mann.

Dass eine Frau Grindel beerben wird, ist ziemlich unwahrscheinlich. Der DFB ist eine der letzten Bastionen einer weißen Männerwelt. Sein Präsident hat in der Regel das CDU-Parteibuch in der Tasche, kommt aber nur aus der zweiten Reihe der Partei (Egidius Braun, Theo Zwanziger, Reinhard Grindel) oder hat in der Politik abgewirtschaftet (Gerhard Mayer-Vorfelder).

Eine Frau an der Spitze täte dem deutschen Fußball gut, der schon vor der WM 2018 zum Sinkflug ansetzte. Wer die neu-alte Geistlosigkeit besichtigen will, die wohl nicht zufällig mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus korrespondiert, muss sich nur durch die Fußball-Talks der privaten Fernsehsender zappen, wo sich »Experten« wie Mario Basler (»Fakten interessieren mich nicht«), Oliver Pocher (»Auf den Rängen schallt es im Chor – Deutschland vor!«) oder der Rechtsaußen-Moderator Claus Strunz (Özil gehöre eigentlich nicht zu Deutschland und spiele ohnehin immer nur quer) über die Krise des hiesigen Fußballs auslassen. Nach der WM 2014 dachte man noch: Es ist vorbei, endlich und endgültig vorbei! Zu früh gefreut. Keine Frau erlaubt sich, dermaßen dumm und reaktionär über den Fußball zu reden, wie es diese und andere Herren tun.

Keine Frau erlaubt sich, dermaßen dumm und reaktionär über Fußball zu reden, wie Mario Basler, Claus Strunz und andere Herren.

Zwar ist der Fußball ein Migrantensport, in den Gremien des DFB spiegelt sich das aber kaum wieder. Auch nicht bei den Amateuren. So berichtete das Magazin Zeitspiel über den Amateurfußballkongress des DFB in Kassel: »Menschen mit Migrationshintergrund gab es im Plenum nur vereinzelt zu sehen, auf der Bühne gar nicht. (…) Kein einziger Diskutant mit Migrationshintergrund, allesamt käseweiße Zentraleuropäer.« Allerdings leistet sich der Verband mit dem ehemaligen Nationalspieler Cacau einen in Brasilien geborenen Schwarzen als Integrationsbeauftragten: Er ist ein braver, dankbarer, stark christlich geprägter Mann, der stets beteuert, dass Deutschland ein rassismusfreies Land voller netter Menschen sei.

Der Verband befindet sich in einer Sinnkrise: Für wen und was steht der DFB eigentlich? Der Verband hat viel an Glaubwürdigkeit verloren. Sein Verhältnis zum Amateurfußball ist eher lieblos. Den Amateurvereinen begegnet er vor allem in der Form von Geldstrafen, die wegen eines unvollständig ausgefüllten Spielberichts oder der Nichterfüllung des Schiedsrichtersolls zu zahlen sind – nachzulesen in den »Amtlichen Mitteilungen«. Manchmal trifft man sich auch vor der Spruchkammer, die mit Rechtsstaatlichkeit wenig am Hut hat. Verhandelt wird hier nur pro forma. Wer sich überlegt, gegen ein Urteil Einspruch zu erheben, bekommt mitgeteilt: »Wir raten Ihnen davon dringend ab! Damit hat hier noch niemand Erfolg gehabt. Und wenn sie verlieren, wird es für Ihren Verein sehr teuer!« Geschenke gibt es aber auch, beispielsweise eine Plakette, auf der geschrieben steht: »Unsere Amateure. Echte Profis.« Die kann man sich dann ans Vereinsheim nageln, neben die Plakette, auf der dem Verein attestiert wird, dass er mit seinen über 500 Kindern und Jugendlichen eine kinder- und jugendfreundliche Einrichtung sei. Wer hätte das gedacht?

Wie stumpf dieser Verband nach unten agiert, musste der Autor im Jahr 2004 besonders drastisch erfahren. Bei einem Aufstiegsspiel seiner C-Jugend war ein Spieler des Gegners an Herzversagen gestorben. Die Be­erdigung fand am folgenden Samstag statt, gleichzeitig mit dem letzten Spieltag der Aufstiegsrunde. Der Verein bat um eine Verlegung des Spiels. Aber der Verband war hierzu nicht zu bewegen. Begründung: »Wir treffen uns seit Jahren am Montag um zehn Uhr, um die neue Staffel­einteilung vorzunehmen.«

Aushängeschild und Goldesel des DFB ist dagegen die Männernationalmannschaft. Lustreisen – also Länderspiele und große Turniere – gehören zu den Goodies, mit denen sich die Spitze der Loyalität ihrer Fürsten in den Ländern und Kreisen versichert. Eine Vorstandssitzung muss ja nicht beim Verbandssitz in Frankfurt am Main stattfinden, wenn es auch in Rio de Janeiro geht. Profivereine wie Nationalmannschaft können auf diesen Begleit­tross aus »verdienten Funktionären« eigentlich gut verzichten.

Seit 2004 führt die DFB-Elf ohnehin immer mehr ein Eigenleben, was von den Modernisierern Oliver Bierhoff, Jürgen Klinsmann und ­Joachim Löw auch so gewollt war. Denn ohne neue Strukturen war die Abkehr von den deutschen Tugenden – zugunsten einer modernen Spielphilosophie – nicht zu bewerkstelligen. Auch im Sinne eines zeit­gemäßen Marketings musste man die Nationalelf aus ihrem bisherigen Rahmen lösen. Warum soll der Bundestrainer zunächst den DFB-Präsidenten konsultieren, bevor er drei Bayern-Stars aussortiert? Wichtiger ist doch, dass zuerst die Spieler und ihr Verein es erfahren.

Den großen Clubs ist die Nationalmannschaft ein Dorn im Auge. Erst recht, wenn sie sich als Avantgarde geriert, wie dies unter Klinsmann und Löw phasenweise der Fall war. Der Verband füllt mit Spielern seine Kasse, deren Arbeitgeber aber die Clubs sind und die am Ende erschöpft oder sogar verletzt von einem Turnier nach Hause kommen. Das mögen nicht nur die Bayern nicht.

Die Geschichte des DFB wird man vielleicht irgendwann wie folgt schreiben: Es war einmal ein großes Haus. Ganz oben wohnte die Nationalmannschaft. Auf der mittleren Etage lebten die Profivereine, im Parterre die Amateure. Die Türen zu den einzelnen Wohnungen waren stets offen. Dann erklärten die Profis: Alles ein bisschen eng und laut hier. Wir ziehen aus und bauen nebenan ein eigenes DFL-Haus – aber bei euren Hausversammlungen werden wir weiter dabei sein. Nach der EM-Pleite von 2004 verließ auch die Nationalmannschaft ihre alte Wohnung. Sie erwarb aber kein eigenes Grundstück, sondern bezog einen Anbau.

Dann erzählten der FC Bayern, Borussia Dortmund und andere, sie würden sich einige Ferienhäuser im Ausland zulegen. Aber dort würden sie nur in der Winter- und der Sommerpause residieren. Das DFL-Haus sei weiterhin ihr Hauptwohnsitz. Auch im alten DFB-Haus würde man noch vorbeischauen – damit dort niemand Unsinn macht. Wenig später erklärten die Bayern, man werde jetzt den Hauptwohnsitz ins Ausland verlegen. Der DFB wurde zwar weiterhin zu allen Partys eingeladen, musste aber registrieren, dass er dort immer ­weniger beachtet wurde, obwohl er stets dicke Geschenke mitbrachte. Die DFB-Führung ähnelt einem Menschen, der nicht wahrhaben will, dass sein Partner längst sein Ex ist. Anstatt sich nach einem neuen Partner umzuschauen oder das Leben alleine zu genießen, was ja auch geht, läuft er dem Ex hinterher, weil er den Reichtum, die schönen Partys, vor ­allem aber die Aufmerksamkeit an seiner Seite nicht missen will.

»Unsere Ulla, da legen wir großen Wert drauf, ist keine Quotenfrau! Nein, unsere Ulla kann wirklich etwas!«

Und nun bekommt dieser DFB also einen neuen Präsidenten. Verbandsarbeit ist allerdings nichts für junge und kreative Geister. Wer hat schon Bock auf Gremien, die von älteren und alten Männern dominiert werden? Wer hat schon Bock auf Auseinandersetzungen mit alten Seilschaften? Wer hat schon Bock auf Versammlungen, auf der die einzige Kandidatin für einen der 20 zu besetzenden Posten von einem 70jährigen wie folgt präsentiert wird: »Unsere Ulla, da legen wir großen Wert drauf, ist keine Quotenfrau! Nein, unsere Ulla kann wirklich etwas!« Junge und kreative Leute engagieren sich lieber in Vereinen, Faninitiativen und so weiter. Also dort, wo sie das Gefühl haben, gestalten zu können.

Vielleicht bietet Grindels Rücktritt die Gelegenheit, einmal grundsätzlich über den Sinn und Zweck des DFB und dessen Zukunft zu diskutieren. Die Basis tut gut daran, das bisherige System nicht als unveränderlich zu betrachten. Es gilt, von den »Großen« zu lernen. Denn die betrachten das System ebenfalls nicht als schlicht gegeben. Es geht um die Entwicklung eigener, neuer Vorstellungen. Klagen und Jammern ändert nichts und ist noch langweiliger als der letzte Korruptionsskandal. Angst muss man auch nicht haben. Fußball wird auch dann noch gespielt, wenn Fifa und DFB nicht mehr existieren.