Imprint - Abdruck aus Renate Göllner: »Freiheit und Trieb«

Die lesbische Frau, das zweite Geschlecht und die sexuelle Gewalt

Versuch über Simone de Beauvoir.

Es ist bemerkenswert, dass Simone de Beauvoir ein ganzes Kapitel ihres berühmten Buchs »Le Deuxième Sexe« von 1949 der Lesbierin widmet. Deren sexuelle Präferenz bezeichnete sie zum Entsetzen der damaligen Öffentlichkeit lapidar als »situierte Wahl«. Zur Orientierung: Noch 1975 verstanden 42 Prozent der Franzosen und Französinnen Homosexualität als Krankheit. Bereits davor war ein Vorabdruck aus dem Buch in Les Temps Modernes erschienen, es handelte sich dabei um das Kapitel über die sexuelle Initiation der Frau, ein Thema, das bis dahin in der Öffentlichkeit streng tabuisiert war.

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Auch hier geht es bereits um weibliche Homosexualität. Die Philosophin, die als eine der ersten Frauen in Frankreich 21jährig die Staatsprüfung abgeschlossen hatte und zwar mit einer Arbeit über Leibniz, wagte darin, offen über die ersten sexuellen und homoerotischen Erfahrungen des Mädchens zu schreiben, die sie jenen der Knaben gegenüberstellte. Dass die konser­vative Presse sich über einen solchen Text ereifern würde, war abzusehen, ebenso wie die Reaktion der kommunistischen Linken wenig überraschend war: Auch sie fiel über Beauvoir in bekannter Manier her und bezeichnete das ganze Buch »als trauriges Produkt einer bourgeoisen Li­teratur der Dekadenz«. Der Vatikan setzte es kurzerhand auf seinen Index, so wie man damals alle Katholiken, die mit Kommunisten zusammenarbeiteten oder auch nur sympathisierten, mit der Exkommuni­kation bedrohte. »Man warf mir so viel vor: (…) vor allem meine Unanständigkeit. Man hätte meinen können, daß es Freud und die Psychoanalyse nie gegeben hätte. Was für Freuden der Obszönität unter dem Vorwand, die meine zu geißeln.«

Gleich Sigmund Freud geht sie davon aus, dass das bisexuelle Bedürfnis das »ursprüngliche« sei und man sagen könne, dass »jede Frau von Natur aus homosexuell ist.« Bei Beauvoir ist die Homosexualität jedoch, im Unterschied zu Freud, eine existentielle Wahl unter anderen, und damit akzentuiert sie, dass es sich auch nicht um einen schicksalhaften Fluch, und sei’s der einer gesellschaftlichen Determiniertheit, handeln könne. Der Lesbianismus sei »eine aus der Situation heraus gewählte Haltung (…), die begründet und frei angenommen ist.«

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