Der kubanische Fußball steckt in der Krise

Talente auf der Flucht

Der kubanische Fußball befindet sich an einem Tiefpunkt. Dabei wären die Voraussetzungen an sich gar nicht so schlecht, Fußball ist bei jüngeren Kubanern die mit Abstand populärste Sportart.

Als Bayern Münchens Alphonso Davies in der vergangenen Woche in der Begegnung Kuba gegen Kanada, dem zweiten Spiel der Gruppe A der Nations League der Confederation of North, Central America and Caribbean Association Football (Concacaf), bereits in der neunten Minute zur kanadischen Führung traf, sah alles nach einem erneuten Debakel für die kubanische Mannschaft aus. Drei Tage zuvor hatte sie in Toronto bereits eine Niederlage von 0:6 gegen Kanada einstecken müssen, die Kubaner hatten in 90 Minuten nur ein einziges Mal aufs Tor des Gegners geschossen.

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Doch dieses Mal wehrten sie sich. Und am Ende blieb es bei einer knappen Niederlage von 0:1. In kubanischen Medien wurde das Resultat als »gute Nachricht« gewertet.

Dieses Spiel der kubanischen Auswahl, das eigentlich ein Heimspiel sein sollte, fand im Truman-Bodden-Sportkomplex in George Town auf den Cayman Islands statt. Denn das Nationalstadion »Pedro Marrero« in Havanna erfüllte nicht die von der Fifa vorgegebenen technischen Voraussetzungen für die Veranstaltung; es handelt sich um einen besseren Bolzplatz, umgeben von renovierungsbedürftigen Tribünen.

Aber das ist derzeit bei Weitem nicht das größte Problem des kubanischen Fußballverbands. Nach dem 0:6 in Toronto setzten sich fünf Na­tionalspieler von der Mannschaft ab, darunter der Kapitän Yordan Santa Cruz. Beim Gold Cup der Concacaf, der Mittelamerika- und Karibik-Meisterschaft, verlor Kuba jeweils 0:7 gegen Mexiko und Kanada sowie 0:3 gegen Martinique, das wahrlich keine Fußballgroßmacht ist. Dieses deso­late Auftreten hat weitere Nachwirkungen.

»Es muss konstatiert werden, dass der hiesige Fußball an einem der tiefsten Punkte in seiner Geschichte ist, mit einer unbeständigen nationalen Meisterschaft und mit Problemen in seiner Organisation. Hinzu kommt die Flucht einer beachtlichen Anzahl an Spielern«, schrieb Yosel E. Martínez Castellanos kürzlich in der kubanischen Tageszeitung Granma. Es gebe keinen einzigen positiven Punkt, auf den man verweisen könne und der einen Fortschritt bedeute. Und so forderte er: »Eine radikale Veränderung ist auf allen Ebenen des kubanischen Fußballs, von der Basis aus, erforderlich.«

Solche Töne waren in der Staatspresse lange nicht zu lesen. Dabei sind die Voraussetzungen für den Sport in Kuba gar nicht so schlecht. Fußball ist bei jüngeren Kubanern mittlerweile die mit Abstand populärste Sportart. In Havanna jagen Kinder und Jugendliche an vielen Straßenecke einem Ball hinterher – oder irgendeinem anderen, halbwegs kugelförmigen Gegenstand, der sich zum Fußballspielen eignet. Trikots europäischer Vereine gehören zum Straßenbild und Spiele zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona sorgen für mehr Begeisterung als der Baseball-Klassiker USA gegen Kuba.

»Wir müssen diese ganze Masse, die es im Land gibt, nutzen«, schrieb Martin weiter. »Diejenigen, die Fußball im Rahmen des Leistungssportsystems betreiben, dürfen keine Stagnation erleben, weil zum Beispiel zu wenige Turniere stattfinden.« Junge Fußballer aus anderen Nationen könnten schließlich regelmäßig spielen und sich weiterentwickeln. Als Beispiel für die Auswirkungen der kubanischen Misere nannte Martínez, dass nur wenigen Spielern der U20-Auswahl, die 2013 an der WM in der Türkei teilnahm, der Durchbruch gelang. Die meisten dieser Fußballer verließen Kuba nach und nach auf unterschiedlichen Wegen, weil es keine Möglichkeiten gab, sich in ihrer Sportart auf der Insel weiterzuentwickeln. »Und die Zahl ist viel größer, wenn man die Abgänge nicht weniger kubanischer Talente in den letzten Jahrzehnten hinzuzählt, die zusammen mit der unflexiblen und veralteten Politik des Verbands den kubanischen Fußball seinen dunkelsten Moment bereitet haben«, schreibt das Webportal On Cuba.

Martínez plädiert dafür, ausländische Trainer einzustellen, damit sie »die technisch-taktische Ausbildung für die Fußballspieler in ihren jungen Jahren entwickeln«. Gerade in den Kinder- und Jugendbereichen fehle es an einem soliden Grundla­gen­training. Von einem ausländischen Coach für die Nationalmannschaft hält der Kommentator dagegen nicht allzu viel. Ein solcher Schritt würde »die derzeitige Situation nicht verbessern, da es keine entwickelte Struktur gibt, aus denen ein solcher Coach die Talente nehmen könnte, die für die Imageverbesserung des kubanischen Fußballs erforderlich sind«.

Nach der Pleite im Gold Cup entließ der kubanische Fußballverband im Juli Raúl Mederos als Nationaltrainer und ernannte Pablo Elier Sánchez, der unter Mederos als Fitnesstrainer der Auswahl tätig gewesen war, zum neuen Chefcoach. Fußballfans begrüßten die Entscheidung in den sozialen Medien. »Ich halte sehr viel von Elier, aber er wird ein weiteres Opfer des institutionellen und organisatorischen Chaos sein, das unser Fußball erlebt«, sagte hingegen Félix Anazco, ein Journalist aus Camagüay, der den kubanischen Fußball sehr gut kennt.

Nach Ansicht vieler Fans ist die Führung des kubanischen Fußballverbands sowie des nationalen Sportverbands Inder für die derzeitige Situation verantwortlich, da die Organisationen es ablehnen, im Ausland spielende Kubaner in die Nationalelf zu berufen. Der derzeit bekannteste von diesen ist Onel Hernández, der bei Norwich City in der englischen Premier League unter Vertrag steht. Für Kubas Nationalmannschaft zu spielen, sei einer seiner größten Träume, sagt der Profi, der als Sechsjähriger nach Deutschland kam und ein U18-Länderspiel für die deutsche Auswahl vorweisen kann. Ende 2018 wurde er für ein Länderspiel der kubanischen Auswahl nominiert, doch kurz vor der Partie wurde die Entscheidung revidiert. Nach Aussa­gen seines Beraters wurde die Einladung »auf Anweisung des Staates« zurückgezogen. Jorge Luís Corrales, der zwei Jahre lang ein Teamkollege von Bastian Schweinsteiger bei ­Chicago Fire war und zurzeit bei Montreal Impact spielt, ist ein weiterer Fall. Die Liste ließe sich fortsetzen: In Spaniens zweiter und dritter Liga und selbst in Finnland spielen Kubaner, die irgendwann einmal das Land verlassen haben und deshalb nicht im Nationalteam aufgestellt werden.

Die Gründe sind wohl sportpolitischer Natur. Der ehemalige Nationaltrainer Mederos, der Berufungen von Auslandsprofis befürwortet hatte, sprach von »höheren Kräften«, die einen solchen Schritt verhinderten. Ob er Funktionäre im Verband oder in der Regierung meinte, sagte er nicht.

Derzeit hat Kubas Fußball also eine ganze Reihe von Problemen, eine Aussicht auf Besserung besteht aber allenfalls mittelfristig. »Um positive Ergebnisse zu erzielen, braucht es Zeit und Geduld. Wenn jedoch nicht jetzt angefangen wird, wird es weiter bergab gehen. Und diejenigen, die darunter leiden, sind die Fußballer und die Anhänger zuhause«, schreibt Martínez. Das nächste Länderspiel der Kubaner soll am 10. Oktober gegen die Vereinigten Staaten statt­finden. Alles andere als eine hohe Niederlage wäre schon ein Erfolg.

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