Homestory #44

Hallo Wien vor Halloween

Als uns neulich in Österreich der Knödel im Hals steckenblieb.

Wien ist immer eine Stippviste wert. Auch wenn es nur zweieinhalb Tage sind, sorgen Schnitzel, Strudel und Schlagobers dafür, dass man mit etwas mehr Speck auf den Hüften zurückkehrt, als man mitgebracht hat. So erging es natürlich auch den beiden Kolleginnen und dem Kollegen, die vorige Woche dort die Israel-Sonderausgabe der Jungle World in einem gut gefüllten urigen Seminarsaal der Universität vorgestellt haben. 80 Gäste zählte einer der Gastgeber von der Wiener Institutsgruppe Politikwissenschaft. Grandiose Akustik: Der Saal gehörte einst zur medizinischen Fakultät und erinnert an ein Amphitheater. Man kann sich gut vorstellen, wie dort einmal unter Staunen und vielleicht auch etwas Ekel der Studierenden Menschenleichen seziert wurden. Auch einen gewissen Doktor Freud könnte man sich dort beim Dozieren vorstellen, wie er vor den Zuhörenden angeregt eine dicke, qualmende Zigarre schwenkt. Aber hat der überhaupt an der Universität unterrichtet? Egal. Vorstellen könnte man es sich jedenfalls.

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Gequalmt wird in Wien auch noch – und zwar selbst in Gasthäusern, in denen gegessen wird. Das finden dann selbst die an Berliner Raucherkneipen gewöhnten Jungles ein bisschen hart. Es kann ­einem schon der eine oder andere Knödel im Hals steckenbleiben, wenn man beim Essen die dicken Rauchschwaden durch die Nüstern ziehen muss. Ab dem 1. November soll auch in Österreich das Rauchen in der Gastronomie und in öffentlich zugänglichen Bereichen verboten sein. Man ist erstaunt, dass es ein Land in der westlichen Welt gibt, in dem das bis jetzt noch möglich ist. Erinnert sich ­jemand, wie man sich kaum vorstellen konnte, dass jemals in spanischen Tapas-Bars nicht geraucht werden würde? Längst Vergangenheit. Rauchen in irischen Pubs? Ancient history. In Österreich ist es die extrem rechte FPÖ, die sich das Recht auf verqualmte Wirtschaften aufs Banner geschrieben hat.

In Wien jedenfalls scheint so manches Anachronistische jeglicher Veränderung zu widerstreben. In vielen Wiener Läden gibt es Kartenzahlung nach wie vor erst ab zehn Euro. Das ist man in Berlin nicht mehr gewohnt. Es scheint, als könne man das Bargeld in Wien gar nicht so schnell abheben, wie man es ausgibt. Und dann das skurrile österreichische Faible für Schilder, die dieses oder ­jenes Verbot mitteilen, zu dessen Einhaltung man bei Missachtung schnell von der Bevölkerung ermahnt wird. Ob die Wiener einen in Zukunft mit der gleichen Inbrunst auf Rauchverbote hinweisen werden? Widerstand kündigt sich bereits an. Eine Wiener Leserin rechnet mit Verzögerungen durch die kreative Ausschöpfung von Übergangsregelungen. Gleich wie es ausgeht, die Redaktion der Jungle World freut sich bereits auf zukünftige Besuche. Schließlich sind sie es wert.