Jüdisches Leben und Überleben

Wir haben überlebt, lasst uns essen

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Die Weltgesellschaft aktualisiert ihren Angriff ständig mit neuen Rationalisierungen: Zuerst waren die Juden die Christusmörder, dann die Brunnenvergifter, sie verbreiteten die Pest und andere Seuchen, zerstörten die Gesellschaft mit Geld und abstraktem Wert, bestatteten die traditionelle Kultur mit der Behauptung der universellen Gleichheit, sind verantwortlich für ­Kolonialismus und den Nahostkonflikt. Wie ein Kratzer in einer Schallplatte, mit dem Unterschied, dass bei jedem Rücksprung der ­Nadel sich die alte Litanei der jeweiligen Zeit anpasst. In der Phantasiewelt des Attentäters von Pittsburgh, der vor einem Jahr die Synagoge »Tree of Life« angriff, fliehen südamerikanische Migrantinnen und Migranten nicht vor Armut, Krieg und Unterdrückung, um ein besseres Leben in den USA zu suchen, sondern werden von einer ­jüdischen Verschwörung angelockt, um die weiße christliche Mehrheit in den USA demographisch und kulturell zu zersetzen.

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Diese Ideologie lag auch dem Bekennerschreiben des Attentäters von Halle zugrunde. In seiner wahnhaften Wahrnehmung handelt es sich bei dem syrischen und afghanischen Exodus aus den von Krieg und Elend heimgesuchten Herkunftsländern nicht um die Flucht echter Menschen, die Sicherheit und ein besseres Leben suchen. Nein, der Täter bezeichnete sie als bloße »Golems«, in Anspielung an die Legende vom Golem von Prag – nur Lehm, der von jüdischen Mystikern durch alchemistische Transformation zum Leben erweckt und nach Europa gebracht wird mit dem hinterhältigen Ziel, europäische Christen zu verdrängen und eine jüdische Herrschaft zu installieren. Aus diesem Grund entschied er sich gegen den Angriff auf eine Moschee und versuchte stattdessen, »den Kopf« der angeblichen Verschwörung abzuschneiden und also Juden anzugreifen.

Nachdem wir Jüdinnen und Juden dann, jede und jeder auf eigene religiöse oder weltliche Weise, gebetet hatten, dass der Terror in Halle schnell und ohne Tote oder Verletzte enden möge, schrien wir, wütend über die faschistische Gefahr. Wir haben die elendige, ständig bei jedem antisemitischen und rassistischen Mord wiederholte Einzeltäterthese kritisiert, ebenso wie die Existenz Tausender bewaffneter Neonazis in Deutschland, die auch die ­Polizei und andere Behörden infiltriert haben. Wir haben gegen Kürzungen bei Bildungsprogrammen zur Bekämpfung des Rassismus und bei Projekten zur Prävention von Rechtsextremismus gewettert. Wir haben die AfD als geistige Brandstifterin angeklagt, ein SPD-Politiker bezeichnete die Partei zu Recht als den »politischen Arm des Rechtsterrorismus«. Und wir haben die Behörden dafür verdammt, dass sie unsere Sicherheitsbedenken heruntergespielt haben.

Aber je lauter ich das »Nie wieder!« in den Medien, sozialen Medien und bei öffentlichen Mahnwachen vernahm, umso stiller waren die Menschen um mich herum. So gering war die Zahl der Anrufe und Nachrichten von Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kollegen, Genossinnen und Genossen in den Tagen nach dem Angriff. So einfach es war, ein plakatives Banner auf Facebook zu posten, so schwierig müssen sie es gefunden ­haben, sich zu melden und zu fragen: »Wie geht es dir?« Wie formal korrekt und zugleich sozial und emotional entfernt. Auch das ist Deutschland inmitten der Empörung nach Halle.