Nazis auf Lesbos

Die Sehnsucht nach der Fronterfahrung

Rechtsextreme aus ganz Europa rufen dazu auf, an der türkisch-griechischen Grenze und auf den griechischen Inseln gewaltsam gegen Geflüchtete, NGOs, Journalistinnen und Journalisten vorzugehen.

Es ist der Morgen des 8. März, im Hintergrund des Videos von „Robby“ ist der Hafen von Mytilini zu sehen. Von einem Balkon spricht er zu seinen knapp 90 Followern auf der Plattform DeinTube. Er tritt in den sozialen Medien unter dem Namen “Robert Prost-Lepouras” auf. Er spricht immer wieder von „meinem Volk, den Griechen” und gibt als seinen Wohnort Stolberg im Rheinland an. Prost-Lepouras ist einer von mehreren extrem rechten Bloggern, die gegenwärtig davon reden, bei der „Verteidigung Europas“ mitwirken zu wollen beziehungsweise dazu aufrufen.

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So schreibt Prost-Lepouras am 2. März auf dem sozialen Netzwer vk.com: „Gebt mir eine M60 mit ausreichend Munition, stellt mich an die türkische Grenze und ich schieße den gesamten menschlichen Abschaum über den Haufen. Frauen und Kinder inklusive, wenn bei 10 000 Männern mal eine(s) dabei ist… “. 23 Personen gefällt das. In den Kommentaren findet sich ein Aufruf eines weiteren Users, es müsse eine “Fahndung” nach Europaparlamentarier Erik Marquardt (Die Grünen) und den Autor dieses Textes “rausgehen”. Nicht nur die von Prost-Lepouras geäußerte geradezu genozidale Gewaltphantasie erinnert an das vom mutmaßlichen Attentäter von Hanau hinterlassene Bekennerschreiben (Jungle World 9/2020). Auch die extrem objektifizierende Art sich über Frauen zu äußern, weist gewisse Parallelen auf: Auf dem Profil Prost-Lepouras auf vk.com finden sich außerdem zahlreiche offenbar heimlich gemachte Fotos von teils schlafenden jungen Frauen aus Athen und von der Fähre von Athen nach Mytilini.

Proust-Lepouras begleitet den deutschen Journalisten Oliver Flesch und dessen Kameramann bei deren Berichterstattung für die AfD-nahe Zeitung Deutschlandkurier. Auf der Internetseite der Zeitung wurden mittlerweile mehrere von den beiden produzierte Videos aus Lesbos veröffentlicht. Das Trio behauptet darin, „aufklären“ zu wollen und bezeichnet Geflüchtete als „Invasoren“.

Weitere Influencer der extrem rechten deutschsprachigen Online-Szene rufen unter anderem dazu auf, dass sich „aufrechte Männer Europas“ an die Grenze begeben sollten. In anderen Chatgruppen mit Namen wie “Rockhate” und “NS-Action” wird derweil über eine Unterstützung lokaler Gruppen diskutiert, die gewalttätig gegen Geflüchtete vorgehen. Außerdem kursiert ein Aufruf an „kampferfahrene Gleichgesinnte“, der von der mutmaßlich französischen Gruppe “Gallia Daily” verbreitet wird. Die Gruppe behauptet, Freiwillige, die bereits beispielsweise in der Ukraine gekämpft haben, hätten vor, vor Ort zu unterstützen. Ziel sei es sich, “um NGOs, Journalisten, hauptsächlich deutsche und französische zu kümmern”. Ein weiteres von fünf Missionszielen sei es, “die europäischen Grenzen mit Hilfe Ferngläsern und Drohnen zu halten”. Auch die Gruppe „Soldiers of Odin“ aus Finnland teilt auf ihrer Telegram-Chatgruppe Bilder, die angeblich aus der griechischen Grenzregion zur Türkei stammen, auf denen eine mit einem Gewehr bewaffnete vermummte Person posiert. Darunter steht: “Etwa 4 000 bewaffnete griechische Bürger patrollieren die Grenze, um die Invasoren aufzuhalten”.
 
Aus Berlin will sich eine bisher unbekannte Gruppe, die sich „Patriotic Opposition Europe“ nennt, am 23. März auf den Weg an die griechisch-türkische Grenze machen. Sie behaupten, ihr Ziel sei es, “Griechenland nicht im Stich” zu lassen. Am 7. März schreibt Oliver Flesch von Lesbos an seine Telegram-Follower, es sei “längst ein Krieg da draußen“.