Ein Dokumentarfilm ­por­trätiert die Arbeit des Boxtrainers Ali Cuku

Das Herz eines Anti-Gewalt-Trainers

Der Dokumentarfilm »Lionhearted« zeigt, wie der Boxtrainer Ali Cukur um seine jungen Schützlinge ringt.

Wenn Ali Cukur die Risse in den Boxsäcken ausbessert, kann und soll man das bildlich verstehen. Er überprüft das Material mit der selbstverständlichen Hingabe, mit der er alle anfallenden Arbeiten erledigt, vom Leiten des Trainings bis zum Putzen, und dann sagt er: »Jeder hier hat ein bisschen Risse, jeder will Selbstwertgefühl. Ich spüre, dass diese Menschen eine Hand brauchen.«

Was ist das alles? Horizonterweiterungstrip, interkulturelle Begegnung, Porträt einer Resozialisierungsklassenfahrt?

Ali Cukur, Boxcoach, Anti-Gewalt-Trainer und Vaterfigur seiner Boxtruppe beim TSV 1860 München, kümmert sich um beides, die Boxsäcke und die Menschen. Hingabe ist so ein Wort, das man oft hört bei Geschichten über ehrenamtlich im Sport Tätige. Ein bisschen hohl klingt es, ein Wort für Verbandsreden, aber bitte, wer dieses Wort mit Inhalt erfüllt sehen möchte, möge sich »Lionhearted« anschauen. Die Regisseurin Antje Drinnenberg begleitete für diesen Dokumentationsfilm den Boxtrainer Ali Cukur, der darum ringt, seinen strauchelnden Schützlingen zurück ins Leben zu helfen. »Ali ist das Herz der Truppe«, sagte Drinnenberg in einem Interview. »Hier findet ein Stück weit eine Resozialisierung in die Gesellschaft statt.« Oder überhaupt erst ein Ankommen.

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Resozialisierung ist eine der plakativen Forderungen, die seit vielen Jahren am Boxsport haften. Und eine, die immer umstritten war. Es gibt, grob gesagt, die Menschen, die glauben, eine Sportart wie das Boxen – eine, die Selbstwertgefühl fordert, auch Beherrschung, Disziplin, Auseinandersetzung mit sich selbst – sei so gut für soziale Arbeit geeignet wie kaum eine andere, prädestiniert für von der Gesellschaft ausgegrenzte Kids, die auf der Suche sind nach Fokus und Halt. Und es gibt die Menschen, die glauben, dass Boxen – eine Sportart, die eben Kampf ist, in der man lernt, den Gegner professionell zu vermöbeln – testosterongesteuerte Jugendliche erst recht scharf mache.

Wie bei vielen Dingen im Leben ist die Antwort kompliziert. Sie hängt von den Umständen ab, und wer diese Arbeit im Boxen leistet, muss vor allem genau wissen, was er tut. Ali Cukur erscheint in »Lionhearted« als ein Mensch, der ganz intuitiv weiß, wie man es richtig macht, mit unprätentiöser Liebe zu den Mitmenschen. Und je näher die Dokumentation sich mit ihm beschäftigt, umso klarer wird, dass das auch mit seiner persönlichen Geschichte zu tun haben mag.

Es dauert etwas, bis so ein Film, der auf Nähe beruht, in die Gänge kommt. »Lionhearted« tut sich anfangs schwer, mit langen Schwarzweiß-Kampfszenen in bemühter »Raging Bull«-Optik, mit dem Trainingsalltag, ein paar Aussagen über die Arbeit im Ring. Eine Doku wie viele eben, man sieht das alles ja nicht zum ersten Mal – Menschen, die soziale Arbeit und Sport verbinden. Aber langsam erzeugt der Film ein Verständnis davon, wie diese Arbeit funktioniert, denn er funktioniert ähnlich wie sie. Er übt sich in Geduld, wartet, bis Stück für Stück der Panzer der oft coolen Jungs verschwindet, die ja eigentlich gar nicht so cool sind, und, noch entscheidender, lässt sie selbst bestimmen, wann sie welche Schutzschicht ablegen. Am Ende steht teils eindrucksvolle Offenheit. Und unsichtbare Mauern bleiben. Nicht jeder öffnet sich, manche sind reflektierter als andere. Immer tiefer geht es dabei hinein in die Truppe.

Saskia, Raschad, Abu und Burak sind die vier, die in dem Film für die Vielzahl an Brüchen im Lebenslauf stehen, die ein Mensch erleben und erleiden kann. Es gibt Saskia, die als Kind unter anderem ihren Vater durch ein tödliches Unglück verlor. Sie sagt: »Es sind viele Dinge passiert in meinem Leben, so hart kann kein Gegner zuschlagen.« Sie ist eher sensibel, denkt viel nach, macht sich Druck, weil sie niemanden enttäuschen möchte. Es gibt Raschad, den sein Vater mit 13 Jahren aus Deutschland nach Togo verschleppt und dort bei der ihm fremden Familie zurückgelassen hat, der bei der Rückkehr nach Deutschland seinen Wohlstand zu schätzen lernte und so wirkt, als habe er von allen die Vergangenheit am ehesten verarbeitet. Es gibt Burak, ein ehemaliges Gangmitglied und vorbestrafter Gewalttäter, der Sätze sagt wie: »Erst als ich sein Blut auf dem Boden gesehen habe, hat es angefangen, mir Spaß zu machen.« Von ihm erfährt man nie, was ihn zu diesem Menschen gemacht hat. Und es gibt Abu, der alles immer zu locker zu nehmen scheint und nur fast beiläufig sagt, er habe »sehr viel Schmerz gehabt im Leben«. Und der wie die anderen dankbar ist, dass Cukur ihn nach diesem Schmerz fragt.

Die Klammer bildet ein Trainingscamp in Ghana, das auch das Filmteam begleitete und das wohl eher eine pädagogische Maßnahme von Cukur war. Im ghanaischen Sozialprojekt des ehemaligen Boxers Charles Quartey, mitten im Slum an einer gigantischen Müllhalde gelegen, sollen die deutschen Jugendlichen schätzen lernen, wie gut es ihnen doch gehe. In einer spartanischen Halle zwischen qualmenden Abfallhaufen und Plastik kämpfen ghanaische Straßenkinder mit militärischer Disziplin um eine Zukunft. Von Anfang an ist klar, dass Boxen hier noch eine ganz andere Dimension hat, dass diese Kinder im doppelten Sinn um ihr Leben ringen. Unter diesen Bedingungen werden Weltklasseboxer ausgebildet, weil bedingungslose Leistung das Einzige ist, wofür der Kapitalismus die Armen allenfalls honoriert, wofür er ihnen überhaupt einen Platz im Leben gewährt. Manchmal, wenn die Drohne über den Slum filmt und das mit dramatischer Musik unterlegt wird, ist das unangenehm viel Elendsinszenierung, aber zugleich lässt sich erahnen, wie dieses Umfeld die Regisseurin und die Jugendlichen traf. Die Jungs, die sich sonst mit Blödeleien inszenieren, werden ruhiger in Ghana, und sichtlich beeindruckt sind alle in den Kämpfen: Diese ghanaischen Jugendlichen, die gäben einfach nicht auf, die machten immer weiter.

Was ist das alles nun? Westlicher Horizonterweiterungstrip, interkulturelle Begegnung, Porträt einer Resozialisierungsklassenfahrt? Vor allem erzählt »Lionhearted« von den realen Möglichkeiten sozialer Arbeit im Boxen, in Ghana wie in Deutschland. Wunderbar gelingt es dem Film, dabei Momente der richtigen Entscheidung einzufangen, denn Cukur hat das Talent, genau die richtigen Worte und Gesten zu finden. Saskia umarmt er beim Rumalbern im ghanaischen Regen und spricht ihr Mut für die Zukunft zu, weil er spürt, dass sie das braucht. Burak gibt er heftig Kontra, weil er merkt, dass der genau das benötigt, die oft zitierte harte Hand. Und mit dem lässigen Abu setzt er sich an den Strand und versucht zu ergründen, warum er manchmal Kämpfe mental schon in der Umkleide verliert.

Irgendwann erzählt Cukur seine eigene Geschichte, vom verunglückten Bruder, vom gewalttätigen Vater, von seiner Kindheit in der Türkei ohne die schon in Deutschland wohnenden Eltern. Es braucht keine Küchenpsychologie, um zu ahnen, woher der Trainer das Verständnis für diese Jugendlichen nimmt, und die Energie, denen zu helfen, für die die Gesellschaft nicht viel übrig hat. Unterentwickelt bleibt dagegen die Gesellschaftskritik, bleiben die dramatischen sozialen Folgen von Ungleichheit. Denn letztlich arbeitet Cukur ja vor allem daran, notdürftig die Risse zu kitten, die der Kapitalismus verursacht.

»Zuneigung ist das Allerwichtigste«, sagt Cukur einmal. »Die sind nicht dumm, die merken, wenn was gespielt ist.« Antje Drinnenberg gelingt es, das Publikum von dem Trainer und seiner Truppe so zu überzeugen, wie sie selbst überzeugt ist. Und solange sich an der strukturellen Benachteiligung nichts ändert, wünscht man sich, es gäbe wenigstens mehr Menschen wie Ali Cukur.

»Lionhearted« (BRD 2019). Regie: Antje Drinnenberg. Der Film soll am 30. April in die Kinos kommen.