Die Ausstellung der Fotografin Aenne Biermann im Museum Folkwang in Essen

Forschende Fotografin

Die Fotografin Aenne Biermann war Autodidaktin. Ihr freier Umgang mit dem Medium prägte die Entwicklung der künstlerischen Fotografie.

Einige von Aenne Biermanns frühen Fotografien zeigen ihre beiden Kinder Helga und Gerd. Diese Bilder entstanden scheinbar zwang- und anlasslos in ihrer Wohnung im Gera der frühen zwanziger Jahre. Die Zwanglosigkeit der Bilder lässt sie wirken wie die einer Amateurfotografin. Die Anlasslosigkeit, die man ihnen ansieht, zeigt an, dass diese Fotografin aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situ­ation nicht dazu gezwungen war, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Geboren wurde Biermann 1898 in Goch im Rheinland als Tochter eines Lederwarenfabrikanten. 1920 heiratete sie einen Textilhändler und zog nach Thüringen, wo sie 1933 nach einer längeren Krankheit starb.

Einen Ausstellungsbeitrag Biermanns im Museum Folkwang in Essen 1929 bezeichnete ein Rezensent als »Photographie des kleinen Lebens«.

Dieses Zwanglose und nachgerade Amateurhafte prägte die Fotografie der zwanziger Jahre. Es war die Freiheit im Umgang mit einer recht zugänglichen Technik, die gerade der künstlerischen Fotografie Impulse gab. Auch in Aenne Biermanns Werk, dem das Folkwang Museum Essen nun eine umfangreiche Ausstellung widmet, ist dieser freie Umgang deutlich zu sehen, zum Beispiel an den frühen Fotografien, die sie von ihren Kindern gemacht hat. Denn betrachtet man die zunächst für den privaten Gebrauch hergestellten Fotos, die Helga und Gerd beim Baden, Spielen oder Malen zeigen, so wird schnell deutlich, dass sie über einfache Privataufnahmen doch weit hinausgehen. Künstlerische Besonderheiten entwickeln sich nicht selten aus Abweichungen von Genrenormen, sei es nun aus Unwissenheit, Unvermögen oder eben aus Absicht.

Anzeige

Die Mutter mit dem Fotoapparat hätte wohl ebenso wie der gewerbsmäßige Porträtfotograf dem Kind ein Stofftier in die Hand drücken können, um es aussehen zu lassen, wie eben ein Kind auszusehen hat. Die Aufnahmen, die Biermann von ihren Kindern gemacht hat, scheinen sich hingegen an deren Verhalten auf eine forschende Art zu orientieren, statt ihnen nur etwas vorzugeben. Es scheint so, als wollte sie durch die Linse herausfinden, wie Helga und Gerd eigentlich sind. Und so zeigt Biermann ihre Kinder immer wieder in Situationen, in denen sie versunken und mit sich selbst beschäftigt sind, gebeugt mit einem Stift über ein Blatt Papier, mit einer riesigen Tasse vor dem Gesicht oder wie die Hände beider Kinder vertraulich ineinander verschlungen sind.

Es wäre romantisierend und falsch, zu behaupten, Biermann hätte ihre Modelle überhaupt nicht für ihre Aufnahmen in Szene gesetzt. Das Entscheidende aber scheint das Abwarten zu sein: Biermann übte sich in Geduld und wartete, bis die Dinge eine eigene Dynamik entwickelt hatten. Beispielhaft für ihre forschende Herangehensweise ist eine Aufnahme von 1929, die Gerds ausgekippten Tascheninhalt zeigt: Neben einer Trillerpfeife, Murmeln und einer kleinen Kuh aus Holz liegen da auch ein zerknülltes Taschentuch und leeres Bonbonpapier.

Ihre Kinder tauchen oft in ihren Bildern auf: »Kinderhände (Helga)«, von 1928

Bild:
Museum Folkwang, Essen

Biermanns intensive Auseinandersetzung mit der Fotografie führten bald zur Professionalisierung. Dank ihrer Kontakte zur Firma Carl Zeiss, die im nahegelegenen Jena produzierte, verfügte sie stets über die neueste Fototechnik und verfügte in ihrem Atelier über aufwendige Geräte zum Herstellen von Abzügen.

Ein Wendepunkt in Biermanns nur etwa sechs Jahre währender Karriere war ihre Begegnung mit dem Münchner Kunsthistoriker Franz Roh 1928. Roh vertrat die Auffassung, dass die Amateurfotografie für die Entwicklung der Kunstfotografie eine große Chance darstelle. Im Werk der Autodidaktin Biermann, die zu dieser Zeit bereits erste Veröffentlichungen und Ausstellungen vorzuweisen hatte, sah er seine Erwartung bestätigt. In den folgenden Jahren unterstützte er sie immer wieder, empfahl sie für Ausstellungen und fotografische Sammlungen. 1930 schließlich veröffentlichte er eine kleine Monographie mit dem Titel »Aenne Biermann. 60 Fotos«. Es war der zweite Band einer Reihe zur modernen Fotografie, der erste Band widmete sich dem Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy. Indem er die relativ unbekannte Fotografin in einer Reihe mit dem bekannten Künstler veröffentlichte, führte er sie mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln in den Kanon der Kunstfotografie ein.

Bemerkenswert an Biermanns Fotoband ist das moderne Verständnis der Fotografie, das ihn auszeichnet. Die Bilder haben keine direkte symbolische oder dokumentarische Funktion. Stattdessen führen sie ein Eigenleben. Roh hat Biermanns Bilder nicht nach Motiven oder Genres zusammengestellt, sondern nach weit formaleren Aspekten, um so etwa seltsame Gemeinsamkeiten zu zeigen. Gegenübergestellt sind etwa die Aufnahmen zweier am Badestrand liegender Körper und im Aschenbecher verglimmender Zigaretten. Die Bilder ordnen sich in keinerlei Systematik ein, sondern besitzen die Fähigkeit, aus sich heraus etwas zu erzählen und sich gegenseitig zu kommentieren. Einen Ausstellungsbeitrag Biermanns im Museum Folkwang in Essen 1929 bezeichnete ein Rezensent als »Photographie des kleinen Lebens«. Tatsächlich lässt sich in vielen ihrer Bilder große Vielfalt innerhalb einer kleinen und abgeschlossenen Welt beobachten. Bekannt sind ihre Stillleben, die Kristalle, Pflanzen oder Lebensmittel zeigen. Darunter befindet sich die Aufnahme einer halb geschälten Kartoffel. Man sieht in großer Tiefenschärfe die unterschiedlichen Oberflächenstrukturen der Außen- und der Innenseite der Schale, der geriffelten Unterlage, der Klinge und des Holzgriffs des Messers. Die übrige Welt bleibt draußen, zumindest fast, nur Schatten und Licht verraten, dass es noch etwas außerhalb dieser kleinen Szene geben muss.

Es fällt auf, dass unter den Motiven Aenne Biermanns immer wieder einige damals wahrscheinlich kostspielige, exotische Dinge auftauchen: Blutorange, Kokosnuss, Gummibaum und Palme. In ihrem Werk finden sich sowohl bei den Stillleben als auch bei den Porträts vor allem aus der Mitte der zwanziger Jahre deutlich die Stilmittel der Neuen Sachlichkeit, wie etwa eine Dynamisierung der Bilder durch Binnenstrukturen und Perspektiven.

Nach ihrem frühen Tod hinterließ sie mehr als 3 400 beschriftete und nummerierte Negative in unterschiedlichen Größen, die meisten davon auf Glas in größeren Formaten. Nach der Machtübernahme der Nazis floh die jüdische Familie Biermann ins britische Mandatsgebiet Palästina und ließ große Teile des Fotoarchivs zurück, wo sie später im Bombenkrieg zerstört worden sein sollen. Ihr Mann versuchte, einen bedeutenden Teil des Archivs nach Palästina zu holen, dieser wurde allerdings von den Nazis in Triest abgefangen und gilt als verschollen. Erhalten sind so von ihrem ursprünglich gewaltigen Werk lediglich 400 Handabzüge, die in den Sammlungen ihrer zahlreichen Freunde, ihres Förderers Franz Roh sowie in Museen und Institutionen gelandet sind. Heute befinden sich größere Bestände ihrer Bilder in der Bayerischen Staatsgemäldesammlung und im Museum Folkwang in Essen.

Die Ausstellung »Aenne Biermann. Vertrautheit mit den Dingen« im Museum Folkwang in Essen, die bis zum 1. Juni gezeigt werden sollte, ist derzeit geschlossen. Auf der Facebook-Seite des Museum wird an jedem Sonntag ein Bild von Aenne Biermann vorgestellt.