Warum Felix Salten heute eher unbekannt

»Er war ein Sprach-Chamäleon«

Einflussreicher Journalist, mächtiger Kulturkritiker, routinierter Stückeschreiber und engagierter Repräsentant des Judentums: Die Vielseitigkeit Felix Saltens fasziniert Ursula Storch, die Kuratorin der Ausstellung »Im Schatten von Bambi«. Saltens Nachruhm war diese Variabilität wohl eher abträglich.
Interview Von

Die Figur des Bambi ist weltberühmt, Felix Salten dagegen kaum. Wie bekannt ist der Autor der »Lebensgeschichte aus dem Walde« in der Germanistik?

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Ich hoffe doch sehr, dass Salten zumindest in der Germanistik bekannt ist. Immerhin gehört er zur Gruppe Jung-Wien, zu der auch so einflussreiche Autoren wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr zählen. Richtig ist, dass selbst ein belesenes Publikum mit dem Namen Salten oft wenig anzufangen weiß. Wenn man großes Glück hat, wird der Autor eben mit dem Roman »Bambi« oder vielleicht auch mit dem erotischen Roman »Josefine Mutzenbacher» in Verbindung gebracht.

Der Name Salten lässt kaum auf einen Wiener Autor schließen. Warum hat Siegmund Salzmann 1911 seinen Namen in Felix Salten geändert?

Warum er das getan hat, kann ich nicht sagen. Ich würde jedenfalls nicht annehmen, dass ihm Salzmann zu jüdisch geklungen hat, weil er sich immer zum Judentum bekannt hat. Vielleicht war er auf der Suche nach einem einzigartigen Künstlernamen, der international klingt.

Trotzdem verwendete er auch häufig Pseudonyme.

Saltens schriftstellerisches Werk umfasst ganz unterschiedliche Genres, er schrieb Rezensionen, Gesellschaftskolumnen, Operettenlibretti, historische Erzählungen und eben auch Tiergeschichten. Vermutlich war es auch ein Spiel, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken. Als »Sascha« veröffentlichte er eine Reihe von Porträts der gekrönten Häupter Europas, die teilweise so spitz formuliert sind, dass man versteht, dass er den Schutz des Pseudonyms wählte. Wobei ich überzeugt bin, dass viele im Wien der damaligen Zeit wussten, wer dahintersteckte. Die Operettenlibretti schrieb er beispielsweise unter dem Namen Ferdinand Stollberg. Das waren lukrative Auftragsarbeiten. Adele Strauss wollte nach dem Tod ihres Mannes Johann gewisse Operetten noch einmal lancieren und beauftragte Salten, etwas »Fetzigeres« zu schreiben. Das war aber vermutlich nichts, hinter dem Salten hundertprozentig gestanden hätte.

Felix Salten wird auch immer wieder mit pornographischen Texten in Verbindung gebracht.

Seine erotische Erzählung »Albertine« wurde zu Lebzeiten nie publiziert, der Text ist erst jetzt im Nachlass aufgetaucht. Bei dem Roman »Josefine Mutzenbacher« scheint es eher unwahrscheinlich, dass Salten ihn geschrieben hat. Der Text ist 1906 ­anonym publiziert worden. Es hieß damals, dass er entweder von Arthur Schnitzler oder von Felix Salten stamme. Schnitzler hat öffentlich dementiert, der Autor zu sein, Salten hingegen hat zeitlebens mit dieser Zuschreibung gespielt: »Vielleicht war ich’s, vielleicht war ich’s nicht?« Als die »Mutzenbacher« 1968 verfilmt wurde, haben die Nachkommen nachzuweisen versucht, dass das Buch von Salten stammt, um Gelder für die Rechte zu bekommen. Allerdings war es nicht möglich, seine Autorschaft nachzuweisen. Tatsächlich gibt es keinen stichhaltigen Beweis, dass er es geschrieben hätte. Im ­Katalog zur Ausstellung ist ein Text von Murray G. Hall abgedruckt. Er kommt wie schon andere vor ihm zu dem Schluss, dass der Roman weder von Schnitzler noch von Salten stammt, sondern von einem Journalisten namens Ernst Klein. Dieser hat unter verschiedenen Pseudonymen pornographische Literatur ­geschrieben. Es gibt von ihm eine Besprechung der »Mutzenbacher«, die hymnisch ist. Es ist vorstellbar, dass Klein sein eigenes Werk extrem gelobt hat.

Wie würden Sie den typischen Stil Saltens beschreiben?

Von einem Salten-Stil kann man überhaupt nicht sprechen. Salten war ein Sprach-Chamäleon, das alles konnte. Er war sprachlich nahezu genial, weil er sich jedem Genre total anpassen und die verschiedensten Stile schreiben konnte. Er hat ex­trem gut beobachtet, sehr genau formuliert. Seine Feuilletons sind alle scharf beobachtet, präzise, akkurat. Aber wenn man sich dann die Kritiken anschaut, sind sie wieder anders und seine Gesellschaftskritik funk­tioniert nochmal anders. Seine historischen Erzählungen dagegen sind völlig routiniert geschrieben. Der »Wurstelprater« wiederum ist überhaupt ein Stück Literatur für sich. Genauso wie der Roman »Bambi«.

Warum ist ihm gerade mit »Bambi« der Durchbruch gelungen?

Salten scheint mit seinen sprechenden Tieren den Nerv der Zeit getroffen zu haben. Es sind zahlreiche Briefe von Kindern erhalten, die ganz begeistert von dem Roman sind. Die Tiergeschichte hat offensichtlich viele Leser berührt und gelangte durch die Verfilmung zu Weltruhm.

Andere Tiergeschichten von Salten hatten weniger Erfolg?

Salten hat vorher schon »Der Hund von Florenz« geschrieben. Das ist eine Geschichte, in der ein Mensch sich zeitweise in einen Hund verwandelt. Es war sein erstes Buch mit Tierfiguren. »Bambi« wurde dann ungeheuer erfolgreich. Es folgten dann eine Reihe weiterer Bücher ­dieser Machart, weil er sah, dass es dafür einen großen Markt gibt. »Bambi« hat ihm dabei geholfen, ­seinen hohen Lebensstandard und seine ­Reisen zu finanzieren.

Was sagt Felix Saltens Werk über das Wien der Jahrhundertwende aus?

Ob Sigmund Freud, Max Reinhardt, Gustav Klimt oder Arthur Schnitzler – mit allen hatte Salten Kontakt. Man hat sogar den Eindruck, es gibt bei allen diesen Menschen unsichtbare Fäden, die auf Salten ­zulaufen. Weil er in all diesen kulturellen ­Bereichen präsent war – ob in der Literatur, im Theater, im Film oder der Bildenden Kunst –, war er natürlich über 40 Jahre ein Meinungsmacher, der das Bild der Zeit sehr geprägt hat. Er war ein Fixpunkt in der Wiener Szene, kommentierte alles und hatte sozusagen überall seine Finger drin. Da ist es schon faszinierend, dass er trotzdem so unbekannt ist.

Wie erklären Sie sich das?

Das hängt vermutlich damit zusammen, dass er so viele verschiedene Dinge gemacht und für den Markt produziert hat. Was Saltens Theaterstücke oder seine Belletristik angeht, hat er nicht experimentiert oder ­etwas wirklich Neues geschaffen, sondern einen bestehenden Markt bedient. Die Theaterstücke sind ­relativ harmlose kleine Komödien, Verwechslungsgeschichten etwa. Die historischen Erzählungen sind gut gemacht, aber erwartbar. Schnitzler oder von Hofmannsthal hingegen machten Dinge, die neu waren zu der Zeit.

Sein Talent war eher, dass er alles ein bisschen konnte?

Ja. Und dass er sehr genau gespürt hat, was man von ihm erwartet, was gut ankommt, was sich gut verkauft. Das hat er bedient.

Wie äußerten sich seine zionistischen Bestrebungen?

Salten wuchs in einer assimilierten jüdischen Familie auf, in einem mitteleuropäischen kulturellen Kontext, das hat er auch gelebt. Er hat sich immer für das Judentum interessiert, vor allem für die hebräische Bibel. In der Vitrine zu Theodor Herzl in der Ausstellung liegen ­Zettel aus Saltens Memoiren. Er machte sich in den dreißiger Jahren rückblickend Notizen für seine ­Memoiren, die er dann nicht mehr geschrieben hat. Es gibt zwei Blätter, auf denen es um Theodor Herzl geht: Salten hat beschrieben, wie sich die beiden getroffen und über den Zionismus gesprochen haben. Und dass er Herzl gesagt habe, der gelebte Zionismus komme für ihn persönlich nicht in Frage, weil er sich zu sehr in Mitteleuropa be­heimatet fühle. Dennoch bewunderte Salten die Idee Theodor Herzls, vor allem dafür, dass sie eine so umfassende Bewegung geworden war. Salten machte zwar eine Palästina-Reise, aus der das Buch »Neue Menschen auf alter Erde« hervorging, aber das blieb eher ein Reise­bericht und war kein politisches Plädoyer.

Felix Salten hat zu seiner Zeit ­einige Ausstellungen rezensiert – wie würde er wohl diese rezensieren?

Wir haben Felix Salten schon fair präsentiert. Ich glaube, er wäre ­zufrieden.

Felix Salten Autor von Bambi

Felix Salten, vermutlich in seinem Landhaus in Pötzleinsdorf, 1904

Bild:
Wienbibliothek im Rathaus

Felix Salten wurde 1869 in Pest im damaligen Österreich-Ungarn geboren. Er erlangte vor allem durch die Tiergeschichte »Bambi – Eine Lebensgeschichte aus dem Walde« Berühmtheit, war aber auch als Autor zahlreicher Gesellschaftsromane, Reportagen und Theaterstücke bekannt. 1945 verstarb er in Zürich. Anlässlich seines 75. Todestags zeigt das Wien-Museum die Ausstellung »Im Schatten von Bambi. Felix Salten entdeckt die Wiener Moderne«. Leben, Werk und kulturelle Vernetzung dieser schillernden Persönlichkeit, die Wien zwischen 1890 und der Flucht in die Schweiz 1939 wesentlich geprägt hat, stellt die Ausstellung auf Basis seines Nachlasses dar.