Ein Gespräch mit dem ehemaligen Profiboxer Charly Graf

»Antirassistische Arbeit im Boxsport gibt es nicht«

Charly Graf, 1951 als Kind einer weißen deutschen Arbeiterin und eines schwarzen US-Soldaten in Mannheim geboren, wuchs in einer Behelfssiedlung im Stadtteil Waldhof auf. 1969 wurde er Zweiter bei der deutschen Boxmeisterschaft der Junioren im Schwergewicht. Als Profiboxer geriet Graf ins Rotlichtmilieu und saß wegen verschiedener Delikte insgesamt rund zehn Jahre im Gefängnis. Dort schloss er Freundschaft mit dem ehemaligen RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock.
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Oft heißt es, der Boxsport könne sozial integrativ wirken. Sie sind – nicht als Einziger – erst durch Ihren Ruhm als Boxer in kriminelle Kreise geraten. Wo ­liegen die Chancen und Risiken des Boxens?

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Wenn du keinen starken familiären Background hast, ist es sehr, sehr schwierig in einem Umfeld wie dem des Boxens. Wer hat es geschafft seit Henry Maske? Eigentlich keiner. Es gab viele talentierte Jungs, aber als Boxer bist du umzingelt von Profilneurotikern. Ich bin mit 17 Profi geworden und war sehr verunsichert, und in so einem Umfeld ist das tödlich. Ich war von diesen Leuten sehr beeindruckt, den Trainern und Managern und Promotern. Aber dahinter lauert das Nichts, und es war ein langer Prozess, bis ich das herausgefunden habe. Es ist ein schwieriges Umfeld, das ist nicht zu leugnen.

Wie hätte man Sie zu Beginn Ihrer Karriere besser schützen können?

Ich war von Leuten umgeben, die in der Regel mit sich selbst mehr Probleme hatten als ich. Das ist wirklich so. Sie kennen doch diesen Fußballtrainer, Christian Streich? So einen Menschen, kompetent, gebildet, glaubwürdig, hätte ich gebraucht. Aber solche Leute gibt es im Boxsport nicht.

Warum nicht?

Im Boxsport hat immer schon das Rotlicht mitgespielt. Die Geschichten anderer Sportarten waren nicht so, obwohl diese Fußballberater in der Regel auch mit Vorsicht zu genießen sind. Meine Mutter habe ich sehr lieb gehabt, die war auch immer für mich da, aber sie hatte Alkoholprobleme. Sie konnte sich nicht so kümmern. Und diese Leute aus dem Boxen hatten alle mit Rotlicht zu tun – und die waren Vorbilder. Das habe ich nie in Frage gestellt. Die Presse und die Boxmanager haben zusammengearbeitet; wenn man da einen Kampf verloren hatte, wurde man runtergeschrieben, die Verantwortung ab­geschüttelt. Es war so schwer, und ich war nicht in der Lage, mich zu artikulieren. Aus heutiger Sicht muss ich sagen: Das ist zum Scheitern verurteilt gewesen.

»Das Boxen ist noch genauso kriminell wie zu meiner aktiven Zeit, da hat sich nichts geändert.«

Sehen Sie eine Chance auf strukturelle Veränderung?

Das Boxen ist noch genauso kriminell wie zu meiner aktiven Zeit, da hat sich nichts geändert.

Sie sind 1985 aus dem Gefängnis heraus Deutscher Meister ge­worden. Später haben Sie mal beschrieben, dass Sie sich da zum ersten Mal als deutscher Staatsbürger gefühlt haben.

Ich war im Überschwang, die deutsche Meisterschaft geholt zu haben, aus dem Gefängnis noch dazu. Heute fühle ich mich durch und durch als Deutscher. Ich merke auch, je älter ich werde, dass ich sehr an diesem Land hänge. Ich möchte in keinem anderen Land leben. Aber in den fünfziger Jahren war das anders. Die ganze Generation, die sich Auschwitz erdacht hat, war noch in den besten Jahren. Das Schlimme war dies: Es gibt Sportler, die haben irgendwann in der Karriere einen Bruch, dann verändert sich ihr Umfeld. Aber bei mir war es von klein auf so. Ich habe Rassismus als Normalität empfunden. Ich kannte es gar nicht anders, das war der Alltag für mich. Und man sucht dann die Schuld bei sich. Was mache ich falsch? Der Rassismus als Faktor war mir gar nicht so direkt bewusst.

Wann hat sich das geändert?

Es hat lange gedauert. Das war in den siebziger Jahren, als ich im Gefängnis Peter Boock kennengelernt habe. Ich habe angefangen zu lesen, das hat mich weitergebracht. Ich war ja wirklich sehr limitiert, und das ­Lesen hat mir eine neue Welt eröffnet. Von da an wurde ich mir auch meiner Außenwirkung bewusst. Als ich aus dem Gefängnis kam, wusste ich, ich komme aus dieser Geschichte nicht raus, wenn ich hier bleibe. Ich bin dann nach Bayern gegangen.

Warum gerade Bayern?

Ich war schon mal länger da gewesen, bei der Bundeswehr in Sonthofen. Ich hatte in Mannheim die Grundausbildung gemacht und wurde danach nach Sonthofen ins Allgäu abkommandiert. Ich wollte gar nicht da hin, ich war ein Stadtmensch, und Sonthofen hieß für mich Abmarsch nach Sibirien. Und dann kam ich dort an, das war 1973, an der Kaserne. Da hatten die im Allgäu wahrscheinlich noch nie einen Schwarzen gesehen. Die Wachtposten waren Jungs über 60, die wohl noch den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatten, die riefen: Stopp, was machen Sie hier? Ich sagte: Ich muss hier rein, ich bin Soldat. Die sagten: Du, die Amerikaner sind in Memmingen. Ich sagte: Ich bin kein Amerikaner. Wir haben dann diskutiert, ich habe den Ausweis gezeigt, sie waren nicht zu überzeugen. Dann haben sie die Polizei gerufen. Ich saß dann im Allgäu auf irgendeiner Polizeiwache und musste belegen, dass ich deutscher Soldat bin. Diese Wachen waren aber keine böswilligen Rassisten. Die konnten es sich einfach nicht vorstellen, dass ein Farbiger Bundeswehrsoldat ist.

Hat eigentlich die Bürgerrechtsbewegung damals für Sie eine Rolle gespielt?

Klar, Martin Luther King oder Eldridge Cleaver. Ich hatte es als Selbstverständlichkeit angesehen, dass nicht alles perfekt lief bei mir. Ich habe mich später oft gefragt, wenn ich Dokus über den Nationalsozialismus gesehen habe: Dieser Hitler mit seinem Regenmantel, der war ja eine Witzfigur. Wie kann es sein, dass ein ganzes Volk so einem lächerlichen Typen hinterherrennt? Erst in den letzten Jahren ist mir klar geworden, dass so etwas wieder möglich wäre. Ich habe das am eigenen Leib gespürt. Ich habe an Schulen gearbeitet, und mit den Kindern, den Lehrern, den Rektoren hatte ich ein super Verhältnis. Aber mit dem ganzen Umfeld, den Trägern, war es immer problematisch. Obwohl die eine Nähe hatten zur SPD, das kommt noch hinzu.

Wie hat sich das geäußert?

Das war dieser versteckte Rassismus. Die Leute, die in sozialen Organi­sationen sind oder der SPD und den Grünen nahe, die können ihren Rassismus gut verstecken, so sehe ich es heute. Das ist viel schlimmer. Wenn ich bei der AfD bin, weiß ich, es wird schwierig, ich kann es einschätzen. Bei Sozialdemokraten kann ich es weniger. Da habe ich aber am meisten Rassismus gespürt in den letzten 20 Jahren. Mannheim ist ja SPD-Stadt. Mich hatte die GBG engagiert, eine Wohnungsbaugesellschaft, die der SPD nahestand. Die haben sich für meine Arbeit aber überhaupt nicht interessiert. Die waren nur daran interessiert, wie sie sich nach außen verkaufen können. Was ich da erlebt habe, darüber könnte ich noch ein Buch schreiben. Ich würde dagegen zum Beispiel nicht sagen, dass die Funktionäre im Boxen Rassisten sind.

Nicht?

Das war einfach deren Unfähigkeit als Manager und Trainer, die auf mich abgewälzt wurde. Das ging weißen Boxern genauso. Dann wird in der Presse immer wieder negativ über einen berichtet, weil sich negative Nachrichten besser verkaufen. Als ich aus dem Gefängnis Deutscher Meister geworden bin, habe ich das anders gemacht. Ich hatte keinen Manager, ich habe alles selbst gemacht. Und deswegen hat es geklappt.

In dem 2012 erschienenen Dokumentarfilm »Ein deutscher Boxer« sagen Sie: Was ein Sozialarbeiter nicht geschafft hat, hat ein Terrorist geschafft. Sie meinen die Tatsache, dass Peter-Jürgen Boock Ihr Leben verändert hat. Gab es eigentlich Sozialarbeiter, die sich um Sie bemüht haben?

Nein. Die Behörden waren für mich immer der Feind. Meine Mutter lief zum Sozialamt, das hatte was mit dem Alkoholproblem zu tun, denn gearbeitet hat sie immer. 40 Jahre Fabrikarbeiterin. Behörden waren für mich immer der Gegner.

Sozialarbeiter hätten nichts erreichen können, auch wenn sie gewollt hätten?

Das kommt darauf an, in welcher Phase. Ich habe mich das auch schon oft gefragt. Als junger Mensch, mit 17 oder 18 Jahren, wäre es bei mir schon zu spät gewesen. Der Rassismus kam immer aus der bürgerlichen Mitte. Deshalb habe ich mich immer so zu Randfiguren hingezogen gefühlt. Ich habe mit Außenseitern verkehrt. So wurde ich kriminell.

Sie haben erzählt, dass es in Ihrem Viertel untereinander wenig Rassismus und Aggressionen gab, die Abwertung kam aus dem Bürgertum.

Ja, die weißen Kinder aus dem Viertel haben nichts gegen uns gesagt. Die litten genauso, die wurden genauso geschnitten wie wir.

Haben Sie weiter verfolgt, wie es den Kindern aus Ihrem Viertel ergangen ist?

Viele haben es geschafft. Aber von den Kindern, die wie ich aus deutsch-amerikanischen Verhältnissen stammten, kenne ich keinen einzigen aus meiner Generation, der es ­geschafft hat. Heute gibt es viele deutsche Frauen, die mit Afrikanern verheiratet sind. Diese Männer sind aber hier vor Ort, die werden nicht abkommandiert. Ich kenne heute viele schwarze Jungs, die ihren Weg gegangen sind. Aber die aus meiner Gene­ration, die einen amerikanischen Vater haben, der dann irgendwann nicht mehr da war – deren Leben verlief nicht positiv.

Klasse, Rassismus und Abwesenheit des Vaters kamen zusammen?

Meinen Vater kenne ich eigentlich gar nicht. Er war ein paar Mal da, bevor er wieder abgezogen wurde. Ich habe ein kleines Bildchen von ihm, so ein Passbild. Ich habe ihn verflucht, dass er mich alleingelassen hat. Aber man versucht dann immer, in ihm etwas Positives zu sehen. Ich war später durchaus stolz auf ihn. Er kam als Soldat und hat geholfen, Deutschland vom Faschismus zu befreien. So habe ich mir das erzählt.

Sie waren lange als Sozialarbeiter tätig. Was tun Sie heute?

Ich bin in Rente, schon seit fast zwei Jahren. Ich hätte die soziale Arbeit schon gerne über die Rente hinaus gemacht, aber die Stadt war da weniger interessiert.

Gab es denn nicht zumindest aus dem Boxen heraus Versuche, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, für antirassistische Arbeit zum Beispiel?

Antirassistische Arbeit im Boxsport? Nee, das gibt es nicht.