Lee Evans, Weltrekordler und Vorkämpfer gegen Rassismus und Antisemitismus im Sport, ist verstorben

Der lächelnde Revolutionär

Ein Nachruf.

Sich diesen Lauf aus dem Jahr 1968 anzuschauen, ist auch heute noch ein Vergnügen: wie Lee Evans im olympischen 400-Meter-Finale von Mexiko als Erster aus der Kurve kommt, wie es aber doch für einen Moment so wirkt, als sei er geschlagen, und wie dieser unglaubliche Läufer dann noch beschleunigt und mit 43,86 Sekunden einen beeindruckenden Weltrekord erzielte, der erst 20 Jahre später gebrochen wurde. Heute, 53 Jahre später, belegt Evans mit dieser Leistung immer noch Platz 13 der ewigen Weltrangliste.

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Evans hat sich seinen Rekordlauf immer wieder gerne vergegenwärtigt. »Wenn ich schlecht drauf bin, dann denke ich an diesen Tag. Das baut mich wieder auf«, hatte er 2007 einer Nachrichtenagentur gesagt. An jenem Tag, dem 18. Oktober 1968, hatte alles bei ihm gepasst. Nach dem sensationellen Weltrekord ging er gemeinsam mit dem Zweit- und Drittplatzierten, Larry James und Ron Freeman – alle drei gehörten zum Team der USA – zur Siegerehrung. Alle drei trugen schwarze Barette, alle drei reckten die Black-Panther-Faust in die Höhe, und alle drei verließen gutgelaunt das Olympia­stadion von Mexiko-Stadt.

»Der Sieg hatte mit dem zu tun, was mir wichtig war. Schwarzer Stolz und die Sache der sozialen Gerechtigkeit.« 
Lee Evans

Evans, James und Freeman solidarisierten sich mit dieser Geste mit Tommie Smith und John Carlos, den beiden Gold- und Bronzemedaillen­gewinnern des 200-Meter-Sprints, die zwei Tage zuvor für das Sportfoto des Jahrhunderts gesorgt hatten und danach umgehend wie Straftäter außer Landes geschafft worden waren.

Vielleicht waren die gute Laune und das offene Lachen ja auch ein Grund dafür, warum Evans’ Geste nicht dieselbe Berühmtheit erlangte wie diejenige von Smith und Carlos. Evans war damals durchaus dafür kritisiert worden, dass er nicht so militant, so straight, so radikal wirkte. »Evans enttäuschte seine Leute«, konstatierte 1969 Harry Edwards, Sportsoziologe und spiritus rector des Protests.

Zunächst hatte Evans gar nicht antreten wollen; Smith und Carlos überzeugten oder überredeten ihn schließlich doch, jene Bühne zu nutzen, die ihm die Olympischen Spiele boten. Pragmatisch entschied Evans sich allerdings für eine etwas weniger provokante Variante des Protests bei der Siegerehrung, weil er seinen Staffelstart über 4 × 400 Meter nicht gefährden wollte. Zwei Tage später liefen er, James, Freeman und Vince Matthews einen ähnlich sensationellen Weltrekord wie Evans im Solorennen: Ihre Zeit von 2:56,16 Minuten wurde erst 24 Jahre später unterboten. Die Rekorde zeigen, welch unglaublich starke Läufergeneration damals für die USA angetreten war und warum diese schwarzen Athleten zu Recht den Moment gekommen sahen, angesichts der großen öffentlichen Aufmerksamkeit für ihre Leistungen für die Rechte und Interessen der Schwarzen in den USA einzutreten.

Die Athleten rund um Evans und den Soziologen Edwards hatten 1967 erste Gespräche darüber geführt, ein »Olympic Project for Human Rights« (OPHR) zu gründen und einen Boykott der Spiele 1968 durch die schwarzen US-Athleten zu organisieren. Vorausgegangen war eine Revolte am San José College in Kalifornien, wo Edwards lehrte und Evans mit einem Fulbright-Stipendium Soziologie studierte. Dass Tommie Smith in einem Interview mit einer japanischen Zeitung die Möglichkeit eines Boykotts angedeutet hatte, hatte sofort für enorme Empörung in der US-amerikanischen Sport­öffentlichkeit gesorgt. »Die Sportjournalisten hassten uns«, sagte Evans später. Aber es sorgte für Dynamik bei den boykottwilligen Sportlern.

Ihre Forderungen: Erstens, dem Profiboxer Muhammad Ali muss sein WM-Titel zurückgegeben werden (dieser war ihm wegen seiner Weigerung aberkannt worden, einer Einberufung, die ihn vermutlich in den Vietnamkrieg geführt hätte, zu folgen). Zweitens: »Entfernung der ­antisemitischen und anti-schwarzen Persönlichkeit Avery Brundage« aus dem Internationalen Olympischen Komitee, dessen Präsident der US-Amerikaner Brundage war. Drittens: Ausschluss der Apartheid-Staaten Südafrika und Rhodesien aus dem internationalen Sport. Viertens: Mehr schwarze Trainer in der US-Leichtathletik, und zwar mit verbindlichen Quoten.

Es gab noch einige weitere Forderungen, darunter ein Boykott des als rassistisch geltenden New York Athletic Club, eines der führenden Leichtathletikclubs in den USA. Der Verein nahm keine Schwarzen auf und nur eine »symbolische Anzahl« Juden, wie der Historiker Douglas Hartmann in seiner Studie »Race, Culture and the Revolt of the Black Athlete« schreibt.

Die OPHR-Bewegung unterstützten zum Beispiel der Bürgerrechtler Martin Luther King und »kommunistische und neutrale Nationen«, wie Edwards es formulierte, und sie verzeichnete Erfolge. Der New York Athletic Club scheiterte mit der Ausrichtung einer eigenen Veranstaltung, weil sich weltweit zu viele Sportler am Boykott beteiligt hatten, und Südafrika wurde von den Olympischen Spielen ausgeladen. Gerade die erfolgreiche Ausladung »raubte dem OPHR seinen wichtigsten und zwingendsten Grund, die Spiele zu boykottieren«, schreibt Hartmann.

Evans berichtete später in einem Interview, das er dem linken Sportjournalisten Dave Zirin gab, dass er insgeheim immer gehofft habe, dass es nicht zu einem Boykott käme. »Wir wussten alle, dass wir in Mexiko laufen würden. Wenn es hart auf hart kommt, werden wir dort sein.«

Die Mehrheit für einen Boykott wurde bei der entsprechenden Abstimmung der Sportler prompt verfehlt. Und Evans reiste mit den anderen Kollegen des US-amerikanischen Teams nach Mexiko – als Medaillenfavorit, denn der erst 21jährige galt als läuferisches Wunderkind. Schon als Studienanfänger 1966 wurde er sofort US-amerikanischer Meister im Sprint über 400 Meter. Politisiert wurde er auch etwa zu dieser Zeit. Bei einem Leichtathletikwettbewerb in London 1966 luden ihn schwarze Südafrikaner in ihr Hotel ein. »Es war ein Treffen des südafrikanischen ­Widerstands. Sie sprachen Gebete für zwei Brüder, die in dieser Woche ­getötet worden waren, und ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass sich dort unten ein Krieg abspielte«, berichtete Evans 2004 in einem ­anderen Interview.

Die Politisierung machte aus ihm eine zentrale Person für die black revolt im Sport. Das erklärt vielleicht auch, dass Evans sich nach der 400-Meter-Siegerehrung Kritik einfing, er sei nicht militant genug gewesen. Dabei erhielt Evans, wie auch Smith und Carlos und andere US-Spitzenathleten, darunter die Weitspringer Bob Beamon und Ralph Boston, nach seiner Rückkehr in die USA ernstzunehmende Todesdrohungen. Dass er mutig für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eintrat, daran hat Evans schließlich genauso wenig Zweifel gelassen wie daran, dass er seinen Sport liebte. »Der Sieg hatte mit dem zu tun, was mir wichtig war«, sagte Evans später. »Schwarzer Stolz und die Sache der sozialen Gerechtigkeit.«

Anders als Smith und Carlos wurde Evans nicht aus dem Sport verbannt. 1972 gehörte er noch zu den Läufern der 4 × 400-Meter-Staffel; weil aber die Gold- und Silbermedaillengewinner im Einzelrennen, Evans’ 68er Staffelpartner Vince Matthews und Wayne Collett, auch in München die Siegerehrung zum Protest genutzt hatten, wurden sie vom Internationalen Olympischen Komitee gesperrt, so dass die US-Staffel plötzlich ohne Läufer dastand und nicht antreten konnte.

Sein Freund Ron Davis berichtete später, dass Evans 1972 auch ein sehr lukratives Angebot erhalten hatte, Südafrika zu besuchen. So wollte das Apartheidregime die Kampagne vieler amerikanischer und afrikanischer Sportler schwächen, die Rho­desien aus der Olympischen Bewegung drängen wollten. Evans lehnte das Angebot selbstverständlich ab.

Für Evans bedeutete das Jahr 1972 das vorläufige Ende des Amateursports. Damals gab es Versuche, aus der Leichtathletik einen Berufssport zu machen. Er heuerte bei der eigens dafür gegründeten International Track Association (ITA) an, aber das Experiment ging nicht lange gut. Evans ließ sich 1976 reamateurisieren und lief noch eine Weile. Nach seiner aktiven Karriere wurde Evans Trainer mit Stationen in aller Welt, in Katar, Saudi-Arabien und in vielen ­afrikanischen Ländern. Am längsten hielt er sich in Nigeria auf, wo er 1979 zum »Trainer des Jahres« gewählt wurde. 1984 in Los Angeles führte er die nigerianische 4 × 400-Meter-Staffel zur olympischen Bronzemedaille. Hier kam wieder sein politisches Verständnis der Leichtathletik durch: dass alle Menschen in allen Ländern die Chance haben müssen, ihr sportliches Talent zu entwickeln.

Am 19. Mai ist Lee Evans 74jährig in einem Krankenhaus in Lagos, Nigeria, an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Es war sein Wunsch, in ­Nigeria beerdigt zu werden.