Die Kopenhagen-Trilogie der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen ist auf Deutsch erschienen

Was Gift und Ehe gemein haben

Die literarischen Erinnerungen der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen sind erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt worden. Die Autorin gilt als Vorreiterin der Autofiktion und beschönigte ihr Leben in ihren Texten nicht.

Widmet man sich der dreiteiligen Kopenhagen-Trilogie der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen, wird einem beim Lesen der ersten beiden Bände »Kindheit« und »Jugend« zunächst nicht bewusst, wie rasch sich die Geschehnisse samt ihrer unbarmher­zigen Sprache intensivieren, so dass es einen bei »Abhängigkeit«, dem letzten Band der Trilogie, kalt erwischt und teilweise fast schon Schmerzen bereitet, die Erzählerin auf der Reise durch ihre zutiefst kaputte Ehe und starke Drogen- und Tablettensucht zu begleiten.

Ditlevsen beschreibt ihre Medikamentenabhängigkeit und ihre missbräuchlichen Beziehungen ohne Rücksicht auf sich selbst, beschönigt nichts, sondern schildert unzweideutig all das Elend, in das sie geraten ist.

Als Tove Ditlevsen begann, ihre zwischen 1967 und 1971 erstmals erschienenen Erinnerungen zu Papier zu bringen, war sie über 40 Jahre alt und hatte bereits mehrere Aufenthalte in Entzugskliniken und missbräuchliche Liebesbeziehungen hinter sich. In 34 Jahren veröffentlichte Tove Ditlevsen insgesamt zwölf Werke, darunter vier Romane, einen Gedichtband, einen Essayband und drei Novellensammlungen. 1917 geboren, gilt sie als Vorreiterin der Autofiktion, ist sie doch eine der ersten, die Autobiographisches mit Fiktion verbanden und zu einer eigenen Gattung werden ließen. Die Lektüre der Kopenhagen-Trilogie erinnert besonders im letzten Teil mit ihren Themen Depression, Sucht und Missbrauch an so wichtige Bücher wie »Die Glasglocke« von Sylvia Plath oder »Die gelbe Tapete« von Charlotte Perkins Gilman, in ­denen es, teils eben auch biographisch motiviert, um Frauen geht, die an ­einer Depression leiden, die Texte selber aber im engeren Sinne nicht autobiographisch sind.

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Das Interessante an Ditlevsens Stil ist ihr Changieren zwischen vermeintlicher Banalität, Poesie und präziser Beschreibung gesellschaft­licher Umstände. Im ersten Band »Kindheit« gehen Reflexionen ihres kindlichen Innenlebens einher mit Darstellungen von beengten Wohn- und Lebensverhältnissen, die ihrer Herkunft geschuldet sind. Ditlevsen wuchs im ärmlichen Arbeiterviertel Vesterbro in Kopenhagen auf und musste ihre Liebe zur Literatur und ihren bereits in jungen Jahren stark ausgeprägten Drang zum Schreiben vor ihren Eltern verteidigen, die diesen Träumen in der harten Welt aus körperlicher Arbeit und drohender Arbeitslosigkeit nichts abgewinnen konnten. Die Erinnerungen der Erzählerin sind geprägt von der Angst, nicht zu genügen und nicht geliebt zu werden: »Ich bin knapp sechs Jahre alt und werde bald eingeschult, weil ich schon lesen und schreiben kann. Das erzählt meine Mutter stolz jedem, der ihr noch ­zuhört. Sie sagt: ›Auch Kinder armer Leute können Grips haben.‹ Also mag sie mich vielleicht doch? Mein Verhältnis zu ihr ist eng, qualvoll und unsicher, und nach Zeichen von Liebe muss ich immer suchen.«

Einprägsam sind ebenfalls ihre teils metaphernreichen Überlegungen, wie etwa über den Begriff der Kindheit, der durch ihre Sprache etwas Stoffliches erlangt: »Alle Menschen mögen meinen Bruder, und ich denke oft, dass seine Kindheit besser zu ihm passt als meine zu mir. Er hat eine maßgeschneiderte Kindheit, die sich seinem Wachstum harmonisch angleicht, während meine für ein ganz anderes Mädchen entworfen wurde. Wenn ich mir solche Gedanken mache, wird meine Maske noch dümmer, denn über diese Dinge kann man mit niemanden sprechen, und ich träume immer davon, einen geheimnisvollen Menschen zu treffen, der mir zuhört und mich versteht. Ich weiß aus Büchern, dass es solche Menschen gibt, aber kein einziger davon lebt in der Straße meiner Kindheit.«

Der zweite Band »Jugend« beschreibt Ditlevsens erste Kontakte mit einem Verleger, der ihr von ihrem Bruder Edvin vermittelt wurde. Sie veröffentlichte ihre ersten Gedichte in Zeitschriften und ging eine kurze Ehe mit dem viel älteren Heraus­geber Viggo F. Møller ein. »Jugend« endet mit der Publikation ihres ersten abgeschlossenen Gedichtbandes in einem Verlag.

Mit ihrem zweiten Ehemann Ebbe Munk teilte Tove Ditlevsen die Leidenschaft zur Literatur. Dennoch war ihr Zusammensein geprägt von Konflikten, um die es auch im dritten Band geht. Inhaltlich unterscheidet sich der letzte Band »Abhängigkeit«, der auf Deutsch unter dem Titel »Sucht« und in anderer Übersetzung bereits 1980 erstmals erschien, maßgeblich von den beiden Vorgängerbänden, was sich auch in dem gänzlich anders gearteten Titel widerspiegelt. In einem Interview über die Neu- beziehungsweise (im Fall von Band eins und zwei) Erstübersetzung der Kopenhagen-Trilogie betonte die Übersetzerin Ursel Allenstein die Doppeldeutigkeit des dänischen Originaltitels »Gift«, der sowohl »verheiratet« als auch »Gift« bedeutet.

Der letzte Band, mit seiner Radikalität und dem verstörenden Fortgang der Ereignisse, erzeugt eine beklemmende Atmosphäre. Im Mittelpunkt steht Tove Ditlevsens Abhängigkeit von verschiedenen verschreibungspflichtigen Schmerz- und Schlafmitteln, die sie von ihrem dritten Ehemann Carl T. Ryberg, einem Arzt, verabreicht bekam. In ihrer fünfjährigen Ehe wird sie von ihm physisch und psychisch missbraucht und vergewaltigt. Mehrfach setzt er sie vor dem Geschlechtsakt unter Drogen, und er setzt die Medikamente als ­Erpressungsmittel ein: »Doch ich brauchte Carl gegenüber nur zu erwähnen, dass ich vorhatte, Ebbe zu besuchen, schon holte er die Spritze hervor und schlief auf seine grobe und lieblose Art mit mir. ›Ich liebe passive Frauen‹, sagte er.«

Am Ende schafft es Ditlevsen kaum noch, sich auf den Beinen zu halten und ihre Kinder zu versorgen. Am Ende ihrer Aufzeichnungen ist klar, dass sie niemals mehr ganz von den Drogen loskommen wird, und auch in ihrer vierten und letzten Ehe mit Victor Andreasen wird sie rückfällig und findet Mittel und Wege, sich Pethidin und Methadontabletten zu beschaffen.

Ditlevsen beschreibt diese Vorgänge ohne Rücksicht auf sich selbst, beschönigt nichts, sondern schildert unzweideutig all das Elend, in das sie geraten ist. Dabei blitzt immer wieder leiser Humor auf, wenn sie liebevoll von einzelnen wichtigen Personen in ihrem Leben und von der Literatur spricht. Die Drogen zerstörten zumeist auch ihren Willen zum Schreiben, dabei war das Schrei­ben eigentlich die einzige Tätigkeit, bei der sie ganz bei sich war: »Ich sage, dass ich keinen Liebhaber gebrauchen kann, denn wenn mein ­Leben wieder so chaotisch und kompliziert wird wie schon einmal, kann ich nicht in Ruhe arbeiten. Und mir wird immer stärker bewusst, dass ich zu nichts anderem tauge und von nichts anderem leidenschaftlich erfüllt werde, als Worte aneinander­zureihen, Sätze zu bilden und einfache, vierzeilige Verse zu schreiben.«

Ditlevsen schrieb die Trilogie während eines längeren Aufenthaltes in einer Psychiatrie und bat bei ihrer Einweisung inständig darum, ihre Schreibmaschine mitnehmen zu dürfen. Ihre Herangehensweise an die eigene Biographie war im Dänemark der sechziger Jahre eine Novität und stellte eine Sensation dar. Sie war bereits zu Lebzeiten eine berühmte Schriftstellerin und gewann mehrere Preise.

Im Jahr 1976 beging sie mit einer Überdosis Schlaftabletten Selbstmord. Die letzten Sätze von »Abhängigkeit« mit diesem Wissen zu lesen, ist bitter: »Ich war von meiner jahrelangen Abhängigkeit geheilt, aber noch heute erwacht die alte Sehnsucht manchmal ganz leise in mir, wenn ich mir Blut abnehmen lasse oder an einer Apotheke vorbeigehe. Sie stirbt nie ganz, solange ich lebe.«

Tove Ditlevsen: Kindheit / Jugend / Ab­hängigkeit. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau-Verlag, Berlin 2021, 118 / 154 / 176 Seiten, jeweils 18 Euro