Der Wintersport in Tirol als Treiber der Pandemie

Clans à la Tirol

Über die fatalen Folgen des Wintersports in Tirol wurde lange geschwiegen. Im vorigen Jahr trugen die landestypischen Kungeleien allerdings zur Verbreitung von Covid-19 in Europa bei.

Nach Angaben des Robert-Koch-In­stituts sind in Deutschland bislang über 93700 Menschen an Covid-19 verstorben. Auf das Infektionsgeschehen hierzulande hatte einer Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel zufolge keine andere Region derart viel Einfluss wie Tirol und speziell der österreichische Wintersportort Ischgl.

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Menschen aus über 50 Nationen infizierten sich Anfang 2020 im »Ibiza der Alpen« mit dem neuartigen Coronavirus und trugen es in ihre Herkunftsländer. Wie viele Erkrankungen, schwere Erkrankungen und Todesfälle weltweit auf das Konto der Tiroler Tourismusindus­trie gehen, wird noch zu erforschen sein, aber eines kann man schon heute sagen: Neben der chinesischen Regierung, die den Ausbruch von Covid-19 zunächst zu verschleiern suchte und dann zwar strenge Quarantänemaßnahmen ergriff, aber das erst, nachdem sie infizierte Ausländer hatte ausreisen lassen, hat niemand so sehr zur pandemischen Situation beigetragen wie das Tiroler Dorf.

Derzeit laufen die ersten von Tausenden Zivilklagen von an Covid-19 Erkrankten oder deren Hinterbliebenen gegen die Republik Österreich sowie das Land Tirol.

Die ersten Märztage 2020: Dorothee von Laer, Professorin für Virologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, schreibt dringliche E-Mails an die politisch Verantwortlichen in Land und Bund. Sie warnt vor den Gesundheitsgefahren durch Sars-CoV-2 in den Tiroler Skigebieten, vor allem in Ischgl. Ihre E-Mails bleiben unbeantwortet.

Derweil behauptet die Tiroler Landessanitätsdirektion, die ersten bekannt gewordenen Covid-19-Fälle in Ischgl hätten nichts mit dem dortigen Partyleben und den Liftgondeln zu tun, in denen die Skifahrer Schulter an Schulter stehen, eingeschlossen in einer kleinen Kabine. Als Island meldet, mehrere seiner Bürger hätten sich in Ischgl infiziert, kontert dasselbe Landesssanitätsamt, diese Isländer hätten sich wohl eher im Flugzeug angesteckt. Das exzessive Feiern in Bars, die so vielsagende Namen wie »Kuhstall« oder »Kitzloch« tragen, sei sicher, lügen die Bürokraten.

Am 1. März 2020 wird der erste Fall offiziell gemeldet. Danach dauert es fast zwei Wochen, bis die Bundesregierung in Österreich nicht mehr anders kann, als zu handeln. Am 13. März 2020 verkündet Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) eine Quarantäne über Ischgl und das Paznauntal. Direkt danach filmen Nachrichtensender, die bereits aus einigen Staaten angereist sind, eine schier endlose Kolonne schwarzer Limousinen, die sich aus dem Tal schlängelt. Es sind ausländische Touristen, die Hoteliers trotz der Quarantäne zum Flughafen chauffieren. Die Polizei greift nicht ein, sondern regelt den Verkehr. Die Bilder erinnern an die letzte Szene aus Roman Polanskis »Tanz der Vampire«. Danach geht in ganz Europa und darüber hinaus das große Siechen und Sterben los.

Derzeit laufen die ersten von Tausenden Zivilklagen gegen die Republik Österreich sowie das Land Tirol. Menschen, die an Covid-19 schwer erkrankten oder deren Angehörige nach einer Covid-19-Erkrankung starben, werfen den österreichischen Behörden Versagen vor. Viele Betroffene werden vom Wiener Verbraucherschutzverein vertreten. Der hatte auf eine außergerichtliche Einigung gedrängt, aber die Republik Österreich will es darauf ankommen lassen und prozessiert. Wenn dieser Text erscheint, ist das erste Urteil bereits ergangen, allerdings schriftlich, über seinen Inhalt ist also noch nichts bekannt.

Wer Tirol kennt, wundert sich nicht über das Desaster. Tirol ist eine Art kleineres Super-Bayern. Die christsoziale ÖVP regiert seit 1945 und der parteipolitische Filz ist bis in jede Ritze der Gesellschaft vorgedrungen. Die katholische Führungsschicht des Landes gibt sich gerne tolerant und weltoffen, macht auch ein bisschen in Kultur und lässt sogar ein paar kritische Menschen in kleinen Nischen existieren. Sobald aber jemand dem Goldesel des Landes, dem Tourismus, zu nahe kommt, gibt es zunächst einen Warnschuss, vielleicht ein ernstes Gespräch mit dem Bürgermeister. Wer es dann noch immer nicht verstanden hat, packt am besten rasch seine Koffer, so er nicht mit ständigem Drangsal seitens der Behörden, Psychoterror durch die Dorfgemeinschaft und Schlimmerem leben will. Ein Bauer aus der Nähe von Innsbruck, der seinem Bruder im Zuge eines Streits um den Verkauf weiterer Flächen für neue Hotelbauten gedroht hatte, er werde ihm »den Kopf abreißen«, sitzt seit 20 Jahren in einem Gefängnis für psychisch kranke Straftäter.

In den sechziger Jahren entdeckten schlaue Tiroler Bauern gleichzeitig mit ihren Kollegen auf Ibiza, Mallorca und den griechischen Inseln, dass die sonst so reserviert wirkenden deutschen Touristen plötzlich mit Geldscheinen um sich warfen, sobald man ihnen Alkohol einflößte und ihnen vorgaukelte, sie wären nicht bloß zahlende Gäste, sondern Freunde. Die schlauesten der schlauen Bauern kauften allen Grund, der zu haben war, und klotzten dort luxu­riöse Hotels hin. Auf den Berghängen wuchsen die Stützpfeiler der Skilifte wie Pilze aus dem Boden und wo sich die Natur nicht gefügig zeigte, griff man zu roher Gewalt. Ganze Berggipfel wurden gesprengt, um Platz für neue Pisten zu schaffen. Immer mehr Schneekanonen sorgten dafür, dass der Skispaß trotz Klimawandels weiterging – und das Trinkwasser in immer mehr Gemeinden verseucht wurde.

Niemand konnte oder wollte den sogenannten »Skikaisern« Einhalt gebieten, denn fast das ganze Land Tirol war alsbald vom Tourismus abhängig, und ergaben sich irgendwelche juristischen Probleme, schaffte man sie mit einem Anruf aus der Welt. Schließlich war man miteinander verwandt. Tirols Tourismus wird, auf­geteilt nach Tälern, von jeweils einer Handvoll Familien beherrscht. Diese heirateten dann untereinander und so kam schließlich ein wunderbar einheitliches System heraus, das mit Kritik von außen nicht umgehen kann, weil es so etwas wie Kritik von innen nie erlebt.

Die Sache läuft in diesen ehemaligen Bauernfamilien, die nun Multimillionärsclans sind, so: Der geschäftstüchtigste Sohn übernimmt den Betrieb, ein weiterer geht in die Politik, der nächste wird Rechtsanwalt oder Richter und am Ende vielleicht noch einer Polizist. Mit gegenseitiger Hilfe und Unterstützung befreundeter oder verschwägerter Familien steigt ein jeder in seinem Bereich auf, bis die Familie praktisch über dem Gesetz steht. Massenpsychologisch abgesichert wird die Herrschaft dieser Clans durch eine, was für ein Tourismusland ironisch ist, extreme Xenophobie, die sich unter anderem in dem Spruch »bischt a Tiroler, bischt a Mensch« ausdrückt, aus dem man leicht schließen kann, wofür Tiroler Fremde halten.

Fremde, also außerhalb Tirols geborene Menschen, sind in Tirol nur für zwei Aufgaben gut: als Touristen den Tirolern einen Haufen Geld zu geben oder als extrem ausgebeutete Arbeiterinnen oder Arbeiter den Laden am Laufen zu halten. Für Letzteres greift man gerne auf Menschen aus den Elendsgebieten Europas zurück. Seit dieses Reservoir unter anderem wegen Corona zu versiegen droht, lobbyiert die Hoteliersmafia bei der Wiener Zentralregierung, sie möge doch den Druck auf Arbeitslose so weit erhöhen, bis die gelernte Physikerin ihren Dienst als Zimmermädchen antritt – für 1 400 Euro netto bei einer Siebentagewoche und 15-Stunden-Tagen. Die Arbeitsbedingungen sind dergestalt, dass sich jedes Jahr einige derjenigen, die hinter den Kulissen schuften, das Leben nehmen. Aber das ist nicht so schlimm, denn sie waren ja keine Tiroler und demnach auch keine echten Menschen.