Das Comeback des Crazy Frog

Fährt ein Frosch durch die Wüste

Auch derangierte Amphibien ergreift das herrschende Lebensgefühl – einerseits Cyberspace, andererseits Nostalgie –, wie man im Fall des Crazy Frog, der kürzlich sein Comeback feierte, außerordentlich gut sehen kann.

Dass in der vergangenheitsfixierten Gegenwart potentiell jede Episode der Popgeschichte Gegenstand der Fetischisierung werden kann, bezeugt derzeit das sich noch immer hartnäckig haltende Revival der neunziger und frühen nuller Jahre, das mit seinen billig anmutenden Referenzen an das frühe Internet und den Love-Parade-Outfits so manchen elder millenial irritiert. Irgendwo zwischen Tribal-Tattoos und Buffalo-Boots feiert nun auch der Crazy Frog sein Revival, jene leicht lädierte Animationsfigur, die für Klingeltöne Werbung machte und sich zu Beginn des Jahrtausends mit einem einprägsamen »Rring ding ding baa baa« in das kollektive Gedächtnis einbrannte. Ob die nervige Kreatur, von der man das letzte Mal 2007 etwas gehört hatte und die im vergangenen Dezember nun wieder in einem neuen Musikvideo auftauchte, nicht besser im »Mülleimer der Geschichte« aufgehoben wäre, den Simon Reynolds der »Retromanie« gegenwärtiger Popkultur empfiehlt, sei dahingestellt.

Einen bekloppten Frosch einer bekloppten Welt vorzuziehen, erscheint besonders Ende des Jahres 2021 erst einmal durchaus nachvollziehbar. Davon abgesehen ist bereits die simple wie geniale Erfolgsgeschichte des Froschs durchaus interessant: Ende der neunziger Jahre imitierte ein 17jähriger schwedischer Teenager das Moped eines Freundes (genauer, den Klang eines Zweitaktmotors) und lud die Sounddatei in ein Chatforum, woraufhin ein Fachangestellter für Computerhardware mittels damals brandaktueller Animationssoftware einen ­passenden amphibienähnlichen Ava­tar in Motorradkluft gestaltet, der anschließend unter dem Namen The Annoying Thing das Netz unsicher machte. Verschiedene Mobilfunkanbieter zeigten bald Interesse an der Lizenz für die mittlerweile in Crazy Frog umbenannte Figur deren Gequake durch eine penetrante Marketingstrategie zu einem der meist­verkauftesten Klingeltöne der Welt avancierte. In Nachbarschaft zu dem besoffenen Elch und tanzenden Kakerlaken lief der Crazy Frog zu dieser Zeit in den Werbepausen der Musiksender Viva und MTV in heavy rotation.

Anhand des Froschs lässt sich somit heute auch die Geschichte von dem Ableben alter Distributionsformen des Populären in Deutschland erzählen: Einst Flaggschiffe der Popkultur, gingen die Musiksender Anfang der nuller Jahre endgültig in ei­ne Phase über, die rückblickend weniger prägnante Erinnerungen an Popmusik als an Klingeltöne hinterließ; einem damals extrem populären »Genre« mit eigenen Charts, das einen Popsong auf eine simple Einheit runterschrumpfte, die mit dem Original oft nur noch mit viel Phantasie etwas zu tun hatten.

Der Siegeszug des Crazy Frog machte jedoch auch vor den konventionellen Popmusik-Charts keinen Halt, wo die Single »Crazy Frog – Axel F« 2005 selbst Coldplay von der britischen Spitzenposition drängte. Im Video schwebt der Frosch mit seinem unsichtbaren Gefährt durch ei­ne dürftig animierte Großstadt und ergänzt das ohrwurmtaugliche »Beverly Hills Cop«-Thema, hier in ­einer Dance-Version des deutschen Duos Bass Bumpers, mit infantilem Gequake. Gatekeeper der in England traditionell gehobeneren musikalischen Unterhaltung riefen daraufhin den Untergang des popkulturellen Abendlands aus. In der hitzigen Diskussion, ob es sich bei dem Phänomen eher um musikalisches Souterrain oder gar den Bodensatz der U-Kultur handelt, geriet allerdings ein wenig die Hauptzielgruppe aus den Augen; schließlich wird der Musikmarkt für Kinder seit jeher von singenden Maskottchen (etwa den Chipmunks oder den Muppets) bevölkert, die mit ihrem Camp- oder Ironiepotential dann auch Erwachsene verzaubern.

Crazy Frog fällt genretechnisch zudem in das Segment des novelty song. Der gelungene Gag in Musikform zeichnet sich laut Poptheoretiker Simon Frith durch eine originelle Idee sowie eine langanhaltende Popularität aus und bewegt sich durch eine Verballhornung populärer Klassiker oft an der Grenze zur Comedy. Historisch reichen diese Ulkplatten vom »Monster Mash« (1962) über die Singles von Monty Python in den Siebzigern bis zum 2002 von Las Ketchup veröffentlichten »The Ketchup Song (Aserejé)« (dessen Text eine sehr freie phonetische Übersetzung der Lyrics von »Rapper’s Delight« der Sugarhill Gang ist) oder einem weiteren Wasserbewohner, mit dessen Hilfe sich Deutschland im Jahr 2004 erneut als Exportweltmeister der Herzen wähnen konnte: »Schnappi, das kleine Krokodil«. Das Reptil entsprach aber dennoch wohl nicht so ganz dem, was sich die damaligen Verfechter einer unverkrampften Deutschquote fürs Radio unter nationaler Imagepflege vorstellten. Es lud nicht nur zu unzähligen parodistischen Remixen ein (etwa »Schlappi, das kleine Drogodil«, »Schnapsi, das kleine Alkodil« oder dem von Elmar Brandt für die »Gerd-Show« produzierten »Schri-Schra-Schrödi«), sondern wurde auch ein internationaler Hit. Vom deutschsprachigen Feuilleton wurde besonders die neue Distributionsform des »elektronischen Kettenbriefs« (Süddeutsche Zeitung) hervorgehoben, da sich der Song zunächst vor allem über E-Mail-Verteiler und Chatforen verbreitete, bis die 2005 gegründete Plattform Youtube zur Popularisierung des Phänomens beitrug.

Ähnlich wie der Crazy Frog steht auch Schnappi paradigmatisch für einen unschuldigen Umgang mit den technischen Möglichkeiten des Internets, also für die Verbreitung von lustigem Nonsens. Dass es dabei bleiben würde, war natürlich von Anfang an eine illusorische Annahme, was vor nicht allzu langer Zeit erneut durch den bösen Zwillingsfrosch Pepe the Frog mehr als deutlich wurde, der als Meme im Kulturkampf der Alt Right eine zentrale Rolle spielt.

Dass es kompliziert bleibt, macht auch die jüngste Eskapade des Crazy Frog mit dem vielsagenden Titel »Tricky« deutlich. Zunächst scheint im Clip aber vieles beim Alten: Crazy Frog flieht vor wütenden Androiden, es gibt eine kleine Tanzeinlage, die zum Reenactment beim nächsten Kindergeburtstag einlädt, am Ende fliegt irgendetwas in die Luft und der Protagonist entkommt durch Zufall. Im bewährten Erfolgsrezept aus Immergleichem und aktueller Zutat bildet die musikalische Untermalung ein Mashup aus dem von Rick Rubin produzierten Run-DMC-Klassiker »It’s Tricky« und einem zeitgenössischen Blackpool-Grime-Track der mittlerweile 21jährigen Millie B. Beide Beats, die hier die kleinen Froschbeinchen ganz von alleine zu bewegen scheinen, wurden 2020 auf Tik Tok zum Trend, dem Habitat für musikalische und sonstige Gimmicks, das ähnlich wie der Frosch das Zufällige, Nervige und Spektakuläre zelebriert.

An dieser Stelle könnte man eigentlich enden – schließlich muss man ja nicht in alle Gefilde herabsteigen, die einem das Internet so anbietet; wäre da nicht eine prägnante und durchaus diskussionswürdige Leerstelle zwischen den Froschschenkelchen: Der Pimmel, eigentlich zentrales Feature der Figur, wurde entgegen der Vorankündigung auf Twitter für das neue Video entfernt. Eventuell war der Produktionsfirma die Mischung aus Unten-ohne, Lederjacke und den zwei unterschiedlich großen Pupillen der Figur dann doch etwas zu riskant. Die Entscheidung verwundert trotzdem, schließlich ist die infantile Hosenlosigkeit beim Crazy Frog nie ernsthaft obszön gewesen. Man sieht eben nur das Pimmelchen einer Cartoonfigur und kein realistisch anmutendes Geschlechtsteil. Eigentlich sollte das zumutbar sein, zumal außerdem ohnehin ein ungleich größerer Phallus im Bild erscheint: Crazy Frog lenkt sein unsichtbares Gefährt diesmal nämlich in Richtung eines in einer Wüste gelegenen Weltraumbahnhofs, dessen startbereite Rakete ­den schönen Namen SpaceY trägt. Hier wird »space travel for the ultra-rich« ange­boten.

Das ganze Setting lehnt sich natürlich stark an Tesla und die Pläne von dessen CEO Elon Musk an, der mit seinen übergeschnappt klingenden und von kindlichem Größenwahn zeugenden Projekten, etwa der Gigafactory und des Weltraumtourismus (übrigens unter dem Namen SpaceX) stark an den Crazy Frog erinnert. Teslas europäischer Standort, der mittlerweile die märkische Grünheide um Cyperpunk-Ästhetik bereichert, dürfte – ähnlich wie der Frosch – auf viele gleichermaßen anziehend und abstoßend wirken. Eine im vergangenen Oktober stattgefundene, fulminante Eröffnungssause wartete mit Ballonroboterfiguren, Riesenrad und Arcade-Spielhölle auf, die so man­chen verrückten Frosch helle Freude bereitet hätte. Die Party verzögerte sich aber nicht durch Frösche, sondern durch eine Eidechsenpopulation (und deutsche Bürokratie at it’s best), wegen der die Baumaßnahmen wochenlang lahm­gelegt waren.

Bei all seinen Verweisen auf Tesla sollte man dem Frosch dann allerdings doch nicht allzu subversives Potential zuschreiben. Er löste nämlich kürzlich eine Kontroverse aus, als pünktlich zum Weihnachtsgeschäft Crazy-Frog-NFTs (Non-Fungible Token) auf der Seite Metabase zum Kauf angeboten wurden. In der Vergangenheit war der Crazy Frog bereits benutzt worden, um solche Tokens anzubieten, allerdings von unseriösen Anbietern. Sicher ist Crazy Frogs Einstieg ins Crypto-Geschäft nicht das Schlimmste, was 2021 zu bieten hatte; Anlass, den früheren Eskapaden des Froschs hinterherzutrauern, ist sie aber allemal. In der Youtube-Kommentarspalte unter den alten Videos stellt sich derzeit nämlich eine zu Tränen rühr­ende Nostalgie ein. Wird die klassischerweise eher mit frustrierten Musikkritikern und anderen Boomern assoziiert, die zu viel Geld in überteuerte Vinyl-Reissues stecken (und damit bekanntlich derzeit dafür sorgen, dass die Vinylpresswerke heißlaufen), meldet sich jetzt die Generation Z zu Wort, die mit rührendem Gespür für die Vergänglichkeit des Daseins der älteren Generation in nichts nachsteht: »Nostalgia is hitting me so hard«, heißt es da beispielsweise.

In der Erinnerung damaliger Teenager repräsentiert die Ära des frühen Milleniums auch eine Zeit, in der Xavier Naidoo noch rührende Songs für liebenswerte Gallier schrieb. Dominiert vom oberschenkeltätschelnden Eurovision-Fernsehen für die ganze (weiße, Mittelschichts- und Klein-)Familie beschränkten sich auch die persönlichen Katastrophen, zumindest für einen gewissen Teil der Heranwachsenden, auf den 8-Bit- Grabstein im Tamagotchi-Display oder ein unfreiwillig abgeschlossenes Jamba-Sparabo. Jambas Ring­tone-Ripoff konnte immerhin durch eine SMS mit dem Inhalt »STOPP ALLE« beendet werden – ein unkompliziertes Problemmanagement, das besonders im Jahr 2021 zu rück­blickender Verklärung in Youtube-Kommentaren führt: »Those were the good times lol (true dude)«.