Catherine Breillats »Die Schwester«

Der Traum vom Unbekannten

Ferien in Italien. Mama und Papa schlafen schon, als sich der italienische Jurastudent Fernando ins Zimmer der beiden Schwestern Elena, 15, und Anais, zwölf, schleicht und ins Bett der Älteren kriecht. Unbemerkt folgt Anais dem Geschehen. Catherine Breillat, deren letzter Film »Romance« (1999) eine Debatte um die Abbildung von Hardcoresex im europäischem Kunstkino entfachte, hat in ihrem neuen, aber nicht weniger provokanten Machwerk die Rollen scheinbar klar verteilt. Elena (Roxanna Mesquide) ist das Abbild der klassischen, französischen Lolita, während Anais (Anais Reboux) nach zeitgemäßem Konsens als »fett« und »unattraktiv« gilt.

Fernando will, dass es heute Abend passiert. Elena soll entjungfert werden. Sie ist ängstlich, will aber zugleich nicht riskieren, ihren Prinzen zu verlieren. Die Kamera hält drauf. Fernando überredet sie schließlich zum analen Akt. Als »Liebesbeweis«. Erst als Elena vor Schmerz schreit, geht die Kamera auf Anais, die aufgeregt bibbernd unter der Decke lauscht. In diesem Moment wird dem Zuschauer der voyeuristische Effekt des Kinos bewusst. Aber das ist Catherine Breillat zu wenig.

Anais ist die Hauptfigur von »Meine Schwester«. Durch ihre Perspektive auf das Erleben Elenas bekommt der Film seine reflektierende Ebene. Breillat nutzt sie, um die Gesetzmäßigkeiten zu analysieren, nach denen pubertierende Mädchen ihre Jungfräulichkeit verlieren. Und sie erzählt, wie das einen Masochismus etabliert, der vom Erwachen der Lust überlagert wird. Anais erkennt, welchen ungleichen Handel die Schwester und ihr Freund abgeschlossen haben, und weiß, dass ihre Schwester die Ausgebeutete ist.

Und so träumt Anais eine andere Phantasie: »Das erste Mal muss neutral sein. Es müsste mit einem Niemand sein.« Wenn man schon nicht den Klischees der Schönheit entspricht, muss man auch nicht die Vorstellungen von Romantik teilen und den ersten Sex mit der großen Liebe verwechseln. Während das Schwesterchen sich von den Liebesschwüren ihres Typen täuschen lässt, beschwört Anais in ihren Träumereien immer wieder den Unbekannten, der sie aus der Rolle der Ungeliebten erlösen soll.

Als die spießige Mutter von der Nacht erfährt, packt sie ihre beiden Töchter und fährt mit ihnen Richtung Heimat. Nachts parken sie auf einem Rastplatz, auf dem sich dann das grausame Verbrechen ereignet: Anais' erstes Mal ereignet sich als Vergewaltigung. Das bestreitet sie vor den Polizisten, die sie aus dem Gebüsch ziehen. Breillats Film ist ein Schock, weil er weibliche Wunschvorstellungen aus seinen einfühlsam gezeichneten Figuren heraus nachvollziehbar macht und sie blitzartig in eine Realität überführt, die für die Protagonistin unbegreiflich ist.

»Meine Schwester«, Frankreich/Italien 2001. Buch / Regie: Catherine Breillat. Start: 19. September

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