Alien, übernehmen Sie

Den vom Reformstau frustrierten Subjekten verheißt die neueste Außerirdischenvariante namens Raelianer, dass der Fortschritt machbar ist. von diedrich diederichsen

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Fortschritt und Religion waren schon bei den speziell für späte Hippies gestylten Sekten der späten Siebziger keine Antagonismen mehr. Waren noch zuvor die Lehren der Aurobindos und Yoganandas, denen europäische, namentlich deutsche Gemütsmenschen vor der großen Kulturrevolte nachliefen, präzise für regressive Romantiker und antizivilisatorische Archaiker gestrickt, so versuchen alle modernen Sekten seit Bhagwan, Metaphysik mit Pragmatismus zu versöhnen und integrieren je und je Module erstarrten gesellschaftlichen oder technischen Fortschritts in ihre windigen Weltanschauungen. Etwa ein sexuell freizügig gestimmtes Unternehmertum mit omnilateralem Duzen.

Neu ist aber, dass die gute alte instrumentelle Vernunft selbst zum Gegenstand des Glaubens wird, nicht nur als Nebenprodukt der spirituellen Erleuchtung geduldet. Dieses berühmt-berüchtigte Prinzip des einäugig zweckorientierten praktischen Handelns selbst, ist nämlich nun auch bei normalen Leuten als widersprüchlich angekommen, und gilt nicht mehr als wirklich rational – wie bei Kulturkritikern und Ökologen schon vor einigen Jahrzehnten. Im Gegensatz zu letzteren ist das für normale Leute aber kein Grund, von der instrumentellen Vernunft abzulassen, sondern im Gegenteil, ihr eine Kirche zu bauen.

Das in der Mittelschicht vorherrschende Lebensgefühl, das sich im Wort vom »Reformstau« formuliert, sieht nämlich das Instrumentelle an der Vernunft nicht als ihre Sünde an, sondern als ihren nunmehr gefährdeten, aber wertvollen, der Macht der eigenen Subjektivität schmeichelnden Bestandteil. Weder Unternehmer noch Politiker, die zwei großen männlichen Metaphern, die im letzten Jahrhundert Macher und Manager repräsentierten, scheinen genau das noch zu können: Probleme bewältigen, Krisen managen, Instrumente benutzen. Alles ist verstopft und blockiert, selbst der Kapitalist kann sich seiner Zigarre nicht mehr richtig freuen.

Dabei gibt es den Fortschritt; wenigstens der naturwissenschaftlich-technische hört nicht auf, von sich Reden zu machen. Unabhängig von Unternehmern und Politikern und ihren Imagekrisen scheint er unaufhaltsam voranzuschreiten, in den Labors und Forschungsstationen. Als Entscheider nicht ernst zu nehmende unmännliche Nerds folgen namenlosen Befehlen, immer weiterzumachen. Hin und wieder gelingt ihnen Großes, und das Feuilleton fragt sich schuldbewusst, warum es sich eigentlich nicht dafür interessiert. Sind nicht der Mensch und sein Geist, von dem es immer wieder ausgeht, seit wahlweise der Genomentschlüsselung oder Foucault längst nur noch Refrain eines Schlaflieds für Unmündige, müsste man nicht längst zum Stand der Naturwissenschaft, der Forschung und ihrer Fortschritte aufschließen, um noch mitzureden?

Doch sämtliche gewaltsamen Versuche, ein solches Interesse herzustellen, versanden bald wieder und wider alle Voraussagen und guten wie weniger guten Ratschläge weigern sich die Leute immer noch, etwas anderes als ihre autonom handlungsfähige Subjektivität zur Grundlage zu erklären. Sollte sie mal länger im Reformstau stecken, werden die Leute depressiv, lassen aber nicht vom Paradigma ab und steigen aufs Fahrrad um.

Die einzigen, die aber den Fortschritt wirklich in die Hand nehmen, ihn in instrumentelle Formen gießen und einsetzen, sind die Aliens. Sie benutzen stets die je neusten Tools, einst Raumschiffe, heute Reproduktionstechnologie, um Dinge in Gang zu bringen, um irgendwelchen Auserwählten weiterzuhelfen. Um sie herum bilden sich die Tempel, Kirchen und Kulte der unterdrückten und depotenzierten instrumentellen Vernunft.

Natürlich sind es keine Armen und Absteiger, die diese Tempel bevölkern. Denn denen wäre es vermutlich immer noch das Liebste, die Welt bliebe im Stau stecken. Deswegen wählen sie Gerhard Schröder, dessen politisches Lager es immer noch versteht, sich als Carl Schmittscher Katechont zu präsentieren, der dem unaufhaltsam triumphierenden neoliberalen Weltgeist noch ein paar wohlfahrtsstaatliche Monate abzutrotzen weiß.

Nein, es sind aufstiegsorientierte Spinner, die nach oben wollen. Die instrumentelle Vernunft und der ihr abgeleitete Begriff von Fortschritt soll ihnen genau dasselbe geben wie früher die Religion: ewiges Leben. Nur nicht länger definiert als unsterbliche Seele, sondern durch Gen-Unsterblichkeit.

Auf höhere Macht ist auch diese eitle Dummheit angewiesen, nur braucht sie keine Metaphysik mehr dafür. Die schon bei Däniken und zahllosen Ufologen so erfolgreichen Aliens sind ja keine Götter mehr in einem irgendwie theologischen Sinne, sondern empirische Akteure aus so was Ähnlichem wie Fleisch und Blut, nur etwas glibbriger.

Dabei können die jüngsten und zur Zeit prominentesten Vertreter dieser Glaubensrichtung, die Raelianer, sich durchaus auf eine ungute alte und vor allem kalifornische Tradition berufen, die immer schon einen hemmungslosen und von allem staatlichen Stau befreiten Killerkapitalismus mit Science Fiction und Kirchengründung zusammenzudenken versuchte. Scientology ist nur das prominenteste Beispiel, immerhin eine Gründung des Sci-Fi-Autors L. Ron Hubbard.

In zahlreichen Artikeln von Dietmar Dath für die Spex und die FAZ kann man über den radikalkapitalistischen Kult, der sich um die Schriften der Autorin Ayn Rand gebildet hat und regelmäßig Einfluss auf einflussreichste Kreise nimmt, Näheres erfahren. Schließlich hat die Internet-Euphorie der frühen Neunziger noch einmal einen Schub von parareligiösen Konvergenzen von Hippie-Gedankengut mit einem Radikalkapitalismus und einem ebenso bedingungslosen wie bedenkenlosen Ja zu machenden, handelnden und Staus mit der Machete niedermähenden Pionieren hervorgebracht.

Die Raelianer treten in die Fußstapfen dieser Vorläufer, wenn sie bei ihren Interviews und Statements natürlich auch Schwundstufen von Linksspeak und Aufklärungsargot inkorporieren, etwa dass die Kritik an ihren Klonbabies nur von den Kriegsvorbereitungen der USA ablenken soll. (Davon wollen die USA aber ja auch gerade nicht ablenken.) Sie nennen sich nach einer Figur aus dem Pomp-Rock-Klassiker »The Lamb Lies Down on Broadway« von Genesis, einem Graffity-Rebellen namens Rael, dessen Samen nach seinem Tode durch die Schergen des Schweinesystems irgendwie für ewiges Leben einer neuen Rasse von Rebellen gerettet wird.

Diese bittere Bio-Blödheit hingegen, ihre Bühnen- und Präsentationsarchitektur, die aussieht, als hätten sie sich Erhabenheit aus dem aktuellen Abba-Musical abgeschaut, ihre Grand-Prix-d’Eurovision-Version von New Age – all das könnte das Phänomen aber auch als vollkommen unwichtig ausweisen. Das Klonbaby gibt’s eh nicht, und wenn es seine ideologische Schuldigkeit getan haben wird, eine Horrorkirche des Human Engineering auszumalen, im Vergleich zu der die FDP wie eine Horde ethisch korrekter Evangelen aussieht, werden wir diese Irren so vergessen wie jene gehirnamputierten Genfer, die sich damals massenhaft vergifteten, um auf dem Sirius wieder aufzuwachen.

Indes gibt es ähnliche Vermischungen von amputierten und phantomzuckenden Gliedern der Aufklärung, ja der Kulturrevolte mit Sektenstrukturen auch in unserer näheren Umgebung. Man denke etwa an die Church of Euthanasia und ihren charismatischen Chef Chris Korda.

Das ist nun eine zunächst mal für uns alle akzeptable bis sympathische Type: ein queerer House-Produzent, der sich völlig zu Recht vor dem überall in Heiraten und Familiengründen ausartenden Normalisierungsschub ekelt und darauf beharrt, Sex endlich wieder der Lust zuzuführen und der Reproduktion zu entziehen. Erstaunlicherweise ist auch seine Kirche mit ihren vier Säulen – Abtreibung, Selbstmord, Sodomie und Kannibalismus – zunächst mal um ein nahezu archaisch anmutendes Mangelgefühl in Sachen Reproduktionsethik herum gebaut. Offensichtlich kann man dazu zur Zeit vieles erzählen und alles taugt dazu, sofort als neue religionsfähige Grundwertenummer gekauft und geglaubt zu werden.

Auch Korda möchte das Privileg des Handelns zurückgewinnen. Er probt den Berfreiungsschlag durch den einfachen Trick, das genaue Gegenteil von dem zu vertreten, was klerikalfaschistische Hinterwäldler in den USA unter Family Values verstehen. Er schießt dabei aber nicht nur über das Ziel hinaus, sondern verbreitet selbst spiegelsymmetrisch Lehren, die einem kleinen Faschisten alle Ehre machen: Überbevölkerung ist der Ursprung allen Übels, und da nach guter alter christlich voluntaristischer Ethik jeder mit der Weltverbesserung bei sich selbst anfangen soll, ist der Selbstmord eine feine Sache.

Der arme von Reproduktionszwecken befreite Sex muss, so gesehen, sich dann doch wieder Legitimierung von außen gefallen lassen. Sex ohne Fortpflanzung ist nach Kordas Logik nicht schön, weil Sex schön, sondern weil Fortpflanzung böse ist. Weia! Und der Mann genießt indes in modernen metropolitanen Kreisen eine dufte Reputation. Und das nicht, weil noch irgendjemand glaubt, dass er sich mit seiner Kirche nur einen dollen Promo-Scherz erlaubt, um seine Platten zu verkaufen. (Das mag übrigens sein, aber zeig mir den, der heutzutage nicht an seine Promo-Scherze glaubt wie an den Rosenkranz.)

Auch Ihr Autor ist vor Sympathien mit Sekten nicht gefeit. Allein ich halte es mit den eher traditionellen Horden. Zur Zeit ist es die seit ein paar Jahren auch im Westen Furore machende japanische Kirche »Acid Mothers Temple and the Melting Paraiso UFO«, eine Mischung aus Grateful Dead, Amon Düül 1, Pierre Moerlen’s Gong und der AUM-Sekte – gutartige Schamanen, die an interstellare Sexmonster sowie die dazugehörigen Drogen und den dazugehörigen Sex glauben. Ihr Slogan, »Do Whatever You Want, Don’t Do Whatever You Don’t Want«, erinnert an Aleister Crowley; zum Glück gehört bei ihnen aber eine Antwort der Gemeinde zu diesen Ratschlägen des Predigers, nämlich: »What?« Was tun? Was denn? Wir wissen es nicht. Hari Om!