Totenkopf und Federkiel

Ina Seidel war nicht nur im Nationalsozialismus eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen. Noch heute sind Schulen und Straßen in Deutschland nach ihr benannt. Führers Bettlektüre VI. von philipp steglich

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Schon der Titel von Ina Seidels zweitem Gedichtband, im Kriegsjahr 1915 erschienen, ist programmatisch: »Neben der Trommel her«. Ihre Gedichte aus jener Zeit heißen etwa »O, Deutschland, o Mutter!«, »Deutsche Jugend« oder »Marschlied« und enden mit Zeilen wie: »Marschieren wir, marschieren wir, / Kamerad Soldat, Soldat! / Für Deutschland ist kein junges Blut, / kein Herzblut nicht zu schad.«

Die frühen Texte der 1885 in Halle an der Saale geborenen Schriftstellerin enthalten die unheilvollen Begriffe Tod, Mutterschaft, Blut, Heimat, Deutschland und Gott, um die Ina Seidel ein Leben lang ausweglos kreisen sollte, bis sie schließlich in »religiöser Verblödung« (Peter Hacks) 1974 bei München starb.

Zu Adolf Hitlers 50. Geburtstag verfasste sie 1939 eigens ein Gratulationspoem: »In Gold und Scharlach, feierlich mit Schweigen, / ziehn die Standarten vor dem Führer auf. / Wer will das Haupt nicht überwältigt neigen? / Wer hebt den Blick nicht voll Vertrauen auf? / Ist dieser Dom, erbaut aus klarem Feuer, / nicht mehr als eine Burg aus Stahl und Stein, / und muß er nicht ein Heiligtum, uns teuer, / ewigen Deutschtums neues Sinnbild sein?«

Ina Seidel fungierte als eine Art weiblicher Ernst Jünger der Literatur. Wenn Jünger in seinen Schriften den Krieg als technisch-maskulines Stahlgewitter für den Soldaten beschrieb, so forderte Seidel, den »natürlich-weiblichen« Anteil an der Kriegsführung nicht zu unterschlagen. Immer wieder erinnerte sie in ihren Texten daran, dass es ja die Mütter seien, die durch das Gebären der künftigen Soldaten das Abschlachten zum Wohl des Vaterlands erst ermöglichten. Und dass die Mütter und Frauen an der Heimatfront ungeheure Opfer brächten, ohne die die eigentliche Front zusammenbräche. Was sie aus Blut, Glut, Flut und Schoß zusammenreimte, ergibt ein biologistisches und äußerst reaktionäres Bild vom Weiblichen.

1941 reiste die Autorin zu einer Lesung im Deutschen Institut ins besetzte Paris. Hier traf sie zum ersten Mal den Offizier Jünger persönlich. Und auch wenn das gemeinsame Kaviaressen (»Ich bestelle das teuerste Menü«) von künstlerischer Rivalität geprägt war, notierte Seidel später: »Jünger ein Diamant.«

Zu dieser Zeit war sie außerordentlich erfolgreich. Ihr wichtigster und auch heute noch lieferbarer Roman »Das Wunschkind« (1930) erfuhr in Deutschland mehrere Auflagen und wurde, in Übersetzung, überall dort in Europa gedruckt, wo die deutschen Truppen ihr barbarisches Regime errichten konnten, in Frankreich, Finnland, den Niederlanden etc. Der kitschige Roman, dem manche Literaturwissenschaftler ästhetische Qualität zusprechen, handelt von einer Mutter-Sohn-Beziehung zur Zeit der napoleonischen Kriege und der deutschen Freiheitskämpfe.

Der Sohn stirbt selbstverständlich als Soldat, während sich die Mutter folgerichtig in stiller Demut fügt. Ina Seidel selbst hielt ihr Buch damals für »eins der wenigen echt nationalen und tief deutschen Bücher des letzten Jahrzehnts«.

Es ist gewiss kein Roman des eliminatorischen Antisemitismus, sondern schlicht konservativ-völkische Blut-und-Boden-Literatur, angereichert mit religiös-romantischer »Weltinnigkeit«. Und gerade deshalb, weil sie nicht die Speerspitze der nationalsozialistischen Literatur und Partei war, wurde ihr Werk dem europäischen Publikum nahe gebracht. Die Kulturpolitik der Nazis war so naiv nicht, noch zu gewinnende Kollaborateure in den besetzten Ländern mit aalglatter Parteidichtung zu vergraulen.

Dennoch glaubte der konservative Literaturwissenschaftler Klaus Harpprecht, immerhin ein Biograph Thomas Manns, noch 1980 über »Das Wunschkind« zu wissen: »Der Autorin war es mit diesem pazifistischen Bekenntnis ernst.« Er ordnete sie einer flugs herbeihalluzinierten »konservativen Résistance« zu und charakterisierte Ina Seidel halb anerkennend, halb mitleidig, gleichwohl zutreffend als »auf chronische Weise deutsch«.

Seidel vergaß auch die Heimatfront nicht und arbeitete als Herausgeberin von Kriegspropaganda für die Volksgenossinnen im Reich. »Dienende Herzen, Kriegsbriefe von Nachrichtenhelferinnen des Heeres. Mit einem Vorwort von Ina Seidel« erschien in Berlin im Jahr 1942. 1941 erhielt Seidel den Grillparzer-Preis der Stadt Wien, 1948 den Raabe-Preis der Stadt Braunschweig, 1958 den großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen. In ihrem Beisein wurde ihr 1970 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Starnberg verliehen. Einer der Festredner betonte, Ina Seidel sei »für die Jugend unserer Stadt eines der heute so wenigen echten Vorbilder«.

Im nordrhein-westfälischen Espelkamp hat noch immer eine Grundschule die Dichterin zur Namenspatronin. Aus Verwaltungsgründen – und nicht etwa wegen eines »staatlich verordneten Antifaschismus« – gingen in Westdeutschland die Seidel-Gymnasien in Opladen (1973) und Braunschweig (1990) ihrer Namen verlustig. Die erste Ina-Seidel-Schule stand übrigens in Berlin-Spandau. Hier benannten die Nationalsozialisten schon im Februar 1939 ein Lyzeum nach ihr. Und heute noch künden viele Straßen stolz ihren Namen.

In ihren Tagebüchern, die sie dunkel-raunend »schwarze Wachstuchhefte« nannte, notierte Seidel gerne Aphorismen: »Was ist der Mensch? Ein Gesterbsel.« Und weiter: »Der Tod ist die vollkommene Genesung.« Die Gegenaufklärung hat nicht viele Gesichter, sondern in ihrer Nekrophilie nur eines: den Totenkopf. Und er erscheint mal als Abzeichen und Namensspender einer SS-Division, mal als Schlachtruf spanischer Faschisten »Viva la Muerte!« oder eben als stille Tagebuchnotiz einer zarten deutschen, vielleicht ein wenig romantischen Dichterin.