Gedenken mit Zeitloch

Opferstatus als Staatsdoktrin

von oliver marchart

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Was feiert Österreich 2005? Die Antwort ist einfach. Man feiert die österreichische Tätergemeinschaft als Opfergemeinschaft. Das Datum des 12. März verbindet dabei die beiden Jahre 1938 und 1945, den Tag des Anschlusses Österreichs mit dem Tag der Bombardierung Wiens. Die Jahre dazwischen verschwinden im Gedenkdickicht. Stattdessen tauchen die Österreicher als Opfer doppelt auf: zuerst als Opfer der Aggression Hitlers, dann als Opfer der Aggression der Alliierten.

Die von den Nazis Ermordeten kommen dabei nicht vor. Der Vorschlag der Organisatoren des Gedenkspektakels, der Opfer mit weißen Kreuzen am Wiener Heldenplatz zu gedenken, musste letztlich zwar fallen gelassen werden, weil man ermordeter Juden mit Kreuzen nicht gedenken kann, aber in der Logik des Gedenkjahres war er schlüssig. Er sprach die Wahrheit des ganzen Events aus, dass es nämlich überhaupt nicht um die ermordeten Juden geht. Es war und ist die Tätergemeinschaft, es sind die christlichen Österreicher und Ex-Nazis der so genannten Aufbaugeneration, deren gedacht wird. Der Vorschlag wurde also fallen gelassen, nicht weil er dumm und naiv war, sondern weil er zu nahe an der Wahrheit lag.

Das Zeitloch zwischen 1938 und 1945 wird gestopft mit allen möglichen Jubiläen, die den Opferstatus der Täter belegen sollen, der in Österreich offizielle Staatsideologie ist. Dass der FPÖ an der Umdeutung von Tätern zu Opfern liegt, ist klar. Dass der ÖVP daran liegt, ist auch klar. Im Februar diktierte Bundeskanzler Schüssel der Neuen Zürcher Zeitung: »Ich werde nie zulassen, dass man Österreich nicht als Opfer sieht. Das Land war in seiner Identität das erste militärische Opfer der Nazis.« Und die SPÖ? Sie schließt sich dem Tätergedenken an. Der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, real mächtigster SPÖ-Politiker, wird mit den Worten zitiert: »Der Geist des neuen Österreich wurde in den Lagerstraßen der Nazi-KZ geboren. Man sollte diesen Geist des demokratischen, toleranten Miteinanders bei allen parteipolitischen Unterschieden nicht durch ein Spalten des eigenen Volkes gefährden.«

Nichts könnte den ideologischen Unterschied zwischen Deutschland und Österreich in Bezug auf die eigenen Verbrechen deutlicher illustrieren: In der Erinnerungspolitik Deutschlands ist und bleibt das Konzentrationslager ein Ort des Verbrechens, in Österreich ist es ein Ort der Versöhnung. Hier haben sich die ehemaligen Bürgerkriegsparteien – Sozialdemokratien und Christlichsoziale – ausgesöhnt. Sie legten den Grundstein für die spätere Aussöhnung mit den Nazis, so dass am Schluss keine Täter, sondern nur noch Opfer übrig blieben. Bis auf die wirklichen Opfer natürlich, die nicht übrig blieben.

In Deutschland konnte die Opferthese, trotz aller Normalisierungsbemühungen, nicht zur Staatsdoktrin werden. Das hätten die Alliierten nie zugelassen. Aber Österreich durfte zur Opfernation werden. Und während sich die Deutschen inzwischen von Meistern der Vernichtung zu Meistern der Erinnerung gemausert haben, die ihre remembrance skills in alle Welt – von Ruanda bis Bosnien – exportieren, herrscht in Österreich nach wie vor allgemeines Erinnerungsverbot. Der erinnerungspolitische Unterschied zwischen Deutschland und Österreich ist der Unterschied zwischen Erinnerung als Talkshow und Erinnerung als Schweigeshow. Das Land, das sich selbst von aller Mitschuld freigesprochen hat, feiert nicht, wie behauptet, dass es nach 1945 wieder existierte. Es feiert, dass es zwischen 1938 und 1945 nicht existierte.