Urstromtaler und Co.

In Prien hat der dritte Kongress der Regionalgeld-Initiativen stattgefunden. Wie man mit »Schwundgeld« dem Kapital zuleibe rücken will, beschreibt peter bierl

Prien ist ein wohlhabender Kurort am Chiemsee, 70 Kilometer südöstlich von München, mit schmucken Häusern und schicken Geschäften. Alles ist für die Touristen herausgeputzt. Schüler und ein Lehrer der Waldorfschule drucken hier seit zwei Jahren ihr eigenes Geld, den »Chiemgauer«. Mit den Gutscheinen, die 1:1 gegen Euro eingetauscht werden, kann man in etwa 250 Geschäften rund um den Chiemsee bezahlen. Die Initiatoren wollen die heimische Wirtschaft fördern, Geld und Kaufkraft in der Region halten.

Der Chiemgauer dient Initiativen in der ganzen Republik als Vorbild. Ihre Vertreter trafen sich vom 5. bis 8. Mai im Kursaal von Prien zum dritten Kongress der Regionalgeld-Initiativen.

Dag Schulz erzählt davon, wie seine Gruppe Anfang Februar auf dem Ökomarkt am Prenzlauer Berg die ersten »Berliner« ausgegeben hat. »Wir haben im Kiez angefangen, weil das übersichtlicher ist, da ist das Vertrauen größer.« Schulz ist in der Presse groß herausgekommen, weil dpa verbreitete, er wolle den Euro abschaffen, was aber nur ein Fernziel sei. Glücklich sind die Berliner, weil auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse ein paar ihrer Scheinchen erworben hat.

In Karlsruhe akzeptieren Bioläden den »Carlos« und kaufen damit bei einem Ökobauern ein. Aber der sitzt inzwischen auf einem Haufen Regionalgeld, mit dem er nichts kaufen kann, erzählt Daniel Wolf, der einen Fahrradladen betreibt. Die Regionalgeld-Initiative aus 15 Kleinunternehmern habe beschlossen, dem Bauern das Geld wieder in Euros zu tauschen.

Die Ergebnisse einer Umfrage, die Muriel Herrmann dem Kongress präsentierte, sind eher niederschmetternd. Die Studentin der Umweltwissenschaften an der Universität Lüneburg, die an ihrer Diplomarbeit schreibt, hat Unternehmer befragt, die sich an den Regionalgeldprojekten Chiemgauer und Sterntaler im Berchtesgadener Land beteiligen. Sie finden das Projekt zwar toll und identitätsstiftend, gaben aber an, dass das Regiogeld ihnen wenige Vorteile bringe, kaum Kunden binde und keine neuen Arbeitsplätze geschaffen habe.

Auch bis sich Margrit Kennedys Wunsch erfüllt, wird es wohl noch eine Weile dauern. »Das Reich des Geldes mit Zins einschrumpfen«, fordert die Architekturprofessorin aus Hannover, die seit Jahren die Zinsknechtschaftstheorie des deutsch-argentinischen Kaufmanns Silvio Gesell (1862 bis 1930) propagiert, auf der die Idee des Regionalgelds fußt. Wie ihr Meister glauben die Anhänger Gesells, dass die Marktwirtschaft zum bösen Raubtierkapitalismus mutiert, weil Geld wertbeständig ist und gehortet werden kann. Deshalb könnten Geldbesitzer wiederum von der arbeitenden Bevölkerung Zinsen erpressen. Kennedy behauptet in ihrem Buch »Geld ohne Zinsen und Inflation«, noch heute versteckten viele Leute ihr Geld unter der Matratze, statt die Wirtschaft anzukurbeln.

Im Kurhaus zu Prien verkündet Kennedy den knapp 90 Zuhörern, das Regionalgeld sei »eine der wenigen Möglichkeiten, aus der gegenwärtigen Misere herauszukommen«. Regionalgeld und spezielle Gutscheine für Bildung oder Altenpflege sollen die harten Devisen nicht ersetzen, betont Kennedy, aber »der Wohlfahrtsstaat wird ersetzt durch Selbsthilfe«. Der Staat werde entlastet und die lästige Bürokratie abgebaut. So weit entspricht die Idee des Regionalgelds dem Bewusstsein der Mittelschicht: weniger Staat, weniger Sozialklimbim.

Die »Urstromtaler«-Initiative aus Sachsen-Anhalt möchte die Deindustrialisierung der DDR rückgängig machen. Die Gruppe wolle eine Spielzeugmanufaktur eröffnen, berichtet Frank Jansky. Erwerbslose sollen angeheuert und mit Urstromtalern bezahlt werden, nur die Sozialabgaben würden die Manufakturbesitzer in Euro entrichten. Sollten die Manufakturarbeiter die Urstromtaler in Euro tauschen wollen, müssten sie wie bei allen Regionalgeld-Initiativen einen Verlust hinnehmen. Wer Chiemgauer zurücktauschen will, muss fünf Prozent abgeben, zwei Prozent für den Verein »Chiemgauer Regional – Verein für nachhaltiges Wirtschaften«, den die Waldorfleute gegründet haben, und drei Prozent fließen an örtliche Vereine.

Außerdem verliert der Chiemgauer alle drei Monate zwei Prozent an Wert. Getreu der Lehre Gesells, der das »Schwundgeld« propagierte, soll dadurch das Horten von Scheinen verhindert werden. Regionalgeld ist der aktuelle Versuch, die Lehre des Meisters in die Tat umzusetzen und eine möglichst große Anhängerschaft zu rekrutieren. Zuvor wurden in Deutschland, Österreich und der Schweiz einige hundert Tauschringe aufgebaut, deren Mitglieder Güter und Dienstleistungen austauschten und in virtuellen Miniwährungen verrechneten (Jungle World, 24/04). Derzeit dürften um die 200 Tauschringe existieren, von denen viele vor sich hin dümpeln, wie etwa der »Dömak« in Halle, aus dem die Regionalgeldinitiative Urstromtaler geworden ist.

In der Regionalgeld-Szene arbeiten Gesellianer und Anthroposophen zusammen, obwohl sich ihre Gurus Steiner und Gesell einst befehdeten. In Prien trat neben Margrit Kennedy der Beuys-Schüler Johannes Stüttgen auf. Barbara Rütting, früher Filmstar und Bhagwan-Anhängerin, heute Landtagsabgeordnete der Grünen in Bayern, die sich einst für die »Gesellschaft für Gesundheitsberatung« des früheren SA-Manns und braunen Müslipapstes Max Otto Bruker engagierte, beehrte am Freitagabend den Kongress mit ihrer Anwesenheit. Die Büchertische waren mit Literatur über die »Externsteine« und das Ungemach, das von schlechtem Karma droht, bestückt. Der Referent Thomas Mayer wollte vor einigen Jahren die Stadt München per Plebiszit in ein Profitcenter verwandeln. Er kooperierte mit dem inzwischen aufgelösten faschistischen »Bund freier Bürger« und veröffentlichte eine Broschüre mit 186 Bürgerideen gegen die Schuldenfalle, die er aus Zuschriften gesammelt hatte. Gefordert wurde darin zum Beispiel eine »konsequente Rückführung und Abschiebung von Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylbewerbern«.

Was dem einen die Tobinsteuer, ist dem anderen das Schwundgeld. Anthroposophen, Gesellianer und weitere Antiglobalisierer schwärmen von überschaubaren Verhältnissen und kultureller Identität, von Dorf, Region und Heimat. Der Attac-Ratschlag hat Gesells Zinstheorie als – wenn auch kontroversen – Ansatz in ein neues Positionspapier zur »Alternativen Weltwirtschaft« aufgenommen. Tauschringe und Regionalgeld werden in dem Papier ebenfalls als diskussionswürdige Alternativen genannt.

»Warum hilft der Staat nicht uns, sondern den internationalen Konzernen?« fragt Heinrich Staudinger, der Geschäftsführer einer Schuhfabrik im österreichischen Waldviertel und Initiator des dortigen Regionalgeldes, auf dem Kongress in Prien. Seine sei die einzige Schuhfabrik in der Gegend, die die Globalisierung überstanden habe: »Dass wir die letzten zwei Jahre auch Geld verdient haben, ist trotzdem lässig.« Staudinger will übrigens nicht beim Regionalgeld stehen bleiben. Sein Ziel ist es, die »Freie Republik Waldviertel« auszurufen.

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