Yomango auf Deutsch

Wegen eines Workshops auf dem Prekär-Camp im Wendland, der gar nicht stattfand, wurden Wohnungen durchsucht. von tom binger

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Tollendorf ist ein kleiner Ort im Wendland, von dem man bisher allenfalls während der Castor-Transporte ins Zwischenlager Gorleben hörte. Als dort am 11. August etwa 35 uniformierte Beamte der Bereitschaftspolizei und ein knappes Dutzend ziviler Staatsschützer einen idyllisch gelegenen Bauernhof durchsuchten, waren keine Castoren in Sicht.

Mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss verschafften sich die Beamten Zutritt zu den Redaktionsräumen der Zeitschrift Anti-Atom aktuell. In den Wohnungen der verantwortlichen Redakteure Martin Nesemann und Elisabeth Krüger beschlagnahmten sie drei Computer und zahlreiche Datenträger, so dass die Arbeitsfähigkeit der Redaktion stark beeinträchtigt wurde.

Der Anlass für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Lüneburg war die Internetseite des so genannten Prekär-Camps, das vom 6. bis 12. August in Reddebeitz bei Lüchow stattfand. Martin Nesemann ist der Domain-Inhaber der Webseite zum Camp. Und im dort nachlesbaren Programm findet sich neben zahlreichen anderen Veranstaltungen, Aktionen und Diskussionen die Ankündigung eines Workshops mit dem Titel »Yomango auf Deutsch«. Geplant war die Vermittlung solch nützlicher Dinge wie »die Herstellung von Hilfsmitteln zur Aneignung verschiedener Wünsche und Lebensräume«. Die greifbaren Resultate des Workshops sollten anschließend in einer Modenschau der interessierten Öffentlichkeit in Lüchow präsentiert werden.

Wegen der kurzfristigen Absage der autonomen Modeschöpfer und der geringen Zahl an Teilnehmern – das Camp litt unter den miserablen Wetterverhältnissen – fielen sowohl der Workshop als auch die Modenschau schlichtweg ins Wasser.

Unabhängig davon sehen die Staatsanwaltschaft und der Dannenberger Amtsrichter Thomas Stärk in der Ankündigung der Modenschau eine Aufforderung zu Straftaten. »›Yomango‹ steht in der spanischen Umgangssprache für: ›Ich stehle‹«, heißt es im Durchsuchungsbeschluss. Die Sprachkenntnisse der Dannenberger Amtsrichter sind allerdings ebenso dürftig wie ihr Wissen um die politischen Hintergründe des Begriffs. Yomango bezeichnet im Spanischen ein Wortspiel: »Yo mango« heißt sowohl »ich esse« als auch »ich nehme«. In der Alltagssprache hat sich auch die Bedeutung »ich klaue« eingebürgert. Spanische Aktivisten haben mit dem Begriff Yomango ein inzwischen international populäres Logo für künstlerische und politische Kampagnen kreiert. Ihnen geht es darum, die in der Regel unsichtbaren Formen des alltäglichen Überlebenskampfes zu thematisieren. Wenn den Menschen selbst in den Wohlstandsländern das Existenzminimum streitig gemacht wird, ist es in Ordnung, dass sie sich nehmen, was sie für ein Leben in Würde brauchen; niemand muss sich fürs Schwarzfahren, für Ladendiebstahl oder Schwarzarbeit schämen, lautet die Botschaft.

Warum die Polizei den am 8. August ausgestellten Durchsuchungsbeschluss erst am 11. August ausführte, einen Tag nach der ausgefallenen Modenschau, bleibt ihr Geheimnis. Die vermuteten Straftaten wären dann nicht mehr zu verhindern gewesen. Eine Straftat aufklären zu wollen, die nicht stattgefunden hat, ist sinnlos. Und die Beschlagnahme der Computer dürfte wenig Erkenntnis darüber bringen, wer für die Ankündigung des Workshops verantwortlich ist.

Die Betroffenen werten die Polizeimaßnahme deshalb vor allem als eine politische Kriminalisierung. »Die Polizei war weder zur Vereitelung noch zur Aufklärung von Straftaten unterwegs; dieses Rollkommando hat sich als strafende Exekutive aufgeführt, in der Hoffnung, nebenbei noch dies und das vor Gericht Verwertbare zu finden«, sagt Elisabeth Krüger.

Dass es sich bei der Durchsuchung um einen schweren Eingriff in den besonders geschützten Bereich der Presse handelt, war dem zuständigen Richter Thomas Stärk anscheinend überhaupt nicht klar. Im Gespräch mit Krüger gab er zu, im Umgang mit dem Internet nicht vertraut und deshalb auch nicht in der Lage zu sein, sich die inkriminierte Homepage anzuschauen. Dass es sich bei den beschlagnahmten Gegenständen um die Ausstattung der Redaktion einer regelmäßig erscheinenden Zeitung handelt, sei ihm von den Staatsschutzbeamten verschwiegen worden. Einige von der Polizei vorgelegte Ausdrucke beliebiger Internetseiten über die Aktionsform Yomango reichten ihm offenbar als Grundlage für den Durchsuchungsbeschluss aus. »Die Vertraulichkeit der Information, das Redaktionsgeheimnis, die Arbeit der Presse allgemein stehen unter dem Schutz der Verfassung. Was Staatsanwaltschaft, Polizei und Gericht davon halten, haben sie mit ihrer Aktion überaus deutlich gemacht«, beklagt die Redaktion der Anti-Atom aktuell.

Dass sie sich von der Beschlagnahme ihrer Produktionsmittel nicht beeindrucken lassen, wollen Elisabeth Krüger und Martin Nesemann mit dem pünktlichen Erscheinen der nächsten Ausgabe unter Beweis stellen. »Soziale Bewegung lässt sich nicht mundtot machen. Zusammen mit Freundinnen und Freunden hat sich die Redaktion das Ziel gesetzt, am 5. September die nächste Ausgabe in den Versand zu bringen«, heißt es auf der Internetseite der »Zeitung für die sofortige Stilllegung aller Atomanlagen«. Ausgehend von den Diskussionen während des Camps wird sich die nächste Nummer den Perspektiven des Widerstandes gegen die wachsende Verunsicherung der Arbeits- und Lebensbedingungen widmen.

Vielleicht regt das Vorgehen der Staatsgewalt ja immerhin neue Debatten in der Anti-Atom-Bewegung an. Die gut informierte Rede des ehemaligen Pressesprechers der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Dieter Metk, zur Philosophie von Yomango, gehalten auf einer Protestkundgebung gegen die Durchsuchung vor dem Amtsgericht in Dannenberg, stimmt hoffnungsvoll. Für Nesemann und Krüger ist sowieso klar: »Soziale Bewegung kann sich auf einen Punkt konzentrieren, sie darf sich in ihrer Wahrnehmung aber nicht darauf beschränken.«

Ein gutes Beispiel für die offensive politische Einmischung in den Kampf gegen Verarmung und Ausgrenzung lieferte eine Aktion, die nicht im Programm des »Prekär-Camps« angekündigt war. Während der Campwoche erschien eine Delegation der »Überflüssigen« mit entsprechenden Pullis und weißen Masken im Büro des Lüchower Sozialamtssachbearbeiters Martin Riedel und sorgte für dessen Zwangsräumung. Riedel ist für die exzessive Ablehnung von Widersprüchen gegen ALG II-Bescheide und zahlreiche Entscheidungen für Zwangsräumungen berüchtigt. Einrichtungsgegenstände und Büromaterialien seines Arbeitsplatzes wurden in Umzugskartons verpackt und vor dem Haupteingang des Kreishauses abgestellt.

Dass es ansonsten um offensive Formen der Aneignung und des sozialen Ungehorsams in der Bundesrepublik nicht so gut bestellt ist, zeigt nicht zuletzt der abgesagte Workshop auf dem Prekär-Camp. Offensive Aneignung betreiben einstweilen vor allem Staatsanwaltschaft und Polizei. Die Vorgänge in Tollendorf erinnerten stark an die Beschlagnahme der Arbeitsmaterialen der Mitarbeiter von Labournet, einem Netzwerk linker Gewerkschafter, vor wenigen Wochen in Bochum aus ähnlich fadenscheinigen Gründen (Jungle World, 32/05). Es drängt sich der Eindruck auf, dass solche Aktionen die deutsche Variante von Yomango darstellen.