Dabei sein war alles

Ernst Klees Kultur- und Personenlexikon zum »Dritten Reich« ist Antifa zwischen zwei Buchdeckeln. von jan süselbeck

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Ganz ähnlich wie dem Schriftsteller und ehe­maligen SS-Frontkämpfer Günter Grass verzeiht das Publikum auch den berühm­ten Germanisten Walter Jens und Peter Wapnewski mehr oder weniger alles. Ihre Alterspublikationen und Memoiren verkaufen sich gut und werden vom Feuilleton mit Lob nur so überschüttet. Dass mittlerweile herausgekommen ist, dass sowohl Jens als auch Wapnewski in den vierziger Jahren in die NSDAP eingetreten sind, wird von den Ertappten mit der Behauptung vom Tisch gewischt, sie hätten nichts davon gewusst. »Ich habe nie einen Mitgliederantrag gestellt«, erklärte Jens, und Wapnewski nörgelte, dass er »gerne wüsste, wer wann in eine Parteikartei eine Mitgliedsnummer geschrieben und versäumt hat, mich davon in Kenntnis zu setzen«.

In solchen Fällen lohnt es sich, Ernst Klees »Kulturlexikon zum Dritten Reich« zur Hand zu nehmen. Bereits in seinem Vorwort kommt Klee auf Jens und Wapnewski als exemplarische Persönlichkeiten der BRD zu sprechen und konfrontiert ihre offensichtlichen Schutzbehauptungen mit einer Studie des Historikers Michael Buddrus. Der beantwortet die Frage, ob es möglich gewesen sei, ohne eigenes Wissen Mitglied der NSDAP zu werden, kurz und knapp damit, dass es »automatisierte koopera­tive Übernahmen von Angehörigen einzelner Geburtsjahrgänge« nicht gegeben habe. »Dies­bezügliche und immer wiederkehrende Erzählungen sind beständig perpetuierte Legenden«, schreibt Budd­rus. Sei es doch bis 1945 niemals möglich gewesen, »ohne eigenes Zutun Mitglied der NSDAP zu werden«.

Doch so gerne man in Einzelartikeln des Lexikons noch mehr über Jens (geboren 1923) und Wapnews­ki (Jahrgang 1922) erfahren hätte – obwohl Klee angibt, »in der Regel« habe er Personen bis zum Geburtsjahr 1924 in seinem Nachschlagewerk aufgenommen, finden sich zu den beiden über die auf­machende Erwähnung im Vorwort hinaus keine weiteren Informationen im Buch. Solche Irritationen haben dazu geführt, dass Klees »Kulturlexikon« bereits mit scharfer Kritik bedacht wurde. In der Tat legt Klee seine Systematik zu wenig offen. So wirkt es verstörend, wenn man in einem eher auf die Erhellung der Täterkarrieren zielenden Buch sporadisch auch NS-Opfer findet – bzw. auch Emi­granten wie Theodor W. Adorno oder Sigmund Freud mit Angaben verzeichnet sieht, die fast schon als Allgemeinwissen voraussetzbar sind und entsprechend obsolet erscheinen.

Stößt man zudem in einem Buch mit dem Unter­titel »Wer war was vor und nach 1945« auch noch auf Einträge für Georg Friedrich Händel, Gotthold Ephraim Lessing und William Shakespeare, so ist man in der Tat verblüfft. Auch die Martin Luther, Richard Wagner und dem italienischen Faschisten Benito Mussolini gewidmeten Artikel scheinen zunächst einmal nicht wirklich oder bestenfalls mittelbar in das Konzept des Bands zu passen.

Doch so katastrophal, wie mancher Kritiker meint, wirken sich diese Seitenblicke nun auch wieder nicht auf die Nutzbarkeit des Lexikons aus. Klee scheint einfach eine wahre Sammelwut gepackt zu haben, mit der er alles, was das deutsche Kulturleben vor und nach 1945 ins tiefbraune Zwielicht taucht, festgehalten hat. Dazu gehören für ihn offenbar auch die absurden Vereinnahmungsversuche, mit denen nationalsozialistische Germanisten, Musikwissenschaftler und Theologen versuchten, kanonische Figuren der Kunst- und Geistesgeschichte wahl­weise zu kulturellen »NS-Propheten« zu mo­dellieren oder als »jüdisch« zu diskreditieren und aus dem kollektiven Gedächtnis zu streichen. Klee kritisiert die Kontinuität des radikalen Anti­semitismus in der Familie Wagner ebenso, wie er herausragende Opfer des deutschen »Kulturlebens« immer dann zu Wort kommen lässt, wenn dies der umfassenden Anklage unaufgearbeiteter NS-Vergangenheit dient, als die sein nützliches Nachschlagewerk zu lesen ist.

Bereits mit seinem 2003 erschienenen »Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945« hatte Klee ein »Standardwerk« (Zeit) abgeliefert, dem »Zu­verlässigkeit« und »unübertroffene Vollstän­digkeit« (Frankfurter Rundschau) bescheinigt wurde. Die nun erschie­nene Fortsetzung ist ein Dokument einer zur fruchtbaren Obses­sion gewordenen, titanischen Rechercheleistung: Wann ist es je schon einmal einem einzelnen Autor gelungen, in jahrelanger Archivarbeit, alles in allem jedoch erstaunlich knapper Zeit ein solch umfassendes Nachschlagewerk zustandezubringen?

Kleine Fehler, die in jeder Enzyklopädie vorkommen, wie Klee übrigens auch in der Taschenbuchausgabe des »Personenlexikons« einräumt, sind da unvermeidlich. In dem Artikel zu dem Schauspieler Emil Jannings etwa, der auf der »Gottbegnadeten-Liste« Adolf Hitlers stand, auf der die privilegiertes­ten Künstler des »Dritten Reichs« verzeichnet waren, erfahren wir, dass der Film­star klassische antiimperialistische Argumen­ta­tionen vorbrachte, um den NS-Kampf gegen die Briten zu legitimieren. Klee zufolge war er Gesamtleiter des »antibritischen Hetzfilms Ohm Krüger«, der mit der »NS-Lüge« aufwarte, »die KZs seien eine britische Erfindung«.

An solchen Stellen sollte man, will man es genauer wissen, besser anderswo weiterlesen. In Wolfgang Wippermanns Buch »Konzen­trationslager. Geschichte. Nachgeschichte. Ge­denken« (1999) etwa erfährt man, dass die spanische Kolonialmacht bereits 1896 auf Kuba so genannte campos de concentración errichtete; zwei Jahre später waren es die Amerikaner, die »concentration camps« auf den Philippinen einführten – gefolgt von den Briten, die 1900 in Südafrika die Angehörigen der aufständischen Buren in ähnliche menschenfeind­liche Einrichtungen steckten.

Um die aus Jannings’ Bemerkungen spre­chen­de perfide Argumentation der Nationalsozialisten auszuhebeln, sie kämpften für die Beendigung des weltweiten inhumanen Imperialismus des Commonwealth, hätte Klee also genauer arbeiten müssen. So aber haben seine Kritiker leichtes Spiel. Noch minimalere Irrtümer wie der, der ebenfalls auf Hitlers »Gottbegnadeten-Liste« stehende Bestsellerautor Gustav Frenssen habe 1936 ein Buch über das »germanisch-heidnische Gottesgefühl« mit dem Titel »Nordmark« geschrieben, fallen dagegen nicht unbedingt ins Gewicht.

Klees Lexika gehören trotz der Mängel in jedes Bücherregal von Lesern, die sich von dem hohen öffentlichen Ansehen nach wie vor beliebter Figuren des deutschen Kultur- und Geis­teslebens nicht für dumm verkaufen lassen wol­len. Lobt ein Regisseur wie Claus Peymann, der sich gerade wieder einmal als Hans Dampf in allen Gassen für die Freilassung von Christian Klar einsetzt und als letzter standhafter Kapitalismuskritiker in die Brust wirft, die Wiener Burgtheaterschaupielerin Paula Wessely (1907 bis 2000), so rückt Klees Nachschlagewerk diese unkritische Verehrung in ein fragwürdiges Licht. Wessely begrüßte den »Anschluss« Österreichs an das »Dritte Reich« öffentlich und spielte, von Goebbels verehrt, in rassistischen NS-Hetzfilmen wie »Heimkehr« (1941), der den Überfall Polens rechtfertigte.

Wer sich schon immer gefragt hat, warum wir im deutschen Fernsehen über Jahrzehnte Darsteller wie Georg Thomalla und Johannes Heesters sehen mussten, die, sobald sie in alten Filmen oder den üblichen Talkshows auftauch­ten, unsere Großeltern in Verzückung brachten – auch der schlage einmal bei Klee nach. Thomalla, der nach 1945 »bald zum Parade-Spaßvogel der bundesdeutschen Film-Klamotte« avancierte, wie Klee erinnert, agierte zur NS-Zeit in zahlreichen kriegshetzenden Porpagandastreifen wie »Über alles in der Welt« (1941), der die »Schlacht um England« vorbereiten sollte.

Der von Hitler »gottbegnadete« Heesters schwang seinen Zylinder in Goebbels’ »Wunsch­konzert für die Wehrmacht« zwecks Hebung der »Truppenmoral« und trat 1941 sogar im KZ Dachau auf. Klee widerlegt Heesters’ Lüge, er habe dort damals bestenfalls für einen Schnapp­schuss posiert und sei dann schnellstens wieder abgefahren, mit dem Widmungs­blatt eines seinerzeit vom KZ-Kommandanten über­reichten Fotoalbums, das Heesters und seinem Ensemble für den »frohen und heiteren Nachmittag im K.L. Dachau« dankt. Noch 2006 behauptete Heesters in der ARD-Talkrunde »Beck­mann« über den KZ-Auftritt: »Ich habe nicht gesungen.« Dazu zitiert Klee einen Bettelbrief Heesters’ an den »Füh­rer«, in dem der Schauspieler sogar darum bittet, in noch mehr Propagandafilmen mitspielen zu dürfen: »Ich wäre sehr froh, wenn Sie mich einmal zu einer persönlichen Rücksprache empfangen würden. Heil Hitler! Ihr sehr ergebener Johannes Heesters.«

Nicht zuletzt gibt Klees unschätzbare Materialsammlung Aufschluss über die hehre Welt der NS-Literatur und ihrer Folgen. Gertrud Fussenegger, der soeben im deutschspachigen Feuilleton als »­Grande Dame der österreichischen Literatur« herz­lich zum 95. Geburtstag gratuliert wurde und die man in der Nachkriegszeit mit regelmäßig verliehenen Preisen ehrte, trat 1938 in die NSDAP ein und gratulierte Hitler zum »Anschluss« mit dem netten Poesiealbumsvers: »Führer des Volkes, dem es gegeben war,/Tränen der Freude zu locken aus lange erblindetem Aug’.«

Wer mehr von dem lesen will, was andere immer noch gar nicht wissen wollen, der besorge sich Klees Lexika. Ohne die darin enthaltenen Basisinformationen kann man vieles, was bis heute in Film, Funk und Fernsehen, der Literatur und der Wissenschaft das deutsche Leben prägt, nicht richtig verstehen. Es ist an der Zeit, den Blick hinter die Kulissen zu wagen.

Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S.Fischer, Frankfurt a. M. 2007, 720 Seiten, 29,90 Euro