Alte Männer mit Kugelschreibern

Keine Ahnung haben, aber alles kontrollieren wollen: Politiker und das Internet.
kommentar von bov bjerg

Von Bov Bjerg
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»Das Internet ist kein rechtsfreier Raum!« Ein gutes Pils braucht sieben Minuten, mühsam nährt sich das Eichhörnchen, und wo war doch gleich die Ente fett? Kommse rein, könnse rausgucken! Beförderung nur mit gültigem Fahrausweis? Na also. Unkenntnis und Phrasen pflastern ihren Weg.

Michael Glos, der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, bekennt freimütig, er habe »Gott sei Dank Leute, die für mich das Internet bedienen«. Was hätten wohl die jungen Sumerer mit ihrem Technik-Popen gemacht, wenn der ebenso freimütig getönt hätte, er habe einfach keine Lust, sich mit so einem neumodischen Kram wie diesem »Rad« zu befassen? Vermutlich hätten sie ihn – kreative Anwendung neuer Technologien – einfach gerädert.

Der, dessen Namen man nicht mehr hören und schon gar nicht schreiben mag (er ist Bundes­innenminister), gesteht: »Ich komme in keinen Computer rein.« Klar, der Pate braucht sich um die Drecksarbeit nicht mehr zu kümmern. Vielleicht sogar besser, wenn er die Details gar nicht kennt.

Und die Opposition? Hans-Christian Ströbele ant­wortet auf die Frage, ob er einen Computer besitze, mit der Zerknirschtheit eines beim Autofahren erwischten Amish: »Leider ja«. Und über seine Erfahrungen mit dem Netz druckst er herum wie andere Politiker über ihren Cannabis-Konsum: »Ins Internet bin ich, glaub’ ich, einmal oder zweimal bisher gegangen.« Vermutlich hat er dabei die Luft angehalten, um nicht inhalieren zu müssen.

Machen wir uns nichts vor: In den vergangenen Jahren ist, nicht nur in Deutschland, eine gefährliche Parallelgesellschaft entstanden. Eine Gegen­gesellschaft von alten Männern, die sich kurz nach Erfindung des Kugelschreibers vom technischen Fortschritt abgekoppelt haben. Reaktionär, dogmatisch, unbelehrbar – und auch noch mächtig stolz darauf.

Unsere grundlegenden Werte sind ihnen fremd. Soweit sie davon auch nur Kenntnis erlangen, wollen sie diese Werte zerstören. Die freie Information behindern und die freie Rede bestrafen. Sie wollen über unsere Rechner bestimmen, obwohl sie kaum imstande sind, ihren eigenen auch nur einzuschalten. Sie sind längst dabei, uns zu kolonialisieren. Ihre Missionare heißen Polizist und Staatsanwalt. Ihr liebster Psalm und Schlacht­ruf zugleich lautet: »Das Internet ist kein rechtsfreier Raum!«

John Perry Barlow hat schon 1996 die Unabhängigkeit des Cyberspace erklärt. Machen wir endlich Ernst damit. Grenzen dicht, UN-Mitgliedschaft. Länder wie China und Deutschland wären Ausland – zunächst natürlich feindliches. Um Wolfgang Schäuble (hoppla!) die Orientierung zu erleichtern, nennen wir unser Staats­wesen einfach: Troja II.

Natürlich, sie werden uns belagern. Doch wir haben aus der Geschichte gelernt. Wenn es eines Morgens klingelt, und vor der Tür steht ein Pferd aus Holz und aus seinem Innern hallt dumpf eine Stimme: »Tach, mein Name is’ Spezialagent Schulz. Bitte führn Se mich zu Ihrn Kompjuta!« – dann bedanken wir uns höflich für den Besuch und machen die Tür wieder zu.