St. Adolf von Süpplingen

Im niedersächsischen Süpplingen sitzt ein NPD-Mitglied im Kirchenvorstand einer evangelischen Gemeinde. Im Ort erhält er großen Zuspruch. Von Janine Clausen und Andreas Speit

Kein böses Wort ist über Adolf Preuß auf der Straße zu hören. »Der liebe Adolf, der wohnt da drüben«, sagt eine Frau. Sie weiß auch: »Der ist in der NPD.« Und sie fügt hinzu: »Die ist ja nicht verboten.« Ein Geheimnis hat der Landwirt nie aus seiner Gesinnung gemacht. An seiner Scheune hängt ein leicht angerostetes Blechschild. Gut lesbar steht darauf: »Dreigeteilt? Niemals!« Geziert wird es von einer Abbildung Deutschlands in den Grenzen von 1937.

In der niedersächsischen Gemeinde Süpplingen mit ihren 1 900 Einwohnern störte sich lange niemand öffentlich an der Parteizugehörigkeit von Preuß. Stattdessen erfährt der braune Bauer breiten Zuspruch. Seit fast 40 Jahren gehört der 66jährige zum Gemeinderat und seit beinahe 20 Jahren zum Kirchenvorstand der evangelisch-lutherischen St. Lambertus-Gemeinde. Nun aber wurde der Gemeindefrieden gestört. Verschiedene Medien hatten in den vergangenen Monaten bei der Gemeinde nachgefragt: Wie kann ein NPD-Kader ein Kirchenamtsinhaber sein? Warum störten dessen politische Ansichten in der Kirchengemeinde niemanden?

Am 26. September kamen rund 150 Gemeindemitglieder in die Kirche. »Aus aktuellem Anlass« hatte der Vorstand geladen. Das Thema wurde vorsichtig angedeutet: »Die Medienberichte der letzten Wochen«. Auf der Straße wurden einige Anwohner deutlicher: »Nur wegen der Presse haben wir jetzt hier Unfrieden«, sagte ein Frau. Ein Anderer stimmte zu: »Adolf, der ist nett und hilfsbereit.« Er betonte: »Schlimm, dass der jetzt aus der Kirche wohl raus soll.«

Die Landeskirche Braunschweig kam in Erklärungsnot. Landesbischof Friedrich Weber sagte, dass die Kirche nichts von der Parteizugehörigkeit Preuß’ gewusst habe. Im Ort sei das hingegen allen bekannt gewesen. Als »Problem« sei es aber nicht empfunden worden, räumte der Bischof ein und meinte, der Pfarrer habe zumindest versäumt, Preuß auf die Widersprüche zwischen dem Programm der NPD und einem Gelöbnis als Kirchenvorstand anzusprechen. Eine Äußerung, die in der Gemeinde auf Missfallen stieß. Nicht nur die Nachbarn von Preuß befürchten, dass »die Kirchenoberen« den NPD-Mann aus der Gemeinde drängen könnten. Es sollen sogar Kirchenaustritte angedroht worden sein. »Das kann ich nicht dementieren«, sagte Michael Strauß, der Pressesprecher der Landeskirche, zur Jungle World.

Im Auftrag der Landeskirche versucht der Propst Andreas Weiß nun einen Ausweg zu finden. Die Kirche scheint zu befürchten, dass sich die Gemeinde umso mehr mit Preuß solidarisiert, je mehr sich die Kirche von ihm distanziert. Allein wegen seiner Mitgliedschaft in der NPD könne Preuß nicht des Amtes enthoben werden, sagte der Kirchenvorstand beim Treffen mit den Gemein­demitgliedern in der Kirche. Also wurde beschlossen, mit ihm in einem Gespräch zu erörtern, ob einige kritische Punkte im Programm der NPD mit dem christlichen Glauben vereinbar seien.

»Das Menschenbild der NPD steht dem christlichen Grundgedanken gänzlich entgegen«, betont Kirchensprecher Strauß. Die föderale Struktur der evangelisch-lutherischen Kirche lasse aber nicht zu, dass ein Kirchenvorstand von oben Anweisungen erhalte. Zur Abdankung könne ein Kirchenvorstandsmitglied nur dann gezwungen werden, wenn es nicht in allen Punkten der Kirchenverfassung zustimme.

Auch die NPD meldete sich inzwischen zu Wort. »Hetzjagd in Christi Namen?« fragte sie in einer Presseerklärung und führte aus: »Die Kirche wusste seit über 20 Jahren, dass Preuß Nationaldemokrat ist. Jetzt, wo die NPD sich anschickt (…) in den Landtag zu ziehen, versucht sich die Landeskirche in Inquisition.« Die Partei behauptet, dass bei ihr »Christen und heidnisch orientierte Menschen gemeinsam für Deutschland« stritten. In der NPD gebe es konfessionslose Abgeordnete und Mitglieder, die sich dem christlichen Glauben verbunden fühlten, verkündete unlängst der Fraktionsvorsitzende der NPD in Sachsen, Holger Apfel. Es existiert sogar ein Arbeitskreis »Christen in der NPD«, dem beispielsweise der Fraktionsgeschäftsführer in Mecklenburg-Vorpommern, Peter Marx, angehört.

Intern wird auch über das Verhältnis zur Religion diskutiert. Im Internetforum des Harzer Kreisverbands schrieb ein NPD-Mitglied, dass das »Christentum« nicht mit dem »Gutmenschen-Gewäsch vieler heutiger Pfaffen« zu verwechseln sei. Denn es würde auch für die »Ungleichheit der Menschen« stehen. »Wer Jesus für einen Fremden hält, sollte berücksichtigen, dass Jesus das Judentum als brutale und rassistische Gewalt­religion überwand.«

Viele Worte soll Preuß nie über seine Beziehung zur Partei und zur Kirche verloren haben. Der

Mann gilt selbst in der Partei nicht als großer Redner. Man hat ihn aber seitens der Kirche wohl nie darauf angesprochen. Seit 17 Jahren ist Pfarrer Bernhard Sieverling in der Gemeinde. Über Politik habe er mit Preuß nie geredet, räumte er zuletzt ein. Gegenüber den Medien betonte er, kein hilfsbereiteres Kirchenmitglied als Preuß erlebt zu haben. Die Fassade der Kirche habe er gestrichen, den Rasen am Gotteshaus gemäht, und für das Osterfeuer habe er mit dem eigenen Trecker das Gestrüpp abgeholt. Die Kirchenmitglieder honorierten das Engagement bei der Vorstandswahl: Das NPD-Mitglied erhielt das zweitbeste Ergebnis.

Im Gemeinderat von Süpplingen ist es mit der Ruhe auch dahin. Manches Ratsmitglied soll sich, trotz anders lautender Bekenntnisse, der Hilfsbereitschaft von Preuß weiter bedienen. Bürgermeister Harald Schulze (CDU) denkt indes: »Die Person Adolf Preuß wird gewählt, nicht der Parteigänger.« Preuß sitzt – für die NPD – nicht nur im Gemeinderat von Süpplingen, sondern auch im Helmstedter Kreistag und im Gesamtgemeinderat Nord-Elm. Sein jüngerer Bruder Friedrich sitzt – auch für die NPD – im nahen Ortsrat Emmerstedt und zusammen mit Elke Raabe im Helmstedter Stadtrat. Auf Platz acht der Landesliste der NPD kämpft der Bruder jetzt bei der Landtagswahl um die Gunst der Wähler.

Sein Kirchenamt wollte Preuß bisher nicht niederlegen. Für Gespräche stehe er jedoch »selbstverständlich zur Verfügung«, sagte er am Abend des 26. September in der Kirche. Landesbischof Weber betont: »Wir erledigen da etwas stellvertretend für die ganze Evangelische Kirche in Deutschland.«