Der Einzelne und sein Eigenheim

Der Stolz der Mittelschicht ist das ­Eigenheim. Droht der Verlust des ­Hauses, gerät das Selbst­verständnis ins Wanken. In Zeiten der Immobilien­krise fürchten Millionen Amerikaner, ihr Haus zu verlieren. Wie verhandelt die Literatur den Traum und Alptraum vom Einfamilienhaus? Maik Söhler hat sich die neuere US-amerikanische Literatur daraufhin angeschaut
Anzeige

Was wäre, wenn Ussama bin Laden an der derzeitigen Krise des US-Immobilien- und weltweiten Börsenmarkts schuld wäre? Eine absurde Frage für all jene, die ihr Wissen über ökonomische Zusammenhänge aus den Medien beziehen. Und eine gar nicht so absurde Frage für all jene, die auch die Literatur zu Wort kommen lassen wollen, wenn es darum geht, die so genannte Wirklichkeit zu ergründen. Literatur bedient sich ja nur bedingt des Faktenwissens und setzt ihm – mal vergnüglich, mal luzide, mal destruktiv – das Reich der Fiktionen entgegen oder verknüpft es mit der Welt der Nachrichten bis zur Unkenntlichkeit beider.

Jay McInerney heißt einer der Schriftsteller, die das besonders gut können. In seinem neuen Roman »Das gute Leben«, der jüngst auf Deutsch erschienen ist, baut er geschickt einen so gut wie unbekannten Aspekt der US-Immobilienkrise in den Plot ein. Der Plot, das ist: 9/11. McInerney untersucht literarisch, was dieser Tag an individuellen und kollektiven Traumata samt der dazugehörigen Bewältigungsversuche ausgelöst hat.

Nach den Anschlägen denken immer mehr New Yorker darüber nach, ihre geliebte Metropole in Richtung Umland zu verlassen. Vor allem Familien sind es, die plötzlich überlegen, ob es sich nicht auch gut in Connecticut leben ließe. Wären die zwei, drei Stunden Pendelverkehr pro Tag zur Arbeit in New York nicht in Kauf zu nehmen, wenn es im Gegenzug ein größeres Maß an Sicherheit gäbe? In der Folge steigen die Grundstückspreise im New Yorker Umland rasant an – und mit ihnen, wie man aus der Welt jenseits der Fiktionen weiß, die Kreditzinsen.

McInerneys Zugang zum Thema ist auch deshalb interessant, weil er einen zentralen Topos der US-Literatur aufnimmt und aktualisiert. In kaum einem Land kommt der Mobilität des Einzelnen so viel Bedeutung zu wie in den USA. Ohne Auto bist du nichts, wer den Greyhound oder einen der abgehalfterten Amtrak-Züge benutzt, muss den Führerschein verloren haben oder arm sein.

Der britische Reisejournalist Richard Grant schrieb in »Ghost Riders«, seinem herrlichen Buch über amerikanische Nomaden, er verstehe den weitverbreiteten Hass weißer US-Amerikaner auf die American Natives nicht. »Die Comanchen, so wird behauptet, stiegen selbst für einen Weg von 100 Metern aufs Pferd, genauso wie ein Amerikaner heute für die gleiche Strecke das Auto benutzt«, schreibt er und verbindet damit zwei Bevölkerungsgruppen, deren jeweils größter Teil bis heute jede Gemeinsamkeit bestreitet. Anders, mit einem Klischee gesagt: Hätte es damals schon Briefkästen gegeben, wären die Comanchen zu Pferde dahin geritten.

Wo Grant bedauert, dass der Mobilitätsfixierung der US-Amerikaner keine konsequente Ver­weigerung der Sesshaftigkeit folge, da schlägt die große Stunde der auf mikrokosmische Be­obachtung spezialisierten US-Literaten. John Updike hat fünf Romane – seine so genannte Rabbit-Pentalogie – darauf verwandt, das Leben in der fiktiven Kleinstadt Brewster genauer einzufangen, als es der Stadtarchivar eines realen Provinznests je könnte.

Hier begegnet uns das Gegenbild zu McInerneys örtlich wenig gebundenem Metropolenleben. Es ist ohne ein Eigenheim, das fast immer ein Einfamilienhaus ist, so wenig denkbar wie der Weg zu Fuß zum Briefkasten. Das Einfami­lienhaus gilt den Arbeitern als Ziel schlechthin. Keines zu haben, käme der Reise im Greyhound gleich. Der Mittelschicht gilt das eigene Haus als ein Gut, das man um jeden Preis verteidigt. In Zeiten der Wirtschaftskrisen verzichtet man lieber auf den Urlaub und gewisse Statussymbole, als das Häuschen zu verkaufen (oder eines der Autos).

Folgt man Updike weiter, so ist allein der Oberschicht der Haus- und Grundbesitz nicht mehr so wichtig. Denn man verfügt ja über mehrere Häuser, Eigentumswohnungen und Grundstücke, die der Bebauung noch harren, so dass der Verkauf eines Objekts kaum ins Gewicht fällt. Ein wichtiger Punkt bleibt bei Updike seltsam unterbelichtet – die Binnenmigration. In Brewster sind die wenigsten Bürger gezwungen, in andere Städte oder Landkreise zu ziehen, um Arbeit und Einkommen zu finden.

Das ist bei Jonathan Franzen anders. Die meis­ten seiner Bücher sind bestimmt von der Dialektik von Mobilität und Hausbesitz. Sein Bestseller »Die Korrekturen« beginnt im Haus der in die Jahre gekommenen Eltern. Die Kinder sind erwachsen geworden und leben quer übers Land verstreut, wo sie studieren, arbeiten oder abhängen; die Eltern bleiben zurück und warten sehnsüchtig auf ihre Besuche an Thanks­giving oder Weihnachten.

Diese Besuche im Elternhaus bilden quer durch Franzens Werk die dunklen Höhepunkte seiner Prosa. Erwachsen geworden und wahlweise allein oder an der Seite des gegenwärtigen Lebenspartners, gestaltet sich die Rückkehr an den Ort der Kindheit zum meist quälenden Mix aus Erinnerungen und Veränderungswünschen. Man will den egomanischen Vater vom Sockel stoßen, die Mutter mit den Errungenschaften des Feminismus konfrontieren und dabei auch noch die Kindheitserinnerungen genießen, vielleicht sogar den Geschwistern oder dem Partner mitteilen. Das Einfamilienhaus bietet den Rahmen, in dem das Scheitern an solch einem riesigen Unterfangen vorprogrammiert ist.

Franzen ist es auch, der in seinem autobiografischen Bericht »Die Unruhezone« das Elternhaus nach dem Tod der Mutter zum Ausgangspunkt für Reflexionen über sein Leben nimmt. Das immobile Haus wird zum Zentrum in einer mobilen und unruhigen Welt. Die Rückkehr dorthin dient der Sammlung der Gedanken, dem Bündeln und Verarbeiten der Erinnerung. Kindheit wird nicht verklärt, sondern durch intensive Arbeit an der Vergangenheit nutzbar gemacht, um zu erkennen, wie man selbst so tickt. Es kehrt Ruhe ein, und mit ihr eine souveräne Akzeptanz der Dinge und Verhältnisse. Diese Ruhe und Akzeptanz bilden den Ausgangspunkt für alle noch kommenden Aufbruchs- und Veränderungsversuche.

Stewart O’Nan hat vor ein paar Jahren etwas Ähnliches mit seinem Roman »Abschied von Chautauqua« geleistet, obwohl es darin »nur« um ein Ferienhaus geht. In John Cheevers jüngst neu aufgelegter »Wapshot Chronicle« ergeben sich aus der Havarie eines Bootes, dem der Charakter eines Hausersatzes zukommt, Abnabelungen, die in alle Welt führen. Von der Existenz der Dialektik von Mobilität und Hausbesitz auch in weiter zurückliegenden Zeiten zeugen viele moderne Klassiker: Die US-Dramatik wartet mit Arthur Millers »Tod eines Handlungsreisenden« auf, die Lyrik mit Edgar Lee Masters »Die Toten von Spoon River« (man setze hier einfach Kleinstadt und Haus gleich), die Prosa mit Sherwood Andersons Erzählungen in »Winesburg, Ohio«, die Kurzprosa mit Teilen des Werkes von Raymond Carver.

Vor allem mit Anderson und Carver kommen wir zwei weiteren Aspekten des Hausbesitzes in der US-Literatur auf die Spur: der Ideologie und der Abwesenheit des Glücks. »Life, liberty, and the pursuit of happiness« – dieser legendäre Satz aus der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist sowohl Versprechen als auch Ideologie. Thomas Jefferson zählte »the pursuit of happiness« – das Streben nach Glück – zu den »selbstverständlichen Wahrheiten«, ohne darauf einzugehen, dass die Formel von dem Philosophen John Locke entlehnt war. Bei ihm hieß sie noch »life, liberty and estate (or property)« und man sieht daran gut, wie eng »happiness«, »estate« und »property«, also Glück, Grundbesitz und Eigentum, verknüpft sind.

Die US-Journalistin Joan Didion erzählt in ihrem Essay-Band »Im Land Gottes«, wie sich der damalige Präsident Ronald Reagan auf einen anstehenden Staatsbesuch aus der Sowjetunion vorbereitete. Er wollte mit seinem Gast im Flugzeug in geringer Höhe über Kalifornien fliegen, und wenn dieser dann spöttisch über die vielen Häuser mit Swimmingpool bemerke, das seien wohl die berühmten Villen der Millionäre, dann werde er, Reagan, antworten: Nein, das seien nur die Häuser der Arbeiter.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Wo das Eigenheim vielleicht noch in Träumen zum Symbol für Glück taugt, da hat die Literatur sich längst daran gemacht, das Trügerische dieses Traums zu offenbaren oder sich gleich auf das unerfüllte Glücksversprechen gestürzt. Ob Angst vor dem sozialen Abstieg, familiäre Enge, Scheitern der Ehe, ökonomische Krise, Abkapselung von der Gesellschaft oder der Umbau des schnuckeligen Heims in eine Mischung aus Hochsicherheitstrakt und Statussymbol – in der Literatur wohnt der Niedergang oft im Einfamilienhaus.

Updike spricht im Vorwort zu Andersons »Winesburg, Ohio« von der ausbleibenden Erlösung, dem »bohrenden Gefühl, dass das Leben anderswo spielt«. Carver schreibt in seiner Kurzgeschichte »Nachbarn«: »Die Millers hatten den Eindruck, dass die Stones ein erfüllteres und schöneres Leben führten.« Auf der ersten Seite von Franzens »Die Korrekturen« heißt es: »Überall im Haus läutete eine Alarmglocke, die außer Alfred und Enid niemand hörte. Es war die Alarmglocke der Angst.« In Bret Easton Ellis’ letztem Roman wendet sich sogar das gerade erworbene Haus gegen die Besitzer und entwickelt ein grauenvolles Eigenleben.

Richard Ford schließlich zeigt in seinem Roman »Unabhängigkeitstag«, dass man es den Hausbesitzern ohnehin nicht recht machen kann. Im Gegensatz zu McInerney, der seine Protagonisten über die steigenden Grundstücks- und Immobilienpreise sprechen lässt, ist Fords Hauptfigur Frank Bascombe besorgt wegen der »fallenden Immobilienpreise«, die »wie ein böser Wind durch die Bäume ziehen«. Denn es müsse »für eine Stadt, für ihren Lokalesprit, ja auch etwas bedeuten, wenn ihr Wert auf dem freien Markt fällt. (Warum sonst wären die Immobilienpreise ein Index für das nationale Wohlergehen?)«

Ja – warum nur? Wenn die Kredite für’s Eigenheim zu hoch sind, geht es den Hausbesitzern schlecht. Ebenso, wenn die Immobilienpreise zu niedrig sind. So oder so – ums nationale Wohlergehen der USA scheint es nicht gut bestellt zu sein. Ums Wohlergehen der US-Literatur, die dazu so viel zu sagen hat, hingegen schon.