Neil Young zu Gast in Berlin

Ein Tag im Leben

Der Rock-Opa Neil Young gastierte mit seiner »Electric Band« in Berlin und headbangte sich durch die wichtigsten Songs seines über 40jährigen Schaffens.

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A lucky man who made the grade

Manche Lieder vergisst man nie. Und oft sind es sogar nur bestimmte Stellen solcher Songs, die ihre Hörer schlagartig in surreale Stimmungen zu versetzen vermögen. Das funktioniert auch nach vielen Jahren noch wie im ersten Moment und startet eine autobiografische Zeitmaschine im Kopf. Es müssen nicht einmal Melo­dien sein, die sie in Gang setzen. Manchmal sind da Geräusche oder andere Details sogar effektiver.
Eines dieser Stücke, das für Generationen von Musikhörern eine ganze Collage solcher Erinnerungsauslöser bereithält, ist »A Day In The Life« von den Beatles. John Lennon und Paul McCartney schrieben den komplexen Song 1967 und veröffentlichten ihn als letzten Titel auf ihrem legendären Konzeptalbum »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band«. Sein Text erzählt unter anderem von so rätselhaften Dingen wie dem Wissen darum, wie viele Löcher man brauche, um die Londoner Royal Albert Hall zu füllen. Andererseits beeindruckt das Stück aber auch durch sein geradezu filmisches Klangarrangement: Nach einigen sachte aus dem Tosen eines jubelnden Publikums herangeblendeten Akustik­gitarren- und Klavierakkorden hebt der Track mit den wie in weiter Ferne von Lennon gesungenen Worten an: »I read the news today, oh boy/about a lucky man who made the grade«.
Auch wenn sich der Beatles-Zeitgenosse Neil Young mit seinen mittlerweile 62 Jahren »nachlässig« kleidet (Berliner Morgenpost), kann man von ihm wohl sagen, dass er ein solcher »glücklicher Mann« ist, der es »zu etwas gebracht hat«, wie die deutsche Übersetzung des zitierten Verses lautet. Er ist Millionär und einer der letzten lebenden, wirklich großen Stars der modernen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Noch dazu ist er »einer der großen Dauerkonkurrenten von Captain Bob (Dylan) im Electric Folk Wonderland«, wie Klaus Theweleit einmal trocken feststellte.
Dass der rüstige Country-Rocker und erklärte Oldtimer-Automobil-Freak aus den USA bei seinem denkwürdigen Auftritt in der Zitadelle Span­dau ausgerechnet »A Day In The Life« zum donnernden Finale seines Konzerts erkor, war die größte Überraschung des Abends. In dem psychedelischen Lied heißt es nämlich unter anderem weiter, dass jener »glückliche Mann« in einem Auto gestorben sei, weil er nicht merkte, dass die Ampel schon auf Rot geschaltet hatte: »He blew his mind out in a car/He didn’t notice that the lights had changed«.
Youngs kongeniale Intonation dieses frühen Prog-Rock-Songs war nicht nur eine tiefe Verbeugung vor den Beatles, sondern auch selbst­ironisch zu verstehen. Das Statement erscheint sogar noch umso vieldeutiger, je mehr man über die musikalische Botschaft nachdenkt: Dass Young 2006 eine große US-Tournee mit den alten Woodstock-Cowboys Crosby, Stills und Nash absolvierte (alle zusammen abgekürzt: CSNY), um mit der Live-Präsentation seines im Handumdrehen geschriebenen Albums »Living With War« die Absetzung von Präsident George W. Bush zu propagieren und den Irak-Krieg zu kritisieren (der Dokumentarfilm dazu, »Déjà Vu«, läuft gerade noch in unseren Kinos), scheint sich etwa in dem sarkastischen Lennon-Vers aus »A Day In The Life« zu spiegeln, in dem es lakonisch heißt: »I saw a film today, oh boy/The English army had just won the war«.
Es war die einzige Zugabe, die der grimmige alte Mann dem Berliner Publikum gewährte, und es war sofort klar, dass danach auch nichts mehr kommen konnte. Am Ende dröhnte nur noch ein endloser Donner durch die Jahrhunderte alte militärische Wehranlage der Zitadelle, in deren hinterem Bereich noch zwei bauchige Kanonen aus der Vorzeit der modernen Artillerie eher putzig herumstehen. Young ließ es ordentlich auf der Bühne krachen, so dass die tief über dem Areal schwebenden Jets, die im Minutentakt aus dem Himmel gen Flughafen Tegel hinabsanken, dezibelmäßig gar keine Schnitte mehr hatten.
»A Day In The Life« bringt die Neuronen seiner Hörer in der Originalversion nämlich nicht zuletzt dadurch zum Rotieren, dass sich in dem Song zweimal ein ganzes Sinfonieorchester zu einem dissonanten Crescendo emporschraubt, das auf seinem Höhepunkt – kurz bevor man glaubt, endgültig durchzudrehen – jäh abbricht. Am Ende wird es nach einer Sekunden kurzen Pause von einem donnernden Klavierakkord abgelöst, der voll ausklingt: Neil Young übernahm diesen gesamten Orchesterpart in seiner Cover-Version mit seiner alten Gibson Les Paul von 1953: Er drosch brutal auf die Saiten ein, um schließlich jenen brachialen tiefen Hammer-Akkord ertönen zu lassen, gegenüber dem ein Vulkanausbruch im nahe gelegenen Spandau geradezu zum Meditieren eingeladen hätte. Good Night, Berlin: Ganz am Ende waren alle Saiten gerissen und wirbelten blitzend durch die Luft, eine halbe Ewigkeit klirrte und brummte es nur noch höllisch, und dann war auch schon alles vorbei. Die Musiker verließen wortlos die Bühne. Das Licht ging an. Der Tag war um.

Porträt eines Musikers als alter Mann

Im »Déjà Vu«-Film wird eine amerikanische Zeitung mit einer Konzertkritik zitiert, die Young in einem kürzlichen Interview mit dem Spiegel nicht ohne Stolz aufgriff: Demnach habe es so ausgesehen, als hätten die alten Herren auf der Bühne ihre Arztrezepte verglichen. In Berlin trat Young allerdings nicht mit Crosby, Stills und Nash auf, sondern unter anderem mit seiner Frau und Backgound-Sängerin Pegi, dem Steel-Gitarristen Ben Keith und dem Bassisten Rick Rosas.
Letztgenannten konnte man bereits als Sideman in »Déjà Vu« bewundern, und man fragte sich auch im Berliner Konzert wieder, ob es sich bei diesem geschlechtslos wirkenden Wesen nun um eine ältere Squaw aus einem kanadischen Indianerreservat oder doch nur um einen abgehalf­terten Hippie aus irgendeinem kalifornischen Sei­tental handele. Der Nashville-Veteran Ben Keith bediente schon auf Youngs Solo-Klassiker »Harvest« (1972) die Pedal Steel Guitar und saß an die­sem Abend einmal mehr so bedächtig vor diesem Truck-Stop-Instrument wie ein sedier­ter Fried­hofsorganist. Dann stand plötzlich auch noch einer der Gitarrentechniker mit seinem altertümlich nach oben gezwirbelten Schnauz­bart auf der Bühne und zupfte mit reglosem Gesicht an einem Banjo herum. Die ganze Zitadelle tobte.
»Rock’n’Roll is here to stay«: Young begann die ausführliche, gut zweistündige Inventur seines Solo-Gesamtwerks seit 1968 mit dem Ur-Grunge-Rock’n’Roller »Hey Hey, My My«. Die punkigen Teenager hinter uns, die hier naturgemäß eher in der Minderheit waren und für die selbst Youngs Schüler von der Band Pearl Jam, mit denen der Meister 1995 das mäßige Album »Mirror Ball« aufnahm, Oldies sein dürften, flippten gleich aus und holten sich für die kommende halbe Stunde literweise Bier.
Lange legte Young danach die E-Gitarre gar nicht aus der Hand und setzte immer wieder zu seinen unverkennbar ungelenk intonierten Schrott-Soli an, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie aus ganz viel Krach bestehen. Dass der Wahlkalifornier kein großer Virtuose ist und eher so spielt wie ein 14jähriger, den man nach drei Gitarrenstunden mit der Anweisung auf die Bühne geschickt hat, da oben einfach mal ordentlich Stoff zu geben, so lange er Lust habe, ist nichts Neues. Höhepunkt dessen war diesmal eine ultralange Hardcore-Version des Oldies »Cowgirl In The Sand« (1969).
Ganz anders dagegen tritt der Folk- und Akustikgitarrist Neil Young auf, der an diesem Abend natürlich auch nicht fehlen durfte und für den vor allem vier Songs stehen, die im Grunde jeder kennt. »The Needle And The Damage Done«, ein betont träge heruntergeschrummelter Nachruf auf einen geliebten Freund, der dem Heroin zum Opfer fiel, wirkte wie ein einsamer Moment der Stille, genauso wie die unvermeid­liche Ontario-Kindheitserinnerung »Helpless«. Diese Songs gehören heute genauso zu den statistisch am meisten aus dem Internet heruntergeladenen Neil-Young-Tracks wie die beiden geradezu kirchentagstauglichen Klampfen- und Mundharmonika-Hymnen »Heart of Gold« und »Old Man«. Letztgenannte aber wirkt, von dem gealterten Sänger auf der Bühne vorgetragen, mitt­lerweile besonders wehmütig: Während in den Lyrics ein junger Mittzwanziger von der Begegnung mit einem Greis erzählt, blickt der Komponist mit diesem Lied heute vor allem auf sich selbst als artist as a young man zurück.
Youngs Truppe brachte diese Klassiker mit solcher Inbrunst und in einem so erstaunlich kristallklaren Sound auf die Bühne, dass einem das übliche Gewitzel über »alte Hippies« in der Kehle erstarb und bei vielen Zuhörern einem fast schon irren, begeisterten Lachen wich. Andere weinten einfach nur noch und sangen alle Texte mit.
Doch darauf war man ja eingestellt: Zur Vorbereitung des Konzertbesuchs kontaktiert, antwortete der gestandene Bob-Dylan- und Neil-Young-Kenner Peter Sinram (Jahrgang 1947, Marxist) schon Tage vor dem Konzert auf meine bange Mail-Anfrage, was einen dort wohl erwarte: »Die Bierbauch-Opas im Publikum, die Mitgrölwoller, diejenigen, die nach zwei Takten aufjaulen, weil sie das Lied erkennen, kurz: die ›Brüllaffen‹ (Wiglaf Droste), muss man in Kauf nehmen.«

Blondes Haar im Wind

Peinliche Momente blieben dennoch nicht aus. Der Opener »Unknown Legend« von »Harvest Moon« (1992) etwa, ein wirklich wunderschöner Country-Song, der wie eine liebevolle Karikatur klingt und von Youngs Band auch so intoniert wurde, wartet mit zugegebenermaßen selten albernen Versen wie dem melodiösen Ausruf auf: »She rides a Harley Davidson/her long blonde hair flyin’ in the wind«. Manche der Zuhörer nahmen das wohl ernst und hatten sich auch in genau diesem Sinne gekleidet: mit Karl-May-Film-Westernklamotten samt Lederfransen an den Ärmeln zum Beispiel. Es gab aber auch biedere Italiener mit Digitalkameras, stille, unauffällige Pärchen oder dicke Glatzköpfe mit Mark-Knopfler-Tour-T-Shirt. Und komischerweise sogar langhaarige Teenies in Bundeswehrhemden, was der hierzulande wohlfeilen Bush-Kritik Youngs in ihren Augen wohl nicht widerspricht – im Gegenteil.
Den eindeutigen Tiefpunkt seines Konzerts erreicht Neil Young jedoch in dem Moment, als er sich im Hintergrund der Bühne, hoch über den unzähligen Fenderverstärkern und Lesleys, an eine groteske Pumporgel setzt und ganz allein den bedeutungsschwangeren Song »Mother Earth« jault. Man solle die Natur respektieren, unserer Kinder wegen, mahnt sein Text. Dazu ertastet der greise Rocker einige unsicher tutende Akkorde und blickt andächtig an den hoch aufragenden Orgelpfeifen hinauf: einer billigen Message wegen, die man in jedem Dritte-Welt-Laden bereits vor 20 Jahren nicht eindimensionaler geboten bekam.
Was solche platten Hinweise bewirken, weiß Young andererseits auch schon längst selbst, und wohl nicht erst seit seiner CSNY-Tour. Und so bleibt ein weiterer Vers aus einem anderen, brandneuen Song im Gedächtnis, der dieses ganze Pathos auch schon wieder ironisiert: »Just singing a song won’t change the world«. Mit dieser Faustregel im Kopf strömen die Massen schließlich zurück zur U-Bahn – vielleicht nicht unbedingt philosophisch weiter, aber zufrieden.