Interview mit Ashraf Ahmed al-Hojouj über seine acht Jahre in einer libyschen Todeszelle

»Mein Feind kam, um mir zu helfen«

Der palästinensische Arzt Ashraf Ahmed al-Hojouj wurde 1999 zusammen mit fünf bulgarischen Krankenschwestern in Libyen verhaftet und 2004 in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Um von den katastrophalen Zuständen in Libyens Gesundheitswesen abzulenken, hatte Gaddafis Regime ihm und den fünf Krankenschwestern vorgeworfen, Hunderte Kinder absichtlich mit HIV infiziert zu haben. Nach acht Jahren Haft und Folter kamen er und die Krankenschwestern im Juli 2007 frei. Jetzt sprach Ashraf Ahmed al-Hojouj vor dem Vorbereitungskomitee für die UN-Antirassismuskonferenz in Genf.
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Am vergangenen Freitag haben Sie vor dem Vorbereitungskomitee für die UN-Antirassismuskonferenz eine Rede gehalten, in der Sie ­Libyen schwere Menschenrechtsverletzungen vorwarfen. Die libysche Vorsitzende des Ko­mitees hat Sie dreimal unterbrochen und Ihnen schließlich das Mikrofon abgestellt. Wie ­reagieren Sie auf diese Maßregelung?

Mir ist völlig unverständlich, wie die freien Demokratien es zulassen können, dass dieses schreck­liche Regime auch nur ein Wort über Menschenrechte verlieren darf. Ich kann einfach nicht glauben, dass dieses Land den Vorsitz bei der Vorbereitung einer Antirassismuskonferenz innehat und dort, wie vorigen Freitag, von Gleichheit und dem Kampf gegen Rassismus spricht. Die Berber im Westen Libyens dürfen nicht mal einen Führerschein machen, ihren Kindern Namen in ihrer eigenen Sprache geben oder sie in normale Schulen schicken. Libyen ist ein rassistisches Land, das von einem schizophrenen Diktator regiert wird und sich einen Dreck um Menschenrechte kümmert.
Wie kann die libysche Regierung es wagen, über Menschenrechte zu reden? Das Rechtssystem in Libyen ist eine Farce, die Urteile werden den Richtern von Gaddafi übers Telefon mitgeteilt. Mein Fall war ein klassisches Beispiel für den Rassismus und die Xenophobie in den arabischen Staaten. Die libyschen Medien machten aus unserem Fall ein christliches Komplott gegen den Islam, obwohl ich Moslem bin.

Sie saßen acht Jahre in einer libyschen Todeszelle. Wie kam es dazu?

Ich bin in Libyen aufgewachsen. Dort bin ich zur Schule gegangen, und dort habe ich auch mein Medizinstudium begonnen. 1998 begann ich im Rahmen meines Studiums ein Praktikum in einem Krankenhaus in Benghazi. Im August kamen im Krankenhaus Gerüchte über HIV-Infizierungen auf, aber niemand von uns wusste Genaueres. Im Dezember, nachdem mein Praktikum in diesem Krankenhaus bereits beendet war, wurde ich von der Polizei vorgeladen und zu den HIV-Fällen befragt. Nach drei Tagen wurde ich wieder freigelassen. Einen Monat später wurde ich wieder zur Polizei vorgeladen. Diesmal verhafteten sie mich, und ich verschwand – einfach so.
Erst im November 1999 erfuhr meine Familie von meinem Schicksal und durfte mich kurz besuchen. In der Zwischenzeit wurde ich auf alle möglichen physischen und psychischen Weisen gefoltert. Sie versetzten mir Elektroschocks im Genitalbereich, hängten mich an der Decke auf und schlugen mich, bis ich ohnmächtig wurde. Dann überschütteten sie mich mit kaltem Wasser und fingen von vorne an. Sie vergewaltigten mich mit Polizeihunden und beließen mich wochenlang in totaler Isolation.
Meine Peiniger wollten, dass ich ein sehr gut vorbereitetes libysches Szenario gestehen sollte – tatsächlich suchten sie einfach nur Prügelknaben für ihre eigene Korruption. Schließlich drohten sie mir damit, meine Schwestern zu holen und sie zu foltern und zu vergewaltigen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich aufgab. Die Folter ging während der ganzen Zeit, die die erste Gerichtsverhandlung in Anspruch nahm, weiter. Alle Anträge unserer Anwälte wurden abgelehnt. Der Prozess war ein einziges Theater. Mein Anwalt besuchte mich in den ganzen acht Jahren nur zwei Mal und war bei den Gerichtsverhandlungen nie anwesend.
Während der Zeit, in der Verhandlungen mit den USA über den Lockerbie-Fall stattfanden, besserte sich unsere Lage, auch weil sich Libyen zu dieser Zeit um den Vorsitz der Uno-Menschenrechtskommission bewarb. Aber als die Verhandlungen über den Lockerbie-Fall scheiterten, verschlechterte sich unsere Lage entsprechend. Libyen gewann dennoch die Wahl zum Vorsitz der UN-Menschenrechtskommission. 2004 fiel dann das erste Todesurteil, das bis 2007 von zwei anderen Gerichten bestätigt wurde.

Wurde Ihre Familie auch direkt bedroht?

Mein Vater ist Mathematiklehrer, meine Mutter ist Informatiklehrerin. Meine vier Schwestern waren alle Studentinnen, als ich festgenommen wurde. Sie alle wurden ständig mit dem Tod bedroht. Ihnen wurde gesagt, dass ihr Haus angezündet werde. Meine Eltern wurden in der Schule tätlich angegriffen. Alle meine Schwestern wurden von der Universität geschmissen. Meine Familie hat sehr viel gelitten, bis ihr schließlich in Holland Asyl gewährt wurde. Holland hat sie gerettet, und dafür bin ich sehr dankbar. Es geht allen relativ gut, meine Schwestern können weiterstudieren, und auch meine Eltern haben sich mit der Situation gut arrangiert. Meine Familie traf sich mit Benita Ferrero-Waldner, der EU-Kommissarin für Auslandsbeziehungen, und meine Familie sprach im holländischen Parlament. Sie gründete sogar eine Stiftung mit meinem Namen, um mir aus der Gefangenschaft zu helfen. Ich bin allen dankbar, die nicht müde wurden, die Wahrheit zu sagen. Es hätte jeden treffen können. Ich und meine Kolleginnen waren völlig unschuldig, wir waren einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie haben Sie sich in all diesen Jahren ihren Lebenswillen bewahrt?

Ich habe mir immer gesagt: Ein Mensch stirbt nur einmal, niemand kann zweimal sterben. Ich aber werde mit erhobenem Kopf sterben und bis zum letzten Atemzug für die Wahrheit und meine Unschuld kämpfen. Wenn es mein Schicksal ist zu sterben, dann sterbe ich nicht mit gesenktem Haupt.
Ich glaube, dass ich aus meinem Leiden auch eine neue, persönliche Vision einer friedlichen Menschheit gezogen habe. Ich werde niemals jemanden verurteilen oder ihm seine Form zu ­leben verwehren. Alle Menschen werden frei geboren. Ob man Jude, Christ, Moslem oder Atheist ist, sollte völlig gleichgültig sein. Jeder Mensch hat die gleichen Rechte.
Der einzige Grund, warum ich all dies heute erzählen kann, ist, dass ich in einem freien Land bin und eine europäische Staatsbürgerschaft habe. Aber es gibt Tausende von Menschen, die weiterhin in libyschen und anderen Folterkellern darben, ohne das irgendjemand überhaupt weiß, dass sie dort sind.

Wann hatten Sie zum ersten Mal den Eindruck, dass sich außerhalb Libyens politischer Druck aufbaut und Sie nicht vergessen sind?

Wir waren in den Händen eines Schizophrenen. Ob und wann wir jemals wieder freigelassen würden, war völlig unklar. 2002 bestand der bulgarische Außenminister, der die fünf mit mir ­inhaftierten bulgarischen Krankenschwestern besuchte, darauf, auch mich zu sehen. Das war der erste offizielle Besuch, den ich bekam. Ich war damals völlig verzweifelt, denn ich bin Palästinenser und hatte daher keinen Staat im Rücken, der sich für mich engagierte. Ich wusste, dass der bulgarische Außenminister Solomon Passy Jude war. Er kam zu mir, sah mich an und sagte: »Ashraf, sag mir, wie ich dir helfen kann.« Das war für mich ein außergewöhnlicher und sehr glück­licher Moment. Obwohl er Jude war, kam er zu mir und gab mir Hoffnung, während ich den palästinensischen oder sonstigen arabischen Offiziellen völlig egal war. Ich antortete ihm: »Besorg mir die bulgarische Staatsbürgerschaft.«
Ich, als Palästinenser, war gefangen im Gefängnis meines arabischen »großen Bruders«, und mein »Feind« kam, um mir helfen. Meine eigenen Leute verleugneten mich. Der palästinensische Botschafter in Libyen schickte einen Brief an Ara­fat, in dem er behauptete, er hätte mich getroffen und ich hätte ihm gegenüber gestanden, ein Agent der CIA und des Mossad zu sein. Ich habe diesen Mann nie in meinem Leben gesehen. Ich kann keine Worte finden, um das zu erklären.
Heute habe ich die bulgarische Staatsbürgerschaft, worauf ich sehr stolz bin. Diese Staatsbürgerschaft war meine Rettung, da die Libyer den Europäern sagten, ihr könnt eure Staatsbürger haben, aber der Palästinenser bleibt hier. Damals lernte ich, was universelle Menschenrechte bedeuten. Obwohl ich nicht von ihrem Blut war oder ihrer Religion zugehörte, brachen die Europäer die Verhandlungen wegen mir ab. Kurze Zeit später wurde mir die bulgarische Staatsbürgerschaft verliehen, und ich wurde in den Deal mit eingeschlossen.

Sehen Sie irgendeine Möglichkeit, wie sich die Menschenrechtssituation in Libyen und anderen diktatorischen Staaten der Region verbessern könnte?

Nein, in naher Zukunft sehe ich das nicht. Wenn man sich die arabischen Regimes anschaut, sieht man, dass hier eine tief verankerte Kultur von Unterdrückung und Tyrannei besteht. Liby­en könnte mit seinem Öl zum Paradies für seine Bürger werden. Stattdessen ist das Land ein Polizeistaat, der mit eiserner Hand regiert wird. Ich hoffe auf eine mutige Generation oder ein politisches Erdbeben, aber ehrlich gesagt bin ich recht pessimistisch.