Eine Biographie über Johannes Hoffmann von Heinrich Küppers

Verrat am Nazismus

Heinrich Küppers legt die erste Biografie über den katholischen Antifaschisten und Präsidenten des Saarlandes, Johannes Hoffmann, vor.
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Schon vor den fatalen Personalentscheidungen des Papstes hat man im bürgerlichen Deutschland die Katholiken für halbe Nazis gehalten. Das hätten die Nazis, die bereits 1934 katholische Funktionäre umbringen ließen, anders gesehen. Wahr ist, dass es einen katholischen Widerstand nicht gegeben hat – von einer verschwindend kleinen Minderheit abgesehen. Allerdings gelang es dieser Minderheit, nach dem Krieg einen Staat zu gründen, dessen Führungsspitze aus früheren Exilanten bestand.
Regisseur dieses Staats an der Saar war Johannes Hoffmann (1890–1967), einer der interessantesten Außenseiter der Nachkriegspolitik. Man weiß bis heute viel zu wenig über ihn, weil sowohl die linken als auch die rechten Historiker ihn als selbstherrlichen Separatisten abgetan haben. 2007, bei den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Beitritts zu Deutschland, hat die CDU-geführte Landesregierung des Saarlandes im Verein mit den regionalen Medien die Hoffmann-Jahre systematisch ausgeblendet. Umso erstaunlicher, dass nun die erste Biografie Hoffmanns ausgerechnet in einer Schriftenreihe der Konrad-Adenauer-Stiftung herauskommt.
Der Autor, Heinrich Küppers, hat womöglich den Vorzug, von Konservativen beachtet zu werden, damit bezahlen müssen oder wollen, dass er seinem Buch den Untertitel »Biographie eines Deutschen« gab. Hoffmann dagegen hat sich nach 1934 nie anders als einen aus dem Saargebiet gebürtigen Europäer betrachtet; sein politischer Rückblick heißt dann auch »Das Ziel war Europa«. Küppers gibt zu, Hoffmann habe »dem patriotischen Gedanken seit Hitler nur noch bedingt einen Wert« beigemessen. Doch das ist eine arge Untertreibung. Denn in seiner Eigenschaft als Präsident des Saarlandes ließ Hoffmann nationalistische Parteien verbieten, Altnazis und anderes Gelichter, das sich, in seinen Worten, »jetzt wieder aus den Mauselöchern« hervorwagte, ausweisen. Ebendieser »autoritäre Stil im Umgang mit der patriotischen Gesinnung« (Küppers) wird ihm bis heute vorgehalten.
Anders verhielt es sich freilich vor 1933. Zwar stammte Hoffmann aus proletarischem, streng katholischem Milieu, das sich seit je wenig für Berlin und Preußen erwärmt hat. Küppers kann für Hoffmanns Studienjahre sogar Kontakte zu ultramontanen Kreisen nachweisen. Dennoch scheint es gerade im sozialen Katholizismus auch patriotische Stimmungen gegeben zu haben; im Vaterland sollten sich die Klassen aufheben. Hoffmann jedenfalls zog begeistert in den Krieg.
In den zwanziger Jahren stand er in Berlin als Gesinnungsjournalist im Dienst der Zentrumspartei. Küppers, der gründlich geforscht hat, kann dennoch für diese entscheidende Gärungs- und Entwicklungszeit kaum Dokumente vorlegen. Pech für den Autor der »Biographie eines Deutschen«. Denn wenn Hoffmann einmal ein Deutscher war, dann wohl von 1914 bis 1933. Aus dem Wenigen, was überliefert ist, lässt sich immerhin schließen, dass er ein Befürworter der Weimarer Demokratie war und sich dem sozialen Flügel des Zentrums zugerechnet hat.
So erklärt sich seine tiefe Verachtung für Franz von Papen. Weniger erklärlich allerdings ist seine Bewunderung für den katholischen Nationalisten Heinrich Brüning, Reichskanzler von 1930 bis 1932, den er weit über jedes vertretbare Maß hinaus verteidigt hat. Brüning hat es ihm schlecht gedankt. Als Hoffmann in Südfrankreich, die Gestapo bereits im Nacken, dringend ein Affidavit für die USA brauchte, verweigerte es Brüning, der dort im Exil lebte, mit den Worten, es sei »ein Unglück« gewesen, dass Hoffmann 1935 die Saar gegen die Nazis verteidigen wollte.
Bei aller Abneigung gegen die Herrenreiterpolitik Papens und anderer, hat Hoffmann noch bis ins Frühjahr 1933 chauvinistische Ressentiments kultiviert. Noch zu dieser Zeit benutzt er die Formel vom »artfremden Schmutz und Schund« und will selbst das Ermächtigungsgesetz nicht ganz und gar schlecht finden. Dann, schlagartig, schockartig, ändert sich Ende 1933 seine Einstellung, und zwar fundamental. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Er wird auch vom Saargebiet aus gesehen haben, was sich zusammenbraut, die Nazis düpierten ihn einige Male. Aber dass Papen Vizekanzler wurde, hat ihn wohl am meisten erzürnt. Hoffmann, damals Chefredakteur einer Lokalzeitung, suchte die offene Konfrontation mit den Nazis, wurde 1934, also ein Jahr vor deren Machtübernahme an der Saar, entlassen, gründete ein Oppositionsblatt, organisierte den katholischen Widerstand, verbündete sich mit Sozialdemokraten und anderen Gegnern des Anschlusses, wurde Ziel von Verleumdungen und Anschlägen.
Die Geschichte seiner Flucht vor den Nazis findet sich weit besser als bei Küppers, der dazu neigt, antifaschistische Stellungnahmen seines Helden mit dessen cholerischen Neigungen wegzuerklären, in Hoffmanns Tagebuch »Am Rande des Hitlerkrieges«. Neu sind dagegen Informationen über das Exil in Brasilien, wo sich Hoffmann als Faktotum des kanadischen Botschafters verdingen musste.
1945 kehrte Hoffmann zurück und zog »die Konsequenz aus den Verhältnissen, die uns das verbrecherische System des Nationalsozialismus hinterlassen hat«. Er betrieb eine Politik der behutsamen Europäisierung der Saar, manchmal mit, manchmal gegen die französische, aber immer gegen die westdeutsche Regierung (die DDR war aus strategischen Gründen ebenfalls gegen die Autonomie und gab deshalb sogar einen Anschlag auf Hoffmann in Auftrag). Über diese Zeit haben Hoffmanns Gegner so viele Lügen gestreut, dass sich Küppers’ Buch streckenweise wie ein Plädoyer der Verteidigung liest.
Nein, Hoffmann hat nachweislich nicht im Auftrag der Franzosen gehandelt. Aber hätte nicht auch eine Politik des Anschlusses der Saar an Frankreich ihre guten Gründe gehabt? Küppers’ Buch zeichnet leider nur ein unscharfes Bild von Gilbert Grandval, dem Hohen Kommissar und späteren Botschafter an der Saar. Grandval war jüdischer Herkunft, hatte in der Résistance gekämpft und vertrat, trotz oft schwieriger Zusammenarbeit mit Hoffmann, die sukzessive Autonomisierung des Saarlandes. Doch die war schließlich auch der französischen Elite nicht mehr genehm.
Über Hoffmanns Kopf hinweg einigten sich Frankreich und die BRD über die Verteilung der Rohstoffe an der Saar, und es liegt eine bittere Ironie darin, dass ausgerechnet die Montan­union von 1952, also der erste Schritt auf Europa zu, den Anfang vom Ende einer europäischen Saar markiert hat. Denn an dieser Union durfte das Saarland schon nicht mehr mitwirken, auch 1955, bei den Verhandlungen über die Röchlingwerke, wurde es ausgebootet. Und am 25. Februar 1955 erklärte Konrad Adenauer im Bundestag, sein Saarabkommen mit Frankreich habe zum Ziel, Grandval und Hoffmann »zu entfernen«. Hoffmann, der die Debatte am Radiogerät verfolgte, stand wortlos auf, schaltete das Radio aus und ging nach Hause. Er wusste, dass seine Zeit vorüber war.
So gesehen wird die zweite Saarabstimmung, Oktober 1955, in ihrer Bedeutung überschätzt. Die Saar wäre ohnehin nicht mehr zu halten gewesen. Interessant ist diese Abstimmung aber als Indikator für den lange vor Gerhard Schröder wiedererstarkten Nationalismus in Deutschland. Küppers kann belegen, dass die saarländische Bevölkerung noch bis ins Jahr 1954 der Autonomie mehrheitlich zugestimmt hat. Diese Zustimmung brach nicht nur unter dem Eindruck der außenpolitischen Isolierung des Landes und einer Wirtschaftsflaute zusammen. Entscheidend war die Demagogie der wieder zugelassenen prodeutschen Parteien. Angeführt wurden sie von Heinrich Schneider, einem Rechtsanwalt, der die Stirn hatte, seine Nazikarriere als Treue zum Vaterland auszugeben. Er warb mit seinem Porträt in Parteiuniform.
Die deutschen Parteien unterstützten diese Politik, Linke und Liberale stärker noch als die CDU. Erich Ollenhauer rief im Bundestag aus: »Herr Hoffmann ist der Grotewohl des Saarlandes«, sprich: der Verräter. So stand also auf der einen Seite eine Saarregierung aus ehemaligen Exilanten und Résistancekämpfern – sowohl der Polizeichef als auch der Kultusminister waren jüdischer Herkunft –, auf der anderen eine Phalanx aus alten und neuen Nationalisten. Und als Hoffmann »entfernt« war, wurde der Altnazi Hubert Ney Ministerpräsident. Auch wenn manches Detail das Gesamtbild trübt – Hoffmann ernannte einen früheren Gestapo-Mitarbeiter zum Verwaltungsdirektor –, ist die Faktenlage eindeutig: Was Hoffmann bis heute als Verrat vorgehalten wird, war einfach nur Redlichkeit, anders gesagt: Verrat am Nazismus. Es gibt keinen Politiker der BRD oder der DDR, der ebensolchen Mut bewiesen hätte.
Dies belegt zu haben, ist das große Verdienst von Küppers’ Buch. Auch wenn es wie eine Provinzzeitung geschrieben ist, Neugeborene für »Erdenbürger« und Trier für eine »Moselmetropole« hält, ist es unverzichtbar für jeden, der sich für Johannes Hoffmann interessiert, und eine Empfehlung für alle, die die Abzweigungen des deutschen Sonderwegs kennen lernen wollen.

Heinrich Küppers: Johannes Hoffmann (1890–1967). ­Biographie eines Deutschen. Droste, Düsseldorf 2008, 600 Seiten, 49 Euro

Johannes Hoffmann: Am Rande des Hitlerkrieges. Tagebuchblätter. Gollenstein, Blieskastel 2005, 175 Seiten, 19,90 Euro